Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1872)
- Date
- 1872-08-06
- Page
- Seite 640 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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setzt, es werden auch griechische Redensarten, ja griechische Art zu denken in die Nationalliteratur eingeführt. Ja, der griechische Ausdruck droht das Hebräische völlig zu erdrücken, obgleich der Gedankeninhalt immer jüdische Religion bleibt. Man versucht es den Homer, den Sophokles nachzuahmen. Moses muß den Stoff zu einem Epos, der Auszug aus Aegypten den zu einem Drama hergeben. Einer der größten jüdischen Gelehrten und sicherlich das treueste jüdische Gemüth, Philo in Alexandrien, wird ein zweiter Plato, verräth aber in seinen zahlreichen griechisch geschriebenen Werken über Bibel und Judenthum, daß er kein Wort Hebräisch versteht. - Im letzten Jahrhundert vor der Zerstörung des zweiten Tempels hat man in den Synagogen eben so gut griechisch wie hebräisch geschriebene mir, •nso o^iroT gehabt, und daß man sie mit gleicher Achtung behandelt hat., beweist der bekannte Midrasch des Rabbi Simon ben Gamliel nsn biö rmB-'sn diu I2w"> (Meg. 8. b.). Es ist auch wohl nicht zu zweifeln, daß die griechisch verfaßten Apokryphen in den Synagogen und Lehrhäusern für gleichberechtigt mit den hebräischen Büchern gehalten wurden, bis zu der Zeit, da man sie aus dem Kanon ausschied. So stark hatten die beiden Gegensätze im jüdischen Nationalcharakter, das Anschließende und das Abschließende sich schon berührt, daß die Gefahr des Verschwindens des jüdischen Stammes gleich andern Stämmen sehr nahe lag. Das Volk zwar war sehr empfindlich gegen alles, worin seine biderbe, altväterische Denkweise und , Sitte gegen die der Heiden abstach. So haben z. B. die Juden in Alexandrien und Antiochien, obwohl sie im Umgänge mit Nichtjuden sich viel freier bewegten, als die Juden in Jerusalem, und zu diesen ungefähr sich so verhielten, wie heute berliner Reformjuden zu preßburger Orthodoxen, doch auf das entschiedenste dagegen protestirt, als die römischen Kaiserbilder und Adler in ihren Gott geweihten Stätten aufgestellt werden sollten, weil sie darin eine Verletzung des Gottesgebotes: „Du sollst Dir kein Bild machen", erblickten. Sie haben zu Tausenden für die Reinhaltung ihrer bilderlosen Gottesverehrung sich geopfert. Die Gefahr ging aber gerade von den Gebildeten, von den geistigen Führern aus. Bei ihnen hatte das Jüdische und das Griechische sich so sehr mit einander verquickt, daß daraus etwas ganz Neues sich gebildet hatte, welches zu der Zeit, als die greifbaren Stützen der jüdischen Nationalität, das Reich, der Tempel und das Vaterland, zusammenbrachen, beinahe das ganze Volk für sich gewonnen und dem Judenthume den Untergang bereitet hätte.' Dieses Neue war lange vorbereitet und in sehr aus einander gehenden Lehrweisen aufgetreten. Die bekannteren, mit Unrecht als Secten bezeichneten Verbindungen, wie Pharisäer, Sadducäer, Essäer, Hellenisten, Therapeuten, brachten dem. Judenthume noch keine Gefahr; denn da sie Schulen gründeten, an einer allen gemeinsamen heiligen Schrift fest hielten und nur in deren Auslegung von einander abwichen, so hatten ihre Differenzen, wenn sie auch zu Zank und Feindschaft, und wo es sich um Geltung in Staatsangelegenheiten handelte, in tatsächliche Angriffe ausarteten, doch immer einen Vereinigungspunct innerhalb des Judenthums selber, auf dem ein. Ausgleich zwischen ihnen möglich war. Gefährlich aber waren jene Schwärmer, welche nicht ruhig an einem Orte ihre Lehren vortrugen, sondern umherzogen von Ort zu Ort und das Volk, welches in Zeilen so schweren Unglücks, wie die im letzten Jahrhundert des jüdischen Reiches waren, äußerst empfänglich ist für Alles, was es vom Gefühle seiner Roth abzieht, durch ihre begeisterten Reden vom Boden der Wirklichkeit weglenkten. (Fortsetzung folgt.) Doctor Michel Levy. (Nach den Arch. isr.) Wie wir versprochen haben, vervollständigen wir heute mit einigen biographischen Miltheilungen die Details, welche wir über den berühmten Arzt, der als Director des Val-de-Grace in Paris gestorben ist, vor einiger Zeit gegeben haben. Er wurde am 28. September 1809 zu Straßburg in einer armen Familie geboren. Trotz ihrer bescheidenen Verhältnisse ließen seine Aeltern ihn im Lyceum dieser Stadt vollständige Studien machen, die von den glänzendsten Erfolgen gekrönt waren und deren Kosten zum großen Theile von der ausdauernden Arbeit bestritten wurden, welche sich der junge Schüler durch Ertheilen von Privatstunden auferlegte. Am 4. Marz 1830 trat er als Ueberzähliger am Militärhospital zu Straßburg in das Militärsanitätswesen ein und arbeitete unter den Augen des hochverehrten Arztes Bögin. Von diesem Tage datirt der kindliche Respect des Schülers für diesen berühmten Arzt, der ihm im Tode voranging und dem er stets eine unveränderte Liebe und Verehrung widmete. Er wurde für das Expeditionscorps nach Morea als Unterarzt bestimmt und kehrte von dort im März 1831 zurück, um seine medicinischen Studien im Hospital von Straßburg fortzusetzen. Als er bei der Bewerbung um einen Preis in dieser Anstalt denselben erhielt, empfing er am 14. Juni 1831 den Titel Unterarzt und machte als solcher den Feldzug nach Antwerpen mit, während dessen er in der Ambulanz von Boom activ angestellt ward. Seit der ersten Choleraepidemie in Bourbonneles-Bains, wohin er mit mehreren seiner College» auf die Bitte um eine Verstärkung der Aerzte, welche die Municipalität an das Kriegstninisterium gerichtet hatte,