Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1872)
- Date
- 1872-08-20
- Page
- Seite 673 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226852-3226887--30906-3253804- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
- Vilnius 1× ep/1000947
OCR text
Wirklich, mankann sich des Ekels vor der ganzen Sippschaft in dieser rumänischen Gesellschaft nicht erwehren, denn zugeben muß man, daß hier kein Theil ohne Mitschuld ist. Die civilisirte Welt hat denn auch bereits zu Gerichte gesessen und Regierung wie Volk, Reichstag sammt Geschworenen verurtheilt. Bukarest, 7. August. (Privatmitth.) Nach einer Bekanntmachung ist die Finanzoperation betreffs des Tabaksmonopols vollständig gelungen und das der Regierung zu zahlende Capital mehr als gesichert. Man ersieht hieraus, daß die Finanzwelt die an sie gestellten Ansprüche, gegen die Rechtsverletzungen in Rumänien durch Verweigerung des Credits zu antworten, zurückgewiesen hat; für Humanität und Recht ejnzutreten, fällt der Finanzwelt nicht ein; sie glaubt genug gethan zu haben, wenn' sie dem Bedürftigen einige Groschen hingeworfen, die ihn nicht leben und nicht sterben lassen. Es kann sein, daß auch dies ihr irgend einmal angerechnet wird. Sie will es nun einmal dem Geiste allein überlassen, für Recht und Menschlichkeit zu kämpfen; dieser Geist war es bis jetzt allein, der das Gestrüpp auf der Flur der Menschheit weggeräumt hat, auf welcher auch die Finanzwelt sich jetzt frei bewegt. Ist es doch sehr bequem, anderen die Arbeit zu überlassen und sich den Genuß vorzubehalten. Rußland. St. Petersburg, iw Juli. (Privatmitth.). . Ueber den Schulbesuch der jüdischen Jugend in den nord- und südwestlichen Gouvernements des Kaiserreichs, in welchen seit dem Jahre 1844 specifisch israelitische Regierungsschulen gegründet wurden, liegen uns folgende statistische Mittheilungen vor: Die zwei Rabbinerschulen zu Zhtomir und Wilna werden von 674 Schülern besucht; die fünf Elementarschulen zweiten Ranges und zwar zu Berditschew, Altkonstantinow, Odessa, Winyica und Kischenew zählen 220 Schüler; 25 Elementarschulen ersten Ranges mit 4762^ Schülern; 21 allgemeine Elementarschulen mit 782 Schülern; zwei Mädchenschulen zu Odessa und Wrtsch mit 260 Schülerinnen, Die Gesammtzahl der jüdischen Schüler und Schülerinnen,. Welche israelitische Staatsunterrichtsanstalten besuchen,, beträgt somit 6698; während-außerdem zu. Pen nichtjüdischen.Regierungsschulen, höheren wie niederen, die . jüdische Bevölkerung ein ansehnliches Contingent stellt. In den jüdischen Privatschulen, Chedarim, Talmud Thoras rc. werden circa 20,000 Kinder unterrichtet.. Was speciell die Rabbinerschulen anbetrifft, so wurden sie bekanntlich im Jahre 1842 von dem damaligen Minister für Voltsaufklärung, dem genialen und von den besten Absichten geleiteten Grafen Uwarow, und zwar zu dem Zwecke in's Leben gerufen, um durch zeitgemäß gebildete Rabbiner, die für die Gemeinden selbst noch nicht im entferntesten ein Bedürfniß waren, auf die große jüdische Masse wohlthätig einzuwirken, sie zum Aufgeben ihrer Sonderstellung zu bringen, an die russische Sprache und Nationalität zu gewöhnen und namentlich die jüdische Jugend zum Besuch der öffentlichen Schulen anzuhalten. Der Rabbiner wurde zur officiellen Mittelsperson zwischen Regierung und Gemeinde gemacht; ihm wurde die Führung der Matrikeln übertragen; alle kirchlichen und civilgerichtlichen Acte haben dem Staate gegenüber nur dann Gültigkeit, wenn sie die Unterschrift und das Siegel des Rabbiners tragen; über wichtige Angelegenheiten des Gemeindelebens hat er der Regierung zu referiren und Vorschläge zu machen, wie umgekehrt diese sich nur des Rabbiners bedient, um mit den Gemeinden zu communiciren. Die genannten Rabbinerschulen sind nun innerlich und äußerlich so organisirt, daß sie wohl in der Lage sind, tüchtige Männer heranzubilden, die ihren hohen Aufgaben vollauf gewachsen sind; in Cursen, welche 10 Classen umfassen, erhalten die Zöglinge von anerkannt gediegenen Lehrern in allen Zweigen sowohl der jüdischen Theologie als des. profanen Wissens theoretischen und praktischen Unterricht und nach absolvirten Studien ein Rabbinerdiplom. Man steht, alles ist hübsch geordnet und eingerichtet, und man sollte meinen, die Resultate müßten, dem entsprechend, auch recht glänzende sein. Aber nichts weniger als dies. Man vergaß, daß man esmit einer in der all-' gemeinen Bildung sehr, sehr weit zurück gebliebenen Masse zu thun hahe, die argwöhnisch und fanatisch gegen alle Bildung und Cultur sowie gegen die Träger derselben , und namentlich wenn diese sich Rabbiner nennen, die in den Rabbinerschulen h^rangebildeten Geistlichen, welche sie mit dem Spitznamen „Regierungsrabbiner" belegte, atz ihr gewaltsam aufoctrohirt ansah und demgemäß auch, ynter Beibehaltung ihres Dajans oder mehrerer, behändeste- Anstatt nun,, in 34*