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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-08-27 · Heft 35 (27.8.1872) · p. Seite 686

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 35 (27.8.1872)
Date
1872-08-27
Page
Seite 686 (sequence 4)
Language
German
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Die Erkemitniß des> Religiös-Sittlichen und die Ausübung desselben in Gedanke, Wort und That — dies war das Ziel, welchem Mose zufolge das israelitische Bott zustreben sollte. Die Vereinigung der Lehre und des Lebens war überall bezweckt. Wenn wir fragen : wollte Moses den Geist seines Volkes thätig haben und entwickeln? so müssen wir dies bejahen; denn er wollte, daß das ganze Volk, Männer und Frauen, Greise und Jünglinge, die Lehre und das Gesetz kennen, sie mit Liebe und Eifer erfassen, darin „forschen sollen Tag und Nacht"; sie sollen in öffentlichen Versammlungen vorgetragen, von den Vätern den Kindern gelehrt und davon gesprochen werden „wenn du sitzest in deinem Hause, wenn du auf dem Wege gehest, wenn du dich niederlegest und wenn du wieder aufstehest" (5 Mos. 6, 6 f.). Nicht die blinde, buchstäbliche Auffassung und Befolgung war dem Volke zur Pflicht gemacht, auch nicht daß es sich von einem Priestergeschlechte die allein gültige Erklärung und Ausdeutung darbieten lassen solle, sondern die „Kenntniß und Erkenntniß" war jedem und allen zur Aufgabe gestellt. Auch war bei dem ganzen Volke die Kunde des Lesens, wohl auch des Schreibens vorausgesetzt, wie mehrfache Vorschriften erweisen. Das Bewußtsein des Volkes war also in Tätigkeit gesetzt und erhalten, und zwar für die höchsten sittlichen und religiösen Aufgaben; nichts sollte geschehen, niemand Großes oder Kleines thun als in vollem Bewußtsein. Warum nun gab Moses dem Geiste des Volkes keinen Anstoß zu den Wissenschaften? Diese Frage scheint uns eigentlich, wenn wir das Zeitalter berücksichtigen, eine naive. Denn, was wir auch von dem von den Aegyptern erlangten Wissen halten mögen, so können wir es doch nicht als eine eigentliche Wissenschaft erachten, die sich erst später Lei den Griechen, namentlich durch Aristoteles, als solche entwickelte. Es war ein Wissen , wie es sich dem Beobachtungsgeiste der betreffenden Nation aufgedrängt hatte, gesammelt und fortgeführt wurde. Ob es bei den ägyptischen Priestern schon eine gewisse systematische Gestalt gewonnen hatte, ist bis jetzt noch nicht nachgewiesen. Allein, selbst dies vorausgesetzt, was für Erfolge hatte Moses von dieser Art Geistesthätigkeit in Aegypten gesehen? Das Volk selbst war zur äußersten Knechtschaft heruntergedrückt, in seiner geistigen, künstlerischen und gewerblichen Thätigkeit auf's strengste an ein beschränktes, überliefertes und unbedingt festzuhaltendes Maß gebunden, und die Priesterkaste benutzte das von ihr erlangte höhere Wissen und das Fortstreben in demselben, um sich die Herrschaft bleibend zu erhalten. Gerade diese Resultate der sogenannten ägyptischen Weisheit oder Wissenschaft waren das Gegentheil von dem , was Moses wollte und was er . in seinem Volke erzielte — die Gleichheit aller, die Freiheit jedes Einzelnen innerhalb des Ganzen, dieselbe Geistesthätigkeit in allen! Es war also eine geistige Befreiung seines Volkes, die er erstrebte, und darum wollte er in demselben ebenso wenig jenes Wissen der Aegypter haben, wie er ihr Kastenwesen und ihr scheußliches Götzenthum verpflanzte. Dies ist die einfache Lösung unserer Frage. Die Pflege und Entwicklung der religiösen Idee und ein mit dem Ackerbau erfülltes Volksleben waren die Aufgaben, die Moses der Nation stellte und die sie im großen Ganzen in bedeutsamster Weise löste; die Erfindung und Pflege der plastischen Künste und der Wissenschaft waren Aufgaben anderer Nationalitäten. Noch eine andere Frage stellt unser Verfasser, nämlich warum Moses, der die Heiligkeit des Eigenthums so nachdrücklich proclamirte, und über Gerechtigkeit im Verkehr, rechtes Maß und Gewicht, die Vermeidung alles Lugs und Trugs so treffliche Aussprüche gethan hatte, auf die Verletzung des Eigenthums eine so geringe Strafe, wie die Zahlung eines Fünftels außer dem Ersätze gestellt habe? Er findet darin eine Ursache, daß die Gewissenhaftigkeit des Volkes nach dieser Seite hin geschwächt worden sei. Man sieht, Herr Du Mesnil- Marigny ist Nationalökonom, kein Legist, noch weniger ein gelehrter Legist. Zunächst ist seine Aufstellung nicht richtig. Der Ersatz mit einem Fünftel fand nur statt, wenn der Dieb oder Betrüger Neue empfand und seine That bekannte, während im anderen Falle ein zweifacher, vierfacher und fünffacher Ersatz je nach dem Grade des Verbrechens und dem Gegenstände als Strafe festgesetzt war. Das Princip des mosaischen Gesetzes war auch hier das ^us talionis, welches den Verbrecher daran bestraft wissen will, woran er gefrevelt hat; die Verletzung des Eigenthums durch Strafe am Eigenthum. Dies war aber nicht in die Luft gebaut, sondern wenn der Dieb nicht genug Vermögen besaß, um den Strafersatz zu leisten, so wurde er als.. Knecht verkauft, bis er den Werth der Strafe abverdient hatte. So kam der Geschädigte wieder zu seinem Eigenthum, was die moderne Gesetzgebung nicht fertig bekommen hat. Der Dieb aber war einerseits durch die leichtere Strafe im Falle reuigen Bekenntnisses hierzu aufgemuntert, andererseits durch die

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