Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1872)
- Date
- 1872-07-30
- Page
- Seite 614 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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liegende Schulfonds Ersprießliches leisten. Aber leider -hören wir schon seit langer Zeit nichts von der Verwendung desselben, und es wäre von höchstem Interesse, wenn einer Ihrer geehrten lemberger Correspondenten über den Stand dieser Angelegenheit nähere Auskunft geben würde: Ueber die hiesigen Localverhältnisse berichte ich Ihnen ein anderes Mal ausführlich. Für heute nehmen Sie blos zur Notiz, daß in der in diesen Tagen stattgehabten Wahl zwölf Israeliten in den Gemeinderath gewählt wurden , so daß wir mit den früheren drei Herren, welche in diesem Jahre die Reihe des Austrittes nicht getroffen hat, zusammen fünfzehn Männer unseres Glaubens im Rathe sitzen haben werden, die genau den vierten Theil des gesummten Bollrathes bilden, ündem dieser aus sechzig Mitgliedern besteht. Leider wird die Freude über den Sieg der Inden bei den Besserdenkenden dadurch getrübt, daß bei der Wahl nicht Rücksicht auf Bildung, Intelligenz und Gediegenheit des Charakters genommen wurde, sondern daß es einzig und allein auf Geldmänner, die durch den Mangel jedweder Bildung und jediredcn Verdienstes um die Gemeinde glänzen, abgesehen war. Die Parole der Herren Agitatoren war: Wer uns mehr Geld giebt, der ist unser Mann. Und leioer ließen sich sonst achtbare Bürger von diesen Herren am Gängelbande hcrumführen, so daß wir zu der Ueberzeugung gelangten, daß unsere Glaubensgenossen in Bezug auf den niedrigen Culturgrad und die Unreife zur politischen Freiheit dem christlichen Nachbarn nicht viel nachstehen. Wir glauben, daß die, er Wahlvorgang ein genügendes Bild entwirft, um sich von unfern traurigen Zuständen eine Vorstellung zu machen. Gott bessere es. Nachschrift. So eben hören wir, daß die Leiter der Kreise der Intelligenz, in welchen die beiden Doctoren Joseph Ehingcr und Leon Blumenstock bei der Vorwahl als gewählt erschienen, sich aus Rache gegen die Israeliten, die ihnen solche namenlose Menschen in den Rath hinemgebracht haben, sich eines andern besonnen und dieselben von der Candidatur gestrichen haben. Im Lager der fortgeschrittenen Juden herrscht über den tragischen Ausfall der Wahl große Bestürzung, denn es wurden vier Männer wie ein Or. Rappoport, Oedinger, Blatteis, Blumenstock, welche buchstäblich unsere Zierden sind, außer Acht gelassen. DaS traurigste bei der ganzen Sache iff, baß es sich heute am klarsten herausgestellt hat, daß d^e Gleich¬ stellung bei uns nur auf dem Papiere steht. In daS sociale Leben ist sie noch nicht eingcdrungen. 8. Bon der Donau, 12. Juli. (Privatmitth.) Vor ungefähr einem halben Jahre bildete sich in Miskolcz ein sogenannter Ausstattungsverein. Eine Zeit lang ging die Sache gut, denn trotzdem es dem Vereine an jeder soliden Basis fehlte und jeder Vernünftige begreifen mußte, daß das Ganze auf Schwindel abgesehen sei, strömten doch Mitglieder aus allen Gegenden herbei, denen auch Einkaufsgelder und Monatsbeiträge mit aller Bereitwilligkeit abgcnommen wurden. Vorige Woche platzte nun endlich die Bombe mit fürchterlicher Explosion und richtete einen schrecklichen Jammer an, nicht nur unter den tausenden, welche, meistens Unbemittelte, dem Vereine als Mitglieder angehören, sondern unter den Orthodoxen, aus deren Reihen die Leiter, Verwalter und Agenten des Vereins größtenthcils Hervorgegangen sind. Die criminellen Untersuchungen über diesen nunmehr berüchtigten Borsod- Miskolczer Ausstattungsverein sind nach dem P. Lloyd im vollen Zuge. Es werden hier ganz ungeheuerliche Dinge an's Tageslicht gefördert werden. Mittlerweile befinden sich die Hauptgravirten in strenger Einzelhaft. Für Moritz Fried mann, den Präses der hiesigen orthodoxen Iudengemeinde, haben sich die hieher gereisten Präsidenten des in Pest resivirenden GtaubenSwächteroereinS (Schomre Hadath), Ignaz Reich und Li pp schütz verwendet, um ihren bisher rührigsten Haupmgenten gegen Bürgschaft auf freien Fuß zu setzen. Jedoch vergebens. Die jüdische Orthodoxie hat überhaupt mit den Ausstattungsvereinen sich viel zu schaffen gemacht und sie als ein Hauplmittek zur Propaganda für ihre frommen Zwecke auSgenutzt. Der genannte M. Friedmann hat noch wenige Tage vor der eingetretenen Katastrophe auf seinen Runrreiscn in jüdisch-deutschem Jargon geschriebene Broschüren vertheilt, in welchen die Solidität und Prosperität des Borsod - Miskolczer AuSftattungSvereins gepriesen wird und die orthodoxen Israeliten aufgefordert werden, jenen Verein aus allen Kräften zu unterstützen. Melnik, 16. Juli. Hier will man die Excesse auf bloße Privatrache reduciren, und jeden Judenhaß dabei in Abrede stellen — desto besser!