Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1872)
- Date
- 1872-07-30
- Page
- Seite 620 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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diesesZVolkes eine nothwendi'ge Folge dieser Charakterzüge ist, so ist dasRäthsel auf ganz natürliche Gründe zurückgeführt, und somit für jeden Freund der Wahrheit gelöst. Zwei Grundzüge sind es nun , die in der ganzen Geschichte dieses Volkes uns sehr deutlich erkennbar und stets sich treu bleibend entgegen treten, wir bezeichnen sie als Anschließung und Abschließung. Zum Verständniß der beiden Begriffe müssen wir vvrausschicken, daß die Geschichte eines jeden Urvolkes sich von einem zwiefachen Puncte aus entwickelt^nämlich vom Standpuncte zur Natur und zu dem, was es für Übernatürlich hielt; oder: von seiner Stellung zur Welt und zu Gott, welches doppelte Verhältniß dann bei vorgeschrittener Entwickelung bezeichnet wird als sein Staat und seine Religion. Im Bildungsgänge der einzelnen Völker erscheinen diese beiden bald mehr, bald weniger aus einander gehalten oder vermischt, am strengsten und consequentesten gesondert erscheinen sie beim hebräischen Volksstamme, und zwar deshalb, weil es am frühesten bei ihm erkannt wurde, wo diese beiden Gebiete der Entfaltung menschlicher Kräfte sich berühren und wo sie aus einander gehen, weil man sie als Thesis und Antithesis begriffen und sie in einer Synthesis zur höhern Einheit gestaltet hatte. Während alle Völker des Alterthums ihren Ursprung von einem Ahn herleiten, der entweder selber ein Gott ist , oder in welchem Gott und Mensch nicht von einander zu unterscheiden sind, ist im Bewußtsein der Hebräer Gott und Mensch, von Beginn der Welt an streng von einander geschieden. Gott ist außerhalb der Welt; ein erstes Menschenpaar, von ihm geschaffen, wir Stammältern aller Menschen, denen die ganze Welt, soweit sie dieselbe erobern (772)221), zum Eigenthum übergeben ist. (Gen. 1, 28.) Es sind demnach die Menschen in allen den Angelegenheiten, welche ihre Verhältnisse zu einander betreffen, verbrüdert, sie haben ihre Wohnplätze, ihre Beschäftigungen, ihren gesellschaftlichen Verkehr so. einzurichten, daß sie zusammen bestehen können. Wenn sie in dem Wissen von Gott aus einander gehen, so ist das von Seiten der Menschen nicht zu ändern. Der Hebräer kann sich diesen Umstand nicht anders erklären, als daß er von Gott selber herrühre. Gott hat sich ihren Vätern offenbart, die andern Menschen hat er in Unwissenheit über sich gelassen, er kann und wird sicherlich das noch einmal ändern; aber man kann und darf ihm darin nicht vorgreifen. Es ist aber folgerichtig auch kein Grund vorhanden, diejenigen, welche in Unwissenheit über Gott geblieben sind, darüber zu verachten, ist es doch nicht ihre Schuld! Gott hat ihnen nun einmal eine irrige Ansicht über ihn zugelaffen (vnb pbn ->w8 Deut. 4, 19. 32, 8. 9.). Vgl. Salomon ben Gabirol's Königskrone, Abschn. v-'Nbrr ^nb« iina. Man muß also, da sie Gottes Kmder sind, in Frieden und ■ Freundschaft mit ihnen verkehren, ihnen wohlthun^ wie man nur kann, sich nur' gegen Gewalt und Unrecht vertheidigen, niemals sich Gewalt und Unrecht gegen sie erlauben. An schließen muß man sich also allen Volksstämmen in den menschlichen Dingen, abschließen aber in den göttlichen Dingen, so lange sie sich selbst darin abschließen und nur dann, wenn sie freiwillig, mit Ausschluß jeden Zwanges und jeder Ueberredung, erklären, daß sie auch in Erkenntniß Gottes mit uns übereinstimmen, und wir uns von der Richtigkeit dieser Uebereinstimmung Überzeugt haben, muß man ihnen die bis dahin verschlossenen Pforten der Religionsgemeinschaft öffnen. So dachte und so handelte der Volksstamm, der nach einander die drei verschiedenen Namen Hebräer, Israel und Judah trägt, aber einer und derselbe ist in Gesinnung und That seit nahezu 4000 Jahren. Weisen wir dieses nach, zuerst in den Schilderungen, die dieser Stamm von seinen ersten Vätern gibt. Abraham wandert von der Mitte Asiens, von Ur in Chaldäa aus, durchzieht diesen Erdtheil bis an seine südwestliche Gränze, geht nach Aegypten, wählt dann Palästina zum bleibenden Aufenthalte, aber stets in die Länge und in die Breite es durchziehend. Er kommt dabei mit allen Völkern des Alterthums in Berührung und versteht es, sich in alle zu schicken. Er ist ein Nomadenhäuptling, aber er weiß auch mit Königen umzugehen, er ist höflich gegen Pharoh, er hat den Muth gegen die eindringenden Könige Krieg zu führen, er kennt das Kriegsrecht wohl, aber er verzichtet darauf, soweit es zu seinem Vortheile gilt, doch nicht zum Nachtheile Anderer; seine Alliirten Aner, Eschkol und Mamre müssen ihren Antheil an der Beute haben. Er ist der aufmerksamste Wirth, wenn er Gäste hat, er versteht es als vertheidigender Avvocat auf das vorteilhafteste für seinen Clienten Sedom zu plaidiren, mit dem Philisterkönige schließt er ein Schutz-und Trutzbündniß, und mit den Hethitern macht er ein Kaufgeschäft ab, wie es gentiler und bündiger auf der neuesten Börse nicht zu Stande kommt. Wir können also sagen: An alle Menschen und alles Menschliche schließt er sich auf's innigste an. Dagegen seinen Gott behält er ganz und gar für sich, er kennt und nennt ihn zwar als „Besitzer von Himmel und Erde" (Gen. 14, 22.), „Richter der ganzen Erde" (das. 18, 25.), er errichtet ihm Altäre, ruft ihn laut und öffentlich an, aber immer nur als seinen persönlichen Gott, dem er durch ein Bündniß zusagt, daß er, soweit es an ihm liegt, auch der Gott seiner Nachkommen sein und bleiben soll. In seinem ganzen Leben findet sich auch nicht der leiseste Versuch andere Menschen für seine Gottesanschauung zu gewinnen, oder die Art seiner Gottesverehrung ihnen anzuempfehlen. Zwar müssen seine Sklaven das Bundeszeichen an ihrem Leibe tragen, aber diese gehen nach der Rechtsanschauung der Alten in der Person ihres Herrn völlig aus, Freie dagegen zieht er niemals zur Annahme seiner Religion heran. Auf dem Gebiete der Religion schließt er sich ab, erkennt A.