Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1872)
- Date
- 1872-08-06
- Page
- Seite 639 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung -es Zudenthumö. FeMelon-Mlage zu Ar. 3Z. Leipzig, den 6. August 1872. Das An- und Abschließende im Nationalcharaktcr der Juden. Vortrag, gehalten vom Ravb. vr. A. Stein in Prag. (Fortsetzung.) ES ist eine irrige Auffassung der jüdischen Geschichte, 'wenn man nach der ersten Auflösung des jüdischen Reiches durch die Babylonier den Schwerpunct des jüdischen Nationallebens noch in Palästina sucht. Von dem Augenblicke an, da der Prophet Iirmejah die Ausgewanderten auffordert, dem Könige von Babel zu dienen, in seinem Reiche sich häuslich niederzulassen und dessen Wohl zu fördern, da er selbst sogar eine Colonie nach Aegypten führt, um sich dort anzusiedeln, von diesem Augenblicke an bietet uns das ganze jüdische Volk ein treues Bild des Charakters, der in Abraham und Joseph vorbildlich gezeichnet ist. Sie schließen sich den Völkern an und verlassen die Länder, wie auch deren Herrscher und Bewohner wechseln mögen, wenn sie nicht dazu gezwungen werden, in ihrer Gesammtheit niemals mehr. Nur der Schwerpunct ihres religiösen Lebens, das transcendentale Ziel ihres Gemüthes bleibt das Land, das dem Abraham als ein unbekanntes vorschwebte, das Gott ihm zeigen werde, worin Gott sich selber zeigen werde, das verheißene Land. Als daher von Cyrus, dem Perserkönige, die Erlaubniß zum Wiederaufbau der Stadt Jerusalem und des Tempels ertheilt war, zieht nur eine verhältnißmäßig kleine Colonie nach Palästina, um dieses heilige Werk auszuführen. Der beit weitem größte Theil der Juden bleibt in dem großen persischen Reiche, in allen seinen verschiedenen Provinzen, dem Ackerbau, dem Handel, der Industrie, der Kunst und Wissenschaft und selbst dem Kriegshandwerke sich, widmend, und so allen Culturzweigen der,. Völker, sich anschließend. Nur ihr Herz weilt im Erbe der Väter, nur/ihxe Sehnsucht treibt sie nach Zion> Wer es ermöglichen kann, Legiebt sich von Zeit zu Zeit, auf eine. Wallfahrt dahin, um das Angesicht deS« Herrn zu schauen und anzubeten in seinem Tempel; denn „es wühlt wie Mord in ihren Gebeinen, wenn die Völker, unter denen sie wohnen, höhnend fragen: Wo ist denn dein Gott?" (Ps. 42, 11.) Ihre Beiträge zur Bestreitung des Tempelbedarfs, ihren halben Schekel führen sie regelmäßig ab, und wie hoch die Summe der aus der ganzen Welt in die Schatzkammer des Tempels eingeschickten kleinen Beiträge sich belaufen haben muß, beweisen die sich stets wiederholenden Brandschatzungen, welche die verschiedenen Herrscher Asiens und Afrika's dem Tempelschatze auferlegen, ohne ihn jemals zu leeren. Die jüdische Ansiedelung in Palästina selber ist ganze 400 Jahre lang von den Welthändeln fast gänzlich ausgeschlossen und beschäftigt sich nur im Stillen damit den Fonds zu gründen, aus welchem bis auf den heutigen Tag alle Religionen ihr Betriebscapital. entlehnt haben. Die heiligen Schriften werden theils gesammelt, theils neu angefertigt, theils redigirt; zugleich aber auch' wird dieser unantastbare Reservefonds durch Studium, Auslegung und Anweisung für die praktische Anwendung mit einem Betriebsfonds, mit der mündlichen Lehre ausgestattet. Diese erstaunlich großartige Thätigkeit ist eine von.der ganzen damaligen Welt abgeschlossene. Die geistige Schöpfung, welche in dem Zeiträume von Esra bis Hillel aus dem Judenthume hervorging, liegt vor uns, die Schöpfer aber sind nach ihrer Persönlichkeit völlig unbekannt. Von einer Gelehrtenversammlung ndiNÄN von einem Gelehrten stände w"isiv wird gesprochen; aber außer einem, selbst noch mythisch verhüllten Simon dem Gerechten wird uns kein Mitglied derselben genannt, ihre Thätigkeit war eine sich abschließende. Diese Abgeschlossenheit erstreckte sich bis auf die Sprache; denn während die Juden im Verkehre mit der Welt die Landessprache, persisch, aramäisch'., syrisch, griechisch u. s. w. sprachen, war in dem religiösen Kreise die hebräische Sprache vorherrschend. Doch die Sprache als Product des Denkens erträgt auf die Dauer keine völlige Abschließung, und nachdem durch die Gründung des macedonischen Reiches die griechische Sprache Weltsprache geworden und deren Literatur auf den so empfänglichen Geist der Juden einen tiefen Eindruck gemacht hatte, da drang Griechisches auch in ihr abgesondertes religiöses Gebiet ein. Nicht blos werden die Vorlesungen aus der Bibel dem Volke griechisch - über-