Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1872)
- Date
- 1872-08-27
- Page
- Seite 685 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Handwerk einen Beinamen. Herr Du Mesnil-Marigny geht also viel zu weit, wenn er den Israeliten geradezu Abneigung gegen die gewerbliche ThLtigteit zuschreibt. Es ist ganz irrig, wenn er behauptet: „Eine außerordentliche Einfachheit, die verzweifeltste Gleichförmigkeit waren in der Mehrzahl der Fabrikationen vorgeschrieben. Die verschiedenen Kleidungsstücke der beiden Geschlechter mußten den einmal unwiderruflich festgestellten Typen entsprechend sein." Woher hat dies unser französischer Autor? Die Amtstracht der Priester und Leviten war genau vorgeschrieben; sonst aber herrschte völlige Freiheit mit der einen Ausnahme „ein Kleid von zweierlei Stoff, Schaatries, komme nicht auf dich" (3 Mos. 19, 19). Er weiß daher auch diese abnormen Behauptungen nur durch die eben gedachte Stelle zu erhärten, sowie durch diejenige des Propheten Zephanja (1, 8, nicht, wie bei Du Mesnil-Marigny steht, 19, 19): „Da ahnd' ich an den Fürsten und an des Königs Söhnen und an allen, die in fremdes Kleid sich kleiden." Hier ist aber, wie der Zusammenhang zeigt, von fremden Sitten, den aus der Fremde ein geführten Ausschweifungen die Rede, also von gesetzlichen Verboten keine Spur. Sonst könnte man eben so gut aus Jesajas 3, 18 ff. herleiten, daß gesetzlich alle Schmucksachen und Putzgegenstände für die Frauen verboten gewesen seien. Die Worte der Predigt gegen übertriebenen Luxus, Ueppigkeit und Völlerei sind niemals mit gesetzlichen Verboten hinsichtlich der gewöhnlichen Lebensart zu verwechseln. Im Gegentheil erweisen diese und andere Stellen, daß trotz der allerdings ursprünglich vorhandenen und erzielten Einfachheit sich Prachtliebe, Putzsucht und Luxus viel zu viel auch in das Land Israel eingedrängt hatten, darum aber auch die gewerbliche Thätigkeit nicht so gering geblieben sei, wie der Verfasser uns überreden möchte. Geht er doch so weit, in dem Verbote eines Altars aus gehauenen Steinen, das offenbar gegen die Götzenbildnerei gerichtet war, eine Feindschaft gegen den Luxus zu sehen, während doch, wie er selbst zugestehen muß, Heiligthum und Altar einen großen Reichthum an sich trugen. Er folgert daraus selbst auf die bei den jetzigen Juden noch vorherrschen sollende übertriebene Sparsamkeit und Abneigung gegen den Luxus — da kennt er aber seine Leute wahrlich schlecht. Gegen alle geschichtlichen Thatsachen hält daher Herr Du Mesnil-Marigny die Meinung aufrecht, die Handwerke hätten bei den alten Israeliten in Verachtung gestanden. Noch eine Stelle führt er hierzu an: 2 Sam. 3, 29. David schleudert nämlich einen Fluch auf das Haupt Joabs, der den Abner meuchlings getödtet hat, den er aber wegen seiner Macht »nicht strafen kann; er sagt: „es schwinde nicht aus dem Hause Joabs Flüssiger und Aussätziger, und der sich an der Krücke festhält, und der durch's Schwert fällt" re. Hier behalten, -trotzdem der Zusammenhang die richtige Uebersetzung von durch die Septuaginta mit „Krücke" genügend erweist, einige die Bedeutung „Spindel" (Spr. 31, 19) bei, und dies legt der Verfasser so aus: die Nachkommen Joabs sollten verachtete Handwerker sein! Unser Verfasser hebt rühmend hervor, daß die Musik eine von den Israeliten mit großem Erfolge gepflegte Kunst gewesen sei, daß die Nation für diese eine schöpferische Anlage gehabt habe, die sich bis heute in den Juden erhalten und bethätigt hat. Dahingegen wundert er sich, daß Moses den Wffenschaften völlig-abgewandt gewesen sei, die doch zur Vervollkommnung des menschlichen Geistes so wesentlich vothwendig sind. Wir wollen auf diese Frage etwas näher ein gehen, da sie jedenfalls sehr viel Charakteristisches enthält. Er ffagt: .Mach Moses müßte die ganze Summe der lebendigen Kräfte einer Nation auf die Production von nützlichen Dingen - gerichtet sein. Jede andere Richtung, selbst wenn sie die Vervollkommnung der -Wissenschaften zum Ziele hätten, schien ihm dazu angethan, den Menschen von dem Gebete und der Verehrung seines Schöpfers abzulenkem" — Mit diesen von Herrn Du Mesnil-Marigny gewählten'Ausdrücken kann man sich nicht ganz einverstanden erklären. Die Worte ,^vom Gebete und von der Verehrung seines Schöpfers ablenken" geben zu einem völligen Mißverständniß der mosaischen Lehre und ihres Geistes Raum. Von „Gebet" ist nirgends die Mede, und die Verehrung Gottes wird nirgends als etwas Abstraetes, sondern als eine im Leben zu b elh ätigende Empfindung mit dem „Wandeln in den Wegen Gottes" und Gehorsam gegen das Gesetz verbunden. Die Worte des Herrn Du Mesnil-Marigny. tragen den Charakter der christlichen Askese, von der in den Schriften des alten Testamentes noch kaum eine Spur sich findet. Nicht minder sind die Worte „Production von nützlichen Dingen" im gewöhnlichen Sinne des Wortes falsch, und stehen im Widerspruch mit den früheren Aeußerungen unsres Verfassers, daß Moses das materielle Interesse dem moralischen nachgesetzt und geopfert habe. In der That, die 'Richtung, welche Moses dem Geiste seines Volkes geben wollte, ging auf die Herrschaft des Religws - Sittlichen im Volke als Staat und Gemeinde und injedem-Einzelnen. 35*