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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-08-13 · Heft 33 (13.8.1872) · p. Seite 660

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 33 (13.8.1872)
Date
1872-08-13
Page
Seite 660 (sequence 18)
Language
German
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660 Lebens hingab, reichte auch das Wort aus zur Erhaltung und Verbreitung der neuen Religion. Als sie aber den mächtigsten Thron des Heidenthums, den römischen Kaiserthron bestiegen hatte, von dem aus auch die Herrschaft dieser Welt behauptet werden konnte, da begnügte der Fanatismus sich nicht mehr damit die Andersgläubigen zu gewinnen, sondern er verfolgte sie. Und wie denn ein falsches Princip sich immer an dem rächt, der es gewaltsam durchsetzen will, so gab es in dem eigenen Glaubenskreise bald Glaubensspaltungen, und der Fanatismus wüthete im eigenen Lager, mit Feuer und Schwert, mit Ketzerriecherei und Schlächterei, mit Inquisition und Scheiterhaufen, mit Excommunication und Syllabus. Dabei soll nicht in Abrede gestellt werden, daß das Christenthum das Verdienst hat den größten Theil von Europa der Cultur zugänglicher gemacht zu haben, und daß das Bestreben, die Heiden selig zu machen, hierzu ein mächtiger Beweggrund gewesen ist; wir glauben aber, daß das ernste Bestreben jene Völker glücklich zu machen eben so schnell und in würdigerer Weise zu demselben Ziele geführt haben würde. Denn zur Verbreitung geistiger Cultur fand ja das Christenthum doch nicht die Mittel in sich selber, sondern mußte zu den, so schnöde von ihm zurückgesetzten Bildungsmitteln des Heidenthums seine Zuflucht nehmen. Erst als man bei den griechischen und römischen Lehrern der Wissenschaft, der Kunst und der Rechtspflege in die Schule ging, begann die mittelalterliche Barbarei allmälig sich zu lichten. Darum finden wir es gerechtfertigt und rühmlich, daß das Juventhum den Grundsatz, in ein fremdes Gewissen nicht störend einzugreisen, festgehalten hat bis auf den heutigen Tag, und sind der Meinung, daß, wenn das Christenthum den Frieden in seinem eigenen Schoße Herstellen und die Mission der Culturverbreitung energisch nach Außen betreiben will, es auf das Princip der Nichtintervention zurückgreifen müssen wird. — Folgen Sie mir nun noch auf einen andern Schauplatz, auf welchem der jüdische Nationalcharakter in seinem doppelten Zuge des An- und Abschließens sich siegreich bewährt hat. Die Halbinsel Arabien, von drei Seiten vom Meere, nämlich vom persischen Meerbusen, vom invischen Ocean und vom rothen Meere eingeschlossen, und auf der vierten nördlichen Seite durch das wüstenartige steinige Arabien schwer zugänglich und von dem angränzenden Syrien und Palästina getrennt, bietet dem Auge eine wahre Wunderlandschaft dar, in welcher das Lieblichste und das Schauerlichste dessen, was unsere Erde hervorbringt, in häufiger Abwechselung neben einander liegen.' Das flüchtige Roß trägt den wohlbewaffneten Reiter, das geduldige leichtfüßige Kameel seine Frau, sein Zelt und seinen Hausrath rasch aus Gegenden voller Schrecken und Todesangst in solche voller Anmuth und heitern Lebensgenusses. Wer eine Hölle und ein Paradies auf Erden in benachbarter Lage kennen lernen will, der muß Arabien bereisen. Dieses Land würde von der Urzeit an von einem Gemisch von Volksstämmen bewohnt, welche alle nach einer sorgfältig geführten Stammtafel und in Uebereinstimmung mit den jüdischen Geschichtsquellen ihren Ursprung zuerst auf Ioktan, den Sohn Schems, und später auf Jifchmael, den Sohn Abrahams, zurückführen. Statur, Leibesbildung, Gesichtszüge und, was am entscheidendsten ist, ihre Sprache sind untrügliche Zeugnisse, daß sie aus demselben Stamme, dem die Hebräer entsprossen, hervorgegangen sind. Was aber zwischen ihnen und den Hebräern eine hohe Scheidewand gezogen hat, das wird von unserer Thorah mit einem sehr markanten Zuge gezeichnet. Sie sagt von Jifchmael: rrrr ann 12 b2 Ti b22 it1 an« ans „Er wird ein Wildling von einem Menschen sein, seine Hand gegen Alle und die Hand Aller gegen ihn." (Gen. 16, 12.) Wildlinge waren alle diese Stämme, dem Ackerbau abhold und nur von ihren Heerden und den freiwilligen Erzeugnissen ihres fruchtbaren Bodens sich ernährend,. noch zu der Zeit, als Israel schon längst von seiner Hände Fleiß, vom Ertrage seines Ackers und gewinnbringender Arbeit lebte. Ihr häufiges Zusammentreffen auf den Weideplätzen, in den Brunnengehägen und in den Palmenhainen erzeugte fortwährend Fehden unter einander, die durch die Sitte der Blutrache von Geschlecht zu Geschlecht forterbten, während Israel schon längst in einem friedlichen, vom Gesetze geschützten Staatsverbande ruhig lebte. Man hätte glauben sollen, eher würden Wolf und Lamm zusammen weiden, als die Söhne der Sara neben den Söhnen der Hagar ihre Zelte aufschlagen; aber merkwürdigerweise treffen wir schon beim ersten Auftauchen der Araberstämme in der Weltgeschichte, d. i. im sechsten Jahrhundert nach der gewöhnlichen Zeitrechnung, eine beträchtliche Anzahl jüdischer Gemeinwesen in ihrer Mitte. Wann sie zuerst dahin gekommen sind, ob, wie Einige meinen, schon unter Josua oder erst nach der Zerstörung des zweiten Tempels, darüber fehlen sichere Nachrichten. Nach arabischen Berichten waren sie schon 700 Jahre vor Muhammed so angesehen im Lande, daß einige eingeborene Stämme das Judenthum annahmen. Der Zug des Anfchließens an die Lebensweise des Landes und seiner Bewohner, soweit sie mit der Religion nichts zu schaffen hat, tritt uns auch hier wieder in Staunen erregender Weise entgegen. Sie nehmen die hier allgemein bestehende Stammesverfaffung an, nach welcher mehrere Familien unter einem Häuptling (Scheich) stehen, der ihre Angelegenheiten in Frieden ordnet und bei Streitigkeiten als Richter entscheidet. Sie tummeln ihr Roß eben so geschickt wie die Eingeborenen, bedienen sich des Kameels als Saumthier, nur daß sie sein Fleisch, den Eingeborenen eine Leckerei, zum Genüsse verabscheuten. Manche lebten ganz wie die Beduinen, doch hatten Andere auch die Lebensweise ihrer frühern Heimath beibehalten, wohnten in Häusern und befestigten Burgen. Es darf nicht verschwiegen werden, daß manche auch die

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