Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1872)
- Date
- 1872-08-13
- Page
- Seite 650 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Islam, um sich mit Gut und Blut zu. verpflichten, denselben in seiner Reinheit aufrecht zu erhalten und gegen jede Reform zu schützen und zu vertheidigen. Man sucht , in allen Ländern den nur leise schlummernden Fanatismus der Muhammedaner zu wecken, und es kann da eine schöne Lohe zum Himmel aufschlagen. Eines nur könnte dabei gewagt sein und diese /Bewegung selbst ersticken:, man will nämlich zuvor auf eine Vereinigung der islamitischen Secten (man zählt deren officiell schon 70) Hinarbeiten, um eine einzige muhammedanische Ligue zu schaffen; aber man weiß, wie gerade orthodoxe Secten sich am wenigsten zur Vereinigung Herbeilaffen, und aus derartigen Versuchen immer nur ein größerer Zwiespalt hervorgeht. Wie dem aber auch sei, wenn diese Erweckung der islamitischen Orthodoxie sich ausbreitet, wird es auch in den muhammedanischen Ländern an Erschütterungen nicht fehlen. So scheint es das Schicksal unsrer Zeit zu sein, in der gesummten Menschheit den Kampf der Orthodoxie mit der modernen Geistesrichtung und dem cultivirterey Leben noch einmal mit aller Kraft entbrennen zu sehen. Wird doch selbst in Japan und China eine Reaction nicht ausbleiben. Am besten sind wir Juden hierbei gestellt, da bei uns dieser Kampf lediglich Sache des individuellen Gewissens ist und es sich bei ihm weder um politische-Macht, noch um materiellen Besitz handelt. — Von der Wohnungsnoth in Berlin hat wohl jeder Leser schon gehört. Jüngst fand eine Versammlung angesehener Männer statt zu einer freien Berathung, wie ihr wohl abzuhelfen sei. Diese Berathung berührte mich unangenehm. Ich dachte an das Beispiel jenes jüdischen Banquiers, der vor kurzem 100,000 Thaler zinslos als ein Capital zur Erbauung von Wohnungen für kleinere Miether angeboten hat. Wenn in dieser Versammlung dieses schöne Beispiel Nachahmung gefunden hätte, wie bedeutendes könnte alsbald geschafft werden! Anstatt dessen verhandelte man in jener Versammlung nur, auf welche Weise man wohl eine angemessene Dividende aus den zu verwendenden Capitalien gewinnen könne. Es scheint also, daß eine gewisse, oft gerühmte „Liebe" doch noch etwas von der „jüdischen Liebe" lernen könne. Seesen, im Aug. (Privatmitth.) Bekanntlich hat neben der großartigen Stiftung des seligen Präsidenten Jakobson der Sohn desselben, Herr Meyer -Jakobson, an hiesigem Orte eine Waisenanstalt für Knaben gegründet, die. seit ihrem Entstehen unter der Leitung des Jnspectors Herrn I. Stern steht. Am 30. Juni o. hatte die Waisenanstalt ihr zweites Jahrzehnt zurückgelegt, und Herr Stern veröffentlichte bei dieser Gelegenheit einen Bericht als „Festgabe." Einleitend bespricht Herr Stern in gedrängter zutreffender Weise die vielfach ventilirte Frage: ob Waisenhaus? ob Unterbringung der Waisen bei Familien? Die Frage läßt sich dadurch nicht entscheiden, daß man die angemessene Einrichtung und Leitung eines Waisenhauses betont, denn diese Voraussetznng trifft auch die Familienerziehung. Herr Stern kommt zu dem Schluffe, daß die Erziehung in einem Waisenhause unter der Bedingung vorzuziehen sei, daß die Zahl der Zöglinge nicht zu groß werde, wie denn in seiner Anstalt die Zahl 21 nicht überstiegen wird. Dagegen giebt er den Nachtheil zu, wenn die Erziehung im Waisenhause zu einer Massen- und Schablonenerziehung wird. Man lese dies in dem trefflich geschriebenen Aufsatze selbst nach. Ueber die Dotirung der Anstalt in Seesen theilt der Bericht folgendes Interessante mit: „Die Zahl der- Zöglinge ist im Laufe der Zeit von 12 auf 21 gestiegen. Es wäre dies unmöglich gewesen , wenn nicht die hochherzige Liberalität des Stifters stets für ausreichende Mittel gesorgt-hätte. Da die Kosten bei dem fortwährenden Wachsen der Anstalt und der stetigen Steigerung der Preise besonders in den letzten Jahren die ihr aus den Zinsen eines Capitals von, 40,000 Thalern, des ursprünglichen eisernen Fonds der Anstalt, erwachsenden Mittel, weit überstiegen, so vermehrte der edle Stifter im Jahre 1870 das Grundcapital um 20,000, und im Herbst 1871 um 12,000 Thaler, so daß dasselbe jetzt 72,000 Thaler beträgt. Damit haben die außerordentlichen Zuschüsse, durch welche Herr Jakobson bisher.jedes Deficit deckte, aufgehört, und es ist bestimmt worden, daß im Falle einer weiteren Preissteigerung der Lebensbedürfnisse, die Schülerzahl der-Anstalt nach und - nach bis auf 16 zurückgeführt werden dürfe. — Der Freigebigkeit des Herrn M. Jakobson verdankte die Anstalt auch eine bedeutende Vermehrung ihrer Bibliothek, einen physikalischen Apparat, ein Tellurium, ein vorzügliches Mikroskop und verschiedene zugleich zur Unterhaltung und Belehrung dienende Spielgeräthe." :-r.o