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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-07-30 · Heft 31 (30.7.1872) · p. Seite 622

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 31 (30.7.1872)
Date
1872-07-30
Page
Seite 622 (sequence 20)
Language
German
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haben muß, um so mehr, als Lei den-alten Völkern die Familienunterschieve - in Gefühl und Bewußtsein sehr rege erhalten wurden. Während des Streites hierüber ist jetzt, eine neue Hypothese aufgetreten, aufgestellt und gründlich' verfochten worden von Prof. I. G. Müller in Basel. Er deducirt, daß ein Hinftrömen der Chamiten oder Kuschiten (Aegypter und Aethiopier), die zur kaukasischen Race gehörten und mit den Negern nichts zu thun hatten, nach Norden hin stattgefunden habe. So dringen die Kanaaniter und Phönizier nach Palästina vor. Auch. die Gründer der babylonischen und assyrischen Reiche sind Kuschiten (Nimrod). Hierauf folgt eine Gegenströmung von Norden nach Süden, die Wanderung der Semiten. Sie kommen aus dem armenischen Hochlande, das die Südgränze der Jndogermanen bildet und in welchem Euphrat und Tigris entspringen. Sie waren und find demnach ursprünglich Jndogermanen, welche die chamitischen Völker durchzogen, sich in sie hineinbetteten, sie überwanden und theilweise aufsogen. Zunächst durchziehen sie Mesopotamien, nach Babylon dringen sie als Chaldäer, nach Syrien und Palästina als Hebräer, nach dem nördlichen und westlichen Theile Arabiens als Joktaniden und Jsmaeliten. Selbst die Hyksos' sollen Indogermanen sein. Sonach seien die Semiten Jndogermanen, welche sich nach und nach, vor allem in der Sprache, chamatisirten. Nicht eine „Mischung", sondern eine mannichfaltige Anlehnung an chamitische Sitten und Anschauungen nimmt Müller an, so daß nach ihm die Semiten also Iaphethiten. von Abstammung , Chamiten von .Sprache seien. Hiernach müßten die ägyptische, die phönizische und die hebräische Sprache von einer Familie sein, was weder die Aegyptologen, noch die Semitologen bis jetzt zugeben. Es versteht sich von selbst, daß auf diesem Grunde Professor Müller sofort das Schematistren wieder anfängt. Die Chamiten erscheinen ihm als die eigentlichen Träger aller äußeren Civilisätion in Schrift, Handel und Kunstgewerbe. Die Jndogermanen bringen die Ivee, den Gedanken, alles höhere ideale Element, die wahre Cultur. Man sieht leicht, wie den Herren auS ihren Hypothesen sofort die Charakterisirung erfolgt. Die jüngeren Hypothesenmacher sprachen den Jndogermanen naturnothwendig den Pantheismus, den Semiten den Monotheismus zu. Herr Müller macht die Semiten zu Jndogermanen, uno sofort gehört nach ihm den Jndogermanen der Monotheismus, den Chamiten der Pantheismus. Nun, wenn man-uns gestattet, wissenschaftliche Männer zu bleiben, ohne diesen Hypothesen , diesem Wirrwarr von Gründen und Scheingründen, von Voraussetzungen und Insinuationen zustimmen zu sollen, so. mögen diese Untersuchungen ihren Kreislauf vollenden, um schließlich doch wieder anzukommen, wo man ausgegangen. Geschichtliche Notiz. : Der ' österreichische' Gesandte in Berlin, Fürst von Reüß, berichtet in einer Depesche vom 12. Mai 1787 an den Minister Kaunitz in Wien: „Ein hiesiger Gelehrter der Judenschaft und Arzt ist wegen seiner ausgebreiteten Kenntnisse in der Naturlehre auserlesen worden , den zwei königlichen Prinzen Unterricht in dieser Wissenschaft zu geben." — Ohne Zweifel war dies der bekannte Ichthyologe Dr. M. Bloch. Wie ich glaube, ist dieses Factum unbekannt; ich kann mich nicht erinnern, je etwas darüber gelesen zu haben, weshalb ich es hier mittheile. Wien, 4. Juli 1872. G. Wolf. Vermischtes. Das jüdisch-orthodoxe Blatt von Mainz schmähte jüngst die Hochschule für die Wissenschaft des Äuden- Lhüms unter anderm deshalb, weil sie christliche Zuhörer zulaffe und diese viele Vorschriften im Schulchan Aruch lächerlich finden würden! Dies sagen die Gelehrten — nicht des Kladderadatsch, sondern — des Mainzer Israeliten von den Satzungen aus, welche sie für einen unmittelbaren Ausfluß der göttlichen Offenbarung erklären. Wenn das ein reformistisch Gesinnter gesagt hätte, welch ein Zetergeschrei hätten die Leute erhoben. Moses spricht sich übrigens nicht so aus, daß Israel durch sein Gesetz vor den Völkern lächerlich erscheinen würde! Wie viel dunkelster Aberglaube doch noch mitten in der civilisirten Welt vorhanden ist! In diesen Tagen wurde in Mailand ein Mann verhaftet, der auf ein Madonnenbild auf öffentlicher Straße mit einem Stocke losschlug, weil es ihm nicht die Erfüllung dessen verschafft habe, um was er es gebeten hatte. In Neapel soll übrigens dergleichen jeden Tag Vorkommen. Es ist dies nichts als der alte, in Afrika noch weithin herrschende Fetischismus, der seine Anhänger die Fetische zertrümmern und hinaus werfen läßt, wenn ein Unglück vorgefallen ist; man fastet dann einige Tage und geht auf's Feld hinaus; der erste Gegenstand, auf den man stößt, sei er Stein, Holz, Knochen oder dgl., ist der neue Fetisch und wird mit Jubel nach Hause getragen. Sind die Dinge in manchen Gegenden Europa's' nicht mehr ganz so arg, so ist doch die Gränzlinie nicht weit abgelegen. Verlag von Banmgärtner'S V^Dandlrntg in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. .Vers-^^tlicher Redacteur SJb% H. Lotze.

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