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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-08-13 · Heft 33 (13.8.1872) · p. Seite 647

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 33 (13.8.1872)
Date
1872-08-13
Page
Seite 647 (sequence 5)
Language
German
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fand die Trennung in Stämme als die einzige Gliederung statt, und innerhalb dieser' bestand die vollkommenste Gleichheit sämmtlicher Angehörigen des Volkes, auch der Fremden, die sich ihm zugesellten. Freiheit und Gleichheit innerhalb des Volkes wurden also bei ihnen durch die Trennung in Stämme nicht alterirt; hierin standen sie dem modernen Staate ganz nahe, und die Stammesabtheilung war die einzige Befriedigung jenes Strebens nach Gliederung. Wir haben also hier gewissermaßen eine Naturnothwendigkeit, die Moses auch verwirklicht schon vorfand. Aus der Familie waren die Geschlechter, aus diesen die Stämme hervorgegangen. Er mußte es der geschichtlichen Entwickelung überlaffen, diese Trennung in Stämme zu überwinden. Er that alles Mögliche, die Idee der Nationalität, also der Einheit der Stämme im Bewußtsein des Volkes zu befestigen. Seine religiöse und sittliche Lehre und sein ganzes Gesetz, alle Verordnungen für das Leben, richteten sich an das gesummte Volk; auf dem großen Boden der Intelligenz, der Sittlichkeit und der bürgerlichen Ordnung war bei ihm keine Spur von Stammesabtheilung, und in Krieg und Frieden stets nur vom gesummten Volke, von „den Söhnen Israels" die Rede. Nationalheiligthum, Nationalfeste, gemeinsame Zufluchtsstädte, die Zerstreuung der Leviten und Priester durch das ganze Land sollten das ihrige thun. Erst auf diesem festen Grunde sollten die Stämme mit ihren abgegränzten Gebieten bestehen. Er fand sie vor, aber er bestärkte sie auch, und zwar aus dem durchsichtigen Grunde, weil er von einem Untereinanderfluß der gesammten Volksmaffe und der Aufrichtung einer bestimmten einheitlichen Centralgewalt die Knechtung des Volkes und eine intensive Gefahr für seine Lehre und sein Gesetz fürchtete. Dies leuchtet aus 5 Mos. 17 und 1 Sam. 8 sicher hervor, und die Geschichte aller Völker zu seiner Zeit wie in der Folge bestätigte diese Befürchtung. Der Bestand der S.tämme konnte am ehesten diese Beseitigung der Freiheit und der Religion durch eine despotische Centralgewalt verhindern. Moses ließ daher wohl eine Centralgewalt zu, konnte auch den endlichen Eintritt des Königthums voraussehen, wollte aber den starken Bestand der Stämme als eine Bürgschaft dagegen befestigen. Wir sehen denn auch, daß der Erfolg für Mose's Gedanken sprach: die israelitische Nation bestand als solche länger als irgend eine andere, die Hälfte der ganzen geschichtlichen drei Jahrtausende; sie überdauerte die Abtheilung in Stämme. Dabei haben wir in den ersten vier Jahrhunderten nur das eine Beispiel eines Stammeskrieges gegen die Benjaminiten (denn der Streit Jephta's mit Ephraim Nicht. 12 war örtlicher Art), und selbst die Kriege zwischen Juda und Israel waren im ganzen unbedeutend. Die Nationalidee siegte immer. Ohne also zu verkennen, daß die Trennung in Stämme eine politische Schwäche mit sich führte, so war sie doch naturwüchsig unter allen Volksgliederungen die am wenigsten gefährliche, für die Erhaltung der Freiheit, des Volksbewußtseins und der Religion die zuträglichste Garantie bis zu der Zeit, wo Religion und Nationalidee den vollständigen Sieg erlangt hatten. Wir können also darin keinen Fehler, vielmehr nur einen großen Vorzug in der israelitischen Bolksverfassung anerkennen. (Fortsetzung folgt). Die Beseitigung der Wanderbettelei. in. Wir erhalten folgendes Circular, welches aus Heilbronn an die israelitischen Kirchenämter inWürtemberg versandt worden ist und zeigt, daß die beregte Angelegenheit auf dem besten Wege des Fortgangs ist. Heilbronn, 1. Juli 1872. Die seit einigen Jahren in erstaunlicher Weise zunehmende Wanderbettelei ist zu einer Landplage auch für Würtemberg und zu einer Herabwürdigung der ganzen Judenheit geworden. Die Aufbringung vermehrter Mittel der einzelnen Unterstützungsvereine hat, anstatt das Nebel zu heben, als Lockspeise für viele gedient, den ehrbaren aber schwierigen Beruf der Selbsternährüng aufzugeben , um den leichten, aber schändlichen Weg des Bettels zu betreten. Die Majorität der unsre hiesige Caffe in Anspruch nehmenden Personen besteht aus ausländischen schulpflichtigen Kindern und arbeitsfähigen ledigen oder verheirateten Leuten im kräftigsten Alter. Den Ersteren wird auf diese ^Weise der Weg zur Bildung für einen künftigen. Beruf abgeschnitten, durch die Unterstützung der Letzteren, welche der Industrie und dem Gewerbe thätige Kräfte sein könnten, wird eine Legion moralisch verkommener Wegelagerer geschaffen. Der hiesige Verein, seit 1862 bestehend, hat im verflossenen Jahre 1825 Gaben im Gesammtbetrage von 2414 fl. verabreicht.

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