Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-08-13 · Heft 33 (13.8.1872) · p. Seite 649

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 33 (13.8.1872)
Date
1872-08-13
Page
Seite 649 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226852-3226886--30881-3253778
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

diesmal abwarten wollen. Einstweilen lassen sich denn doch mancherlei Bemerkungen machen. Was auch geschehen mag, nachtheilige Stimmungen und Gewohnheiten lasten fort und fort auf uns Juden und können durch alle möglichen Proteste noch immer nicht beseitigt werden. Man empfindet es unangenehm, wie noch stets bei jeder Unzukömmlichkeit und jedem Vergehen, wobei ein Jude betheiligt ist, der Titel „Jude" hervorgehoben wird, ohne daß Aehnliches bei einem Katholiken, Protestanten u. dgl. geschieht. Was einmal in diesem Blatte aus einer rheinischen Zeitung erzählt ward, daß es nämlich darin hieß: „ein Fuhrmann und ein Jude gingen neulichst über Land u. s. w.", das kommt in anderer Weise täglich vor. Jüngst wurde eine große Zahl von Bauernfängern aufgegriffen; gleich hieß es in den Blättern „worunter 4 Juden", ohne daß doch die Confession der übrigen auch angeführt worden wäre. Welche Absicht kann man dabei haben, da die Sache an sich hierdurch nicht im geringsten charakterisirt wird? Es bleibt dies übrigens in allen Ländern gleich. In Paris hatte jüngst ein Blatt den Einfall, bei Erwähnung der Mißhandlung eines Kindes durch seine Aeltern hinzuzufügen, daß dies Juden gewesen seien, und alsbald lief durch die ganze französische Presse die Nachricht, jüdische Aeltern hätten ihr Kind grausam gemißhandelt- Wenn dies, was wohl häufig vorkommt, katholische oder protestantische Aeltern thun, fällt es niemandem ein, dies nebenbei zu bemerken. Hierzu kam nun, daß es völlig erdichtet war, und die Nachfrage ergab, daß die Aeltern keine Juden waren. Zu verwundern ist dies übrigens nicht, wenn wir sehen, wie die sonst gebildetsten freisinnigsten und wahrheitsliebendsten Schriftsteller nicht anstehen, mit dem Worte „Jude" in schmählichster Weise um sich zu werfen, und selbst dann, wenn sie die Juden loben wollen, eine Pikanterie nicht zu unterdrücken vermögen. Es läuft ihnen wie instinctmäßig aus der Feder; man kann ihnen oft die Absicht uns kränken zu wollen gar nicht zuschreiben; es ist wie ihre Natur, die sich bei ihnen nicht austreiben läßt, selbst nicht durch Aufklärung undRechtsgefühl. Man mag da aufschlagen welches Buch man wolle, man stößt auf eine solche Aeußerung an Orten, wo sie gar nicht nothwendig war. Zum Beispiel. Ich lese da in einem der jüngsten Hefte der Revue des äeux mendes eine interessante Charakterschildung von dem bekannten russischen Novellisten Turgeniew „Le roi Lear de la steppe.“ Den eigentlichen Sünder in der Erzählung, der sich durch gewissenlosen Eigennutz und äußerste Undankbarkeit auszeichnet, im Unglück servil, im Glücke hochmüthig ist , nennt er nicht anders als „ie petit juif,“ obgleich er gar kein Jude war. Daneben liegt eine Lieferung von Westermanns Monatsheften, welche eine Novelle von Friedrich Bodenstedt „Auf Umwegen zum Glücke" bringt. In derselben sollen einige geistreiche Personen eine Unterredung über den Gebrauch der französischen Sprache in Deutschland oder mit und von Deutschen führen. Herr Bodenstedt läßt jetne Dame, welche von Geburt Französin, aber in Deutschland erzogen war, sagen: „Ich unterhalte mich mit Deutschen lieber in ihrer eigenen Sprache, zumal ihnen die französische, selbst wenn sie länger in Paris gelebt haben, doch selten ganz mundgerecht ist, ausgenommen die Juden, deren behender Witz und quecksilberner Geist sich eher in dem fremden Idiom zurechtfindet, welches auch ihrer lebhafteren Natur mehr zusagt." Es ist doch hübsch von dieser jungen, den höchsten Gesellschaftskreisen angehörenden Dame, daß sie sich ihrer vielen und intimen Bekanntschaft mit Juden, die in Paris leben, nicht schämt! Denn sie muß doch, um obiges auszusagen, viel Erfahrung gemacht haben, mehr als wir, die wir eine ziemliche Anzahl deutscher Juden in Paris kennen, die trotz langen Aufenthalts und guter Anlagen das* Französische weder gewandt noch correct genug sprechen, um deshalb belobt werden zu können. Aber gesetzt, die Sache wäre wahr, ist es ein „quecksilberner Geist," der die Befähigung fremde Sprachen zu sprechen verleiht? Haben ^die Juden wirklich in dem langen Laufe ihrer Existenz einen quecksilbernen Geist, oder nicht vielmehr eine Stetigkeit erwiesen, wie keine andere Nation, eineZähigkeit und Ausdauer, die alle Schwierigkeiten und Hindernisse überwand? Nur Euro Vorurtheile, Eure Antipathien scheinen unüberwindlich und von quecksilberner Natur zu sein, denn noch so oft auseinandergerüttelt und zerschlagen, rinnen diese immer wieder zusammen! — Der Kampf der noch bestehenden Orthodoxien dehnt sich jetzt auch auf die Türkei aus. Sie sagten vor kurzem in diesem Blatte, daß die Ultramontanen auf der ganzen Schlachtlinie in den Kampf eingetreten seien. Bald gilt dies auch von den Altgläubigen des Islam. Nach neuesten Berichten bildet sich jetzt vom Hänms bis zum Ganges und tief nach Afrika hinein ein Verein der orthodoxen Bekenner des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.