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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-07-30 · Heft 31 (30.7.1872) · p. Seite 619

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 31 (30.7.1872)
Date
1872-07-30
Page
Seite 619 (sequence 17)
Language
German
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Feuilleton-Leilage zu Nr. 31. Leipzig, den 30. Äuli 1872. Das An- und Abschließende im Nationalcharakter der Juden. Vortrag, gehalten vom Nabb. vr. A. Stein in Prag. Das Räthsel der Weltgeschichte — der Bestand des jüdischen Volksstammcs in seiner wesentlichen Besonderheit, hei dem so vielgestaltigen Wechsel seiner äußern Erscheinung — hat schon viele große Geister zum Versuche einer Lösung herausgefordert. Innerhalb der jüdischen Glaubensgemeinde freilich ist der eigene Fortbestand nie ein Räthsel gewesen. Man hat da einfach gesagt: Gott hat sein Volk erwählt, Gott hat es erhalten, und was Gott will, das muß bestehen. Diese Lösung genügt und geziemt dem Gläubigen, versetzt ihn aber in die Nothwendigkeit, zu allen Andersgläubigen in schroffem Gegensätze zu verharren. Diese Andersgläubigen, denen die Erscheinung ein Räthsel sein mußte,, haben seine Lösung auf anderem Wege versucht; insofern sie aber dabei von ihrem besondern Glaubensstandpuncte ausgegangen sind, mußten sie zu einem irrthümlichen Resultate gelangen. In neuester Zeit, seitdem die Philosophie der Geschichte allen Parteien einen neutralen Standpunct bietet, laßt sich hoffen, daß ein ehrlicher, unbefangener Forscher eine allgemein befriedigende Lösung finden werde. Ob eine solche schon versucht, ob die richtige schon gesunden ist, weiß ich nicht, halte aber dafür, daß es unsres Vereines würdig sei, vom Standpuncte der Geschichtsphilosophie aus eine solche Aufgabe sich zu stellen. Daher wage ich es, geehrte Versammlung! in Ihrer Mitte die, Frage zu behandeln: Wie ist es zu erklären, daß seit der Zeit, da das Menschengeschlecht aus der Wiege der Cultur, aus den Hochebenen Jnnerasiens sich aufgerafft hat, um sich über die ganze uns jetzt bekannte Erde zu verbreiten, bei allen Wandlungen, welche seine . einzelnen Bölkerfamilien dabei erfahren haben, Wandlungen, die bei manchen einem völligen Verschwinden, einem Untergange gleichkonnnen, die Familie der Hebräer , welche nach mancher Richtung hin diese Wandlungen an sich selber mitgemacht hat, in einer andern Richtung dagegen ganz unverwandelt geblieben ist, und noch heute ihren eigenen Platz in der Weltgeschichte, wenn auch unter dem Namen Juden, eben so behauptet, wie vor nahezu 4000 Jahren, unter dem Namen Hebräer? — Die Antwort darauf will ich — das schicke ich nochmals voraus und muß bitten, es bei Beurtheilung meines ganzen Vortrages wohl im Gedächtniß zu behalten — nicht vom Standpuncte des Glaubens aus, der völlig unberührt bleiben soll, sondern von der verstandesgemäßen Auffassung der beglaubigten Weltgeschichte aus zu geben versuchen. Meine Beweisführung wird daher nicht auf Schriften, sondern auf Thatsachen sich gründen, und alles Geschriebene, mag es nun dem heiligen , oder dem profanen Kreise angehören, wird mir dabei nur als Zeugniß für den Geist der Zeit, in der es geschrieben ist, und des Schriftstellers, der es geschrieben hat, gelten. Wenn nun 6vn der Geschichte der Völker in 'der Urzeit, und in ihrer Mitte von der des jüdischen Stammes, gesprochen werden soll; so ist dafür , wenn auch gerade nicht die einzige, doch jedenfalls die Hauptquelle die Bibel. Aber eine philosophische Auffaffung der Geschichte fordert, daß nich^ dasjenige was, sondern nur die Art und Weise wie die Bibel vom Auftauchen der Hebräer unter den Völkern, von ihrem activen und passiven Berhältniffe zu denselben spricht, als ein historischbeglaubigtes Factum Lehanvelt werdet Das Gesetz, welches die Geschichtsforschung auf Griechen, Römer, Germanen und Inder anwendet, indem sie die, in den ältesten Dichtungen und Sagen dieser Völker geschilderten Personen und Stämme als idealisirte Bilder der betreffenden Nationalcharaktere. wie sie dem Dichter vor Augen standen, annimmt, dasselbe Gesetz soll auch bei unsrer Ergründung des jüdischen Nationalcharäkters aus den Nationalurkunden zur Anwendung kommen. Wenn wir nun bei diesem Verfahren, abgesehen von der Existenz der in jenen Urkunden geschilderten Personen, wie von der Realität der erzählten Begebenheiten , die Entdeckung machen, daß gewisse hervorragende Charakterzüge den Stammhäuptern, wie den Urelementen des jüdischen Volkes beigelegt sind, welche im Verlaufe der ganzen Geschichte, bis in unsre Tage hinein,'immer wieder zum Vorschein kommen, und seine Lebensbedingung ausmachen, so gehen wir sicher nicht fehl, wenn wir diese Züge, als jüdischen Nationalcharakter bezeichnen.. Stellt ef üch dabei heraus, daß zugleich der Bestand

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