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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-08-13 · Heft 33 (13.8.1872) · p. Seite 659

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 33 (13.8.1872)
Date
1872-08-13
Page
Seite 659 (sequence 17)
Language
German
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Zeitung -es Iudenthumö. Femlleton-Leilage zu Ar. 33. Leipzig, den 13. August 1872. Das An- und Abschließende im Nationalcharakter der Inden. Vortrag, gehalten vom Rabb. vr. A. Stein in Prag. (Fortsetzung.) Unter solchen Verhältnissen trat in Galiläa in dem Städtchen Nazareth, am tiberenfischen See, Jeschua auf. Er hatte das ganze Land durchzogen und überall viel Volk um sich versammelt, das seinen Reden aufmerksam lauschte. Alles was von seiner Geburt, seinem Leben, seinen Euren und Wundern, ja selbst von seinen Lehren und Reden, sowie von seinem Tode von Personen, die ihn nur von Hörensagen kannten, uns berichtet wird, ist von Freund und Feind theils verschönert, theils entstellt worden. Nur das wissen wir mit Bestimmtheit, daß sich nach seinem Tode in Jerusalem eine Versammlung von Männern und Frauen aus allen Provinzen des jüdischen Landes bildete, welche fest des Glaubens waren, er werde wiederkommen und das in seinen Grundfesten erschütterte jüdische Reich wieder aufrichten. Außer in dem Glauben, daß der ihnen durch den Tod entrissene und von Stunde zu Stunde zurückerwartete Lehrer der von allen Juden erhoffte gesalbte Erlöser sei, unterschieden sich diese Juden in Nichts von ihren Religronsverwandten, und wären sie nicht durch ein von ihnen selbst nicht vorgesehenes Ereigniß in eine Richtung getrieben worden, die dem Nationalcharakter der Juden so ganz und gar widerstrebte, es hätte die Secte der Ebioniten sich eben so gut im Judenthume wieder zurecht gefunden, wie andere jüdische Secten dieser Zeit. Schon die Einrichtung der Gütergemeinschaft, die sie unter sich eingeführt hatten, würde ihren Bestand auf die Dauer und ihre weitere Ausbreitung unmöglich gemacht haben. Das Ereigniß aber, das sie. in neue, Welt erobernde Bahnen trieb, war eben aus dem Geiste geboren, der dem abschließenden Nationalcharakter der Juden entschieden widerstrebte, und hat diesem Widerspruche gemäß eine von der jüdischen Religion sich immer mehr entfernende neue Religion erzeugt. Saulus, aus TarsuS in Cilicien gebürtig, von Hause aus schon der griechischen Sprache mächtig, bildete sich im Lehrhause des Rabbi Gamliel zu Jerusalem zum Schriftgelehrten aus. Im Widerspruche mit seinem Lehrer, welcher in ächt jüdischem Geiste Nichteinmischung in den Glauben Anderer lehrte, trat er zuerst als fanatischer Verfolger der neu erstandenen Ebionitensecte auf. Da seine Verfolgungswuth, wie natürlich, eben so starke Beharrlichkeit auf Seiten der Verfolgten hervorries, so erzeugte dies seine Bewunderung, und die Verfolgung schlug dann in ihr Gegentheil um, nur um in anderer Richtung wieder aufzutreten. Er trat zu der neuen Secte mit dem Vorsatze über, die ganze Menschheit für die neue Lehre zu gewinnen, eine Lehre, die in ihm selbst nicht zur Klarheit gekommen war, und die nur in dem unbedingten blinden Glauben an die Göttlichkeit eines Menschen, den er selber nie gesehen noch gehört hatte, gipfelte. Diesen Glauben muß man den Heiden durch alle Mittel der Beredsamkeit aufzwingen, daher muß vor allem das jüdische Princip der Nichtintervention in Gewissenssachen aufgegeben und, wenn es nöthig und nützlich erscheint, das ganze Judenthum fallen gelassen werden. Diese Nothwendigkeit und Nützlichkeit stellte sich, wie es nicht anders sein konnte, den Heiden gegenüber immer mehr heraus, und hier war es, wo die Wege des Judenthums und des Paulinischen Christenthums — denn Paulus nannte sich jetzt der ehemalige Saulus — für immer aus einander gingen» Der Grundgedanke des Judeuthums, daß Religion von Gott ausgegangen sei, daß die Menschen, und am entschiedensten die Väter und Gründer des jüdischen Volkes, aus freier Entschließung durch Eingehung eines Bundes sie angenommen haben, daß in diesen Bund jeder eintreten könne, aber immer nur aus freier Entschließung als Ergebniß des ruhigen, klaren Denkens, dieser Grundzug der Abschließung im jüdischen Nationalcharakter wurde völlig aufgegeben. So lange der Fanatismus des Seligmachens nur vom Glauben an die eigene Seligkeit unterstützt wurde, so lange man für das selige Jenseits das glückliche Diesseits in Erduldung der bittersten Leiden und Aufopferung des

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