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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-07-30 · Heft 31 (30.7.1872) · p. Seite 621

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 31 (30.7.1872)
Date
1872-07-30
Page
Seite 621 (sequence 19)
Language
German
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aber auch jedem Indern das Recht zu sich seinerseits abzuschließen. Dieselben Züge des An- und Abschließens treten uns im Leben Isaaks und Jakobs entgegen. Der letztere läßt sich von Laban beim Gotte Nachors schwören, während er Leim Gotte Abrahams schwört, und Leide zweifeln nicht an der Heiligkeit ihrer Eide. Besonders interessant sind diese Züge im Leben Josephs gezeichnet, der sich einem fremden Volke ohne alles eigene Interesse anschließt. Der Lei den Heerden groß gewachsene Jüngling findet sich sofort in die, seinem bisherigen Lebenskreise durchaus fremden Arbeiten und Geschäfte eines ägyptischen Hofbeamten, als ob er sie gelernt hätte, er betheiligt sich als Mitarbeiter und Aufseher an den Arbeiten der Sträflinge, zum Premierminister ernannt hebt er die Landescultur und bringt das Reich in eine so günstige Finanzlage, wie wir sie besser dem unsrigen nicht wünschen können. Der Fremde -schließt sich dem Lande, worin er weilt, mit allen seinen menschlichen Kräften und Fähigkeiten an, heirathet auch eine Aegypterin, spricht ägyptisch und lebt wie ein Aegypter, so daß seine Brüder ihn nicht wieder erkennen. Aber abgeschlossen in seinem Herzen trägt er doch seinen Gott, er verläugnet seine Abstammung nicht, jeder kennt ihn als Hebräer, Potiphar, der Mundschenk, der König nennen ihn so; aber daß er einen besondern Cultus gehabt hätte, davon ist keine Rede, ist auch nicht denkbar. Gleichwohl setzt Jakob ihn und seine Söhne seinen übrigen Kindern gleich; denn er war von seinem Gotte nicht abgesallen. Diese das Leben der Stammväter kennzeichnenden Züge machen den eigentlichen Nationalcharakter des jüdischen Stammes aus und bleiben unverwischbar auf allen Entwickelungsstufen seiner Geschichte. Wir sind im Stande sie in allen Ländern und Völker der Erde, auf allen Gebieten der Cultur, mit welchen dieser Stamm in.Berührung kommt, nachzuweisen. Allen Bestrebungen, welche Menschenwohl auf Erden befördern, schließt er sich sofort an, und bringt es in manchen zu so ausgezeichneten Leistungen, daß der Schüler den Lehrer übertrifft. Vor allen Bestrebungen aber, die Gott, das Jenseits, die Seligkeit betreffen, schließt er sich auf's ängstlichste ab, greift nicht in das Fremde ein und drängt Niemandem sein Eignes auf. Dieses ist die Regel, es kommen Ausnahmen vor, die sich aber auch bald als solche Herausstellen und sich an den von der Regel Abweichenden empfindlich strafen. Wir erinnern nur an den, von Johann Hyrkan erzwungenen Uebertritt der Edomiter zum Judenthum, der die Quelle des schmählichen Untergangs seines ganzen HauseS und unsäglicher Leiden des jüdischen Volkes ward. Aus der großen Reihe von Charakterbildern im ganzen Verlaufe der jüdischen Geschichte, die uns zur Auswahl vorliegen, haben wir für heute zwei gewählt, die uns in den Geschichtsepochen entgegentreten, in welchen jene Züge am schärfsten ausgeprägt sind und am tiefsten in den Entwickelungsgang der Menschheit eingr'eifen, nämlich zur Zeit der Entstehung der beiden Töchterreligionen, des Christenthums und des Islam. (Fortsetzung folgt.) Der Ursprung der Semiten. Wenn die moderne Kritik einerseits mit Recht sich auf den Grundsatz stellt, keine Autorität, sei es eine tradirte, sei es eine gegenwärtige, anzuerkennen, sondern zu operiren, als ob sie nicht vorhanden sei, so huldigt sie andrerseits der verderblichen Richtung, auf die schwächsten und entlegensten Motive neue Hypothesen aufzubauen, was natürlich alle eben erlangten Resultate wieder in Frage stellt. Wir müssen es uns klar machen, wie stark und schneidig diese Kritik in der Negation ist, wie schwach uud ohnmächtig in der positiven Herstellung des Wahren und Richtigen. Jedermann kennt aus der Bibel die Unterscheidung zwischen Japhethiten (Judogermanen, Ariern), Semiten und Chamiten. Diese historische Basis der Menschenracen gab nun deutschen und französischen Denkern Gelegenheit genug, die Verschiedenheiten dieser Racen in Charakter, Richtung und Schöpfungen zu schematisiren, mit furchtloser Gewalt jeder Race ihr Geistesgebiet anzuweisen und jeden zu verketzern, der hieran nicht glauben wollte. Die unserem Erachten nach unüberwindliche Schwierigkeit, die „Volksseele" einer weit verbreiteten, viele und große Völkerstämme umschließenden Menschenrace zu bestimmen, noch dazu, da viele dieser Völkerschaften längst nicht mehr existiren oder die mannichfaltigsten Phasen durchgemacht haben, 'schreckte jene Herren nicht ab, diese „Volksseelen" genau zu beschreiben und daraus die eigenmächtigsten Folgerungen zu ziehen. Nun war es aber doch die erste Frage, welche Völker zu diesen Racen gehörten? Zunächst, welche Völker waren Semiten? Man hielt sich an die Völkertafel in 1 Mos. 10, also Elamiter (Perser), Assyrer, Chaldäer , Lyder, Hebräer und ein Theil der Araber. Diese Autorität genügte nicht; man suchte eine andere Basis, nämlich den Sprachtypus. Jetzt mußten die Elamiter von den Semiten gestrichen und zu den Japhethiten gerechnet werden, dagegen fielen die Phönizier oder Kanaaniter den Semiten zu, während die Bibel diese entschieden zu den Chamiten zählt. Allein auch die Sicherheit dieses Maßstabes wurde wiederum für unsicher erachtet. Das Mittelalter und selbst die neuere Zeit bieten hinlängliche Beispiele von Sprachvertauschungen, die Lei Wanderungen von Völkerstämmen, bei weithin reichenden Verschiebungen ihrer Wohnsitze vor sich gingen. Also auch der Sprachtypus vermag keinen sicheren Anhalt über Völkerabstammung zu geben. Man begann sich klar zu machen, daß^^biblische Völkertafel, wie es sich sonst erweist, aus ^TSwten Traditionen unmittelbar geschöpft

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