Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-08-20 · Heft 34 (20.8.1872) · p. Seite 666

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 34 (20.8.1872)
Date
1872-08-20
Page
Seite 666 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3224737-3226852-3226887--30899-3253797
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

And dies kann allerdings nur durch eine starte Betonung des Moralischen geschehen, denn dem Materiellen geht der Mensch schon von selbst nach. Ist es doch das größte Unglück unserer Zeit, daß das moralische Bewußtsein in der materiellen Welt so überaus abgeschwächt worden ist, daß der Arbeiter in der Arbeit und in der Pflichterfüllung nichts alpinen materiellen Zwang sieht, der Besitzende nur eine Quelle des Reichthums. Daß ■ eS außerhalb der Befriedigung der materiellen Bedürfnisse noch ein menschliches Glück in der Familie, in der Zufriedenheit und in geistige^ Leben giebt, dieses Betvugtfein ist der modernen Arbeiterwelt ganz entschwunden. Da dies nun in der alten Welt ebenso gut stattfand, wie in der modernen, so mag sich selbst ein Nationalökonom besinnen, bevor er Mose einen Borwurf daraus macht, das moralische Interesse mit dem materiellen in starker Weise verbunden oder, wie der Verfasser meint, ihm vorangestellt zu haben. Der Verfasser findet nämlich, daß Moses die körperliche Arbeit in Verachtung gebracht habe, weil sie in der Erzählung vom Paradiese als eine von Gott verhängte Strafe bezeichnet und auf. das Arbeiten am Sabbath eine so strenge Strafe gesetzt worden sei. Denn den Sabbath an sich, also einen Ruhetag in der Woche, verwirft auch der Nationalökonom nicht, nur daß er größere Freiheit an ihm haben will. Nun, jener erste Vorwurf ist von geringer Bedeutung; zu den metaphysischen und psychologischen Fragen, welche der erste Theil des ersten Buches Mose's beantworten soll, gehört auch diese: warum finden alle übrigen Geschöpfe ihre Nahrung überall in der Natur, während der Mensch sie sich erst erarbeiten muß? Daß aber Moses die menschliche Arbeit, auch die körperliche, aus dem höchsten GesichtSpuncte betrachtet, und in ihr einen moralischen und materiellen Inhalt vereinigen will, wird dadurch klar, daß er die menschliche Arbeit mit dem göttlichen Schöpfungswerke gleichstellt; wie Gott geschaffen hat, soll auch der Mensch arbeiten; wie Gott sechs Tage geschaffen und am siebenten geruht hat, so soll auch der Mensch sechs Tage arbeiten und am siebenten ruhen. Eine höhere Weihe konnte doch wohl der menschlichen Arbeit nicht gegeben werden. Der Mensch soll aber, nach Moses, nicht der materiellen Arbeit allein anheim fallen, er soll sich am siebenten Tage von der materiellen Arbeit trennen, um in der Ruhe auch den höheren menschlichen Beziehungen zu leben, sie immer wieder in sich zu erneuen und zu verstärken, wie die Schrift sagt, „Ruhetag, ihn zu heiligen, dem Ewigen Deinem Gotte." Wir bemerken nur, daß es sich hierbei nicht um eine bloße gottesdienstliche Feier handelte, denn , diese war in Israel, bevor die Synagogen entstanden, ja nur am Sitze des HeiligthumS möglich. Sehen wir also von den einzelnen Gesetzesbestimmungen ab, halten wir uns nur an Motiv und Gedanken, so sehen wir, daß Moses der Arbeit einen religiös sittlichen Werth einsenken und gerade deshalb die Arbeit jeden siebenten Tag aufhören lassen wollte. Dies freilich mußte er mit einer besonderen Strenge durchführen, wenn die Institution im Volke Wurzel schlagen sollte. Wir kommen also theoretisch wie factisch zu einem Resultate, das dem unsers französischen Autors entgegengesetzt ist*). *) S. unsere Abhandlung „Die Arbeit nach der heiligen Schrift", Jahrg. 1862, S. 135 ff. Einige praktische Fragen. Wenn es ein Vorzug unsrer Zeit ist, ebenso nach praktischer Verwirklichung als nach theoretischer Begründung zu streben (womit wir nicht sagen wollen, daß nicht viele Versuche nach beiden Seiten hin verfehlt erscheinen), so ist es eine Aufgabe der periodischen Presse, beiden Richtungen nachzugehen, und ihnen, so weit es an ihr ist, ihre Unterstützung zu leihen. Gern heben wir daher an dieser Stelle ein Schriftchen hervor, daS in diesen Tagen erschienen ist, und dessen Reinertrag in die Unterstützungscaffe des israelitischen rheinisch-westphälischen Lehrervereins fließt (Preis 5 Sgr., ohne daß selbstverständlich Mehrgaben zurückgewiesen würden): „Drei Vorträge, gehalten auf der Lehrerconferenz zu Neuß am 21. Mai 1872. Münster, in Commission von E. Obertüschens Buchhandlung." Wir können es hierbei nicht unterlassen, die Ausdauer und Lebenskraft dieses Lehrervereins zu rühmen, der bereits seit Jahrzehnten regelmäßig seine jährlichen Conferenzen hält und sich eine nun schon ziemlich gut dotirte Unterstützungscasse geschaffen hat. Er vermochte dies allerdings nicht ohne mancherlei Kämpfe zu-bestehen und ohne bedauern zu müssen, daß so viele Mitglieder des jüdischen Lehrerstandes, besonders aus der Rheinprvvinz, sich gleichgültig gegen ihn verhallen. Es hat sich aber mit der Zeit ein Grundstock dieses Vereins gebildet, Männer , dje

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.