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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-08-13 · Heft 33 (13.8.1872) · p. Seite 646

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 33 (13.8.1872)
Date
1872-08-13
Page
Seite 646 (sequence 4)
Language
German
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thum, HieSpaltung in, zwei Reiche bewirkt worden fei. Wir. halten dies für eine nationalökonomische Schrulle. Die Pilger brachten bekanntlich ihre Opferthiere nach Jerusalem mit, und es war ausdrücklich verordnet (5 Mos. 14, . 22) einen zweiten Zehent mitzunehmen, um ihn dort in Freudenmahlen zu verzehren. Daß dies wirklich geschah, bezeugen Tobia 1, 7, Joseph. Alterth. 4, 8, ,8. 22, Nur die aus weit entfernten Gegenden sollten diesen zweiten Zehnten verkaufen und sich dafür an Ort. und Stelle die Speisen verschaffen , wenn der Transport zu schwierig war. Daß also die Bewohner der Stadt und der umwohnende Stamm einen so großen Ertrag gehabt haben sollten, um die Eifersucht der andern Stämme zu erregen, scheint uns weit hergeholt zu sein. Im Gegentheil nennt die heilige Schrift als die Ursache des Riffes zwischen den beiden Reichen den Steuerdruck und die Strenge der Regierung Salomo's, welche zu mildern Rehabeam nach dem Rathe seiner jungen Anhänger nicht einwilligen wollte. Nicht von Juda sich trennensondern vom Hause Davids abfaüen wollten sie, und es war vielmehr Sache Juda's, den übrigen Stämmen darin nicht zu folgen und dem Hause Davids treu zu bleiben. Hierbei wird ausdrücklich bemerkt, daß der neue König von Israel Götzenbilder in Bethel und Dan aufrichtete und ein Fest zu einer anderen Zeit, nämlich im achten Monat, einführte, um die Israeliten abzuhalten , nach Jerusalem zu pilgern und dem Hause Davids wieder zuzufallen (1 Kön. 12). Das einzige Heiligthum und die Pilgerungen dahin mit ihren gemeinsamen Freudenfesten sollten also die Verbindung der 12 Stämme zu einer nationalen Einheit befestigen und waren dazu auch geeignet, nicht aber stark genug, um in Heftigen politischen Stürmen diese Einheit zu wahren. Aehnliches geschah auch bei den Griechen mit ihren religiösen Nationalfesten. Anderseits überdauerten diese Pilgerfeste bei den Israeliten die Spaltung in Stämme lange Zeit, und wurden bis zur Zerstörung Jerusalems durch die Römer in immer steigendem Maße begangen. Daß in Israel nur ein Heiligthum sein sollte, hatte wohl seine Gründe darin, daß die Einheit Gottes, nachdrücklich nur durch dieses eine Heiligthum repräsentirt, das, Volk durch die Nebenaltäre nicht zum heidnischen Cultus verleitet und überhaupt vom Opfercultus entwöhnt werden sollte. Freilich hat man. die Frage aufgeworfen, ob diese Beschränkung auf ein Heiligthum bei dem Bedürfniffe des Volkes nach religiösen Ceremonien den immer wiederholten Abfall zu heidnischen Cultusgebräuchen nicht gerade gefördert -habe *)? Dies kann nichWanz geläugnet werden, mußte aber vor den höheren, eben angeführten Motiven zurücktreten. Kommen wir nun auf die Trennung in Stämme zurück. Mit Recht bemerkt der Verfasser, daß die Schwäche, welche Israel während der Richterzeit den umwohnenden Völkerschaften gegenüber erwies, und die Trennung der zwei Reiche, die nothwendig zum Untergänge beider wesentlich beitrug, aus der Trennung in zwölf, verhältnißmäßig kleine Stämme verursacht ward^ während die Größe und Blüthe des Volkes unter den drei Königen aus der Bereinigung der Stämme und die kräftige Centralgewalt hervorgebracht wurde. Erwägen wir daher die Gründe für diese Trennung. Blicken wir auf die andern Völker des Älterthums, so gewahren wir bei allen das Streben nach einer Gliederung innerhalb des Volkes. Dieses äußerte sich aber nach zwei entgegengesetzten Richtungen: entweder das gesammte Volk seiner ganzen Breite nach gliederte sich in Schichten, in auffteigender hierarchischer Leiter, oder es trennte sich in Stämme und Geschlechter, die neben einander, bestanden. Von. der ersten Art waren die Kasten in Indien und Aegypten, die Claffen des römischen Volkes nach dem Census und seine Abtheilung in Plebejer und Patricier; von der zweiten Art die Trennung in Stämme bei den Israeliten und den Griechen. Daß die erstere Art zu grausamer Knechtschaft der Mehrheit des Volkes unter der Minderheit, in Rom zu den furchtbarsten Bürgerkriegen führte, brauchen wir nur. anzudeuten. Genau genommen war bei den Griechen ungeachtet der zweiten Art zugleich die erste vorhanden, da in den verschiedenen griechischen Staaten der eine, der kleinere Theil der Bürger die eigentlichen politischen Rechte besaß, während der andere von diesen mehr oder weniger ausgeschlossen war. Allerdings entbrannte nun zwischen den einzelnen griechischen Völkerschaften eine politische Eifersucht, ein Ringen nach der Führerschaft (Hegemonie), welche nach den Perserkriegen große Kämpfe und den baldigen Verfall der Macht, den Verlust der Freiheit für das gesammte griechische Volk bewirkten. Blicken wir noch weiter, bis in das Mittelalter, so gewahren wir auch hier dieses Streben nach Gliederung in Stände und Corporationen, und zwar ist diese auch hier die Mutter der Unfreiheit und Ungleichheit. Bei den Israeliten *) Vgl. u. A. Menzel, Religion und Staatsidee in der vorchristlichen Zeit (Leipzig 1872), S. 91 ff.

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