Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1872)
- Date
- 1872-07-30
- Page
- Seite 609 (sequence 7)
- Language
- German
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der« alle denkenden Menschen an der Unsterblichkeit Antheil. ' - 3m zweiten Buche handelt Gersonides von der Prophetie. Nach ihm bildet Gott nur eine Vorsehung im allgemeinen, kennt aber, durch viele Zwischenstufen von der Welt getrennt, die Einzelnen nicht. Deshalb ertheilt er auch niemandem die Prophetengabe; sondern er enthüllt nur im allgemeinen zum Nutzen des Menschengeschlechtes, daß der und der Zustand des Himmels diese und diese bestimmten Folgen haben müsse. Wer nun mit Innigkeit und Zuverstcht sich zu Gott erhebt, vermag zu dieser Enthüllung vorzudringen. Die nähere Entwickelung und zugleich die scharfe und nüchterne Kritik dieser Lehre mag man bei Herrn Weil selbst Nachlesen. * Nun werden wir über das „Wissen Gottes" belehrt. Nach unserm Philosophen sieht Gott die menschlichen Handlungen und Ereignisse voraus, insoweit dieselben von den himmlischen Körpern vorausbestimmt sind, aber er weiß niG, ob sie sich erfüllen werden oder nicht, weil ihre Erfüllung den freien Entschlüssen des Menschen Untergeordnet ist. So glaubt er Vorherbestimmung und Willensfreiheit und die hierauf sich beziehenden scheinbar entgegengesetzten Aussprüche der Schrift im Sinne der arabisch-peripatetischen Schule mit einander zu versöhnen. Es hängt dies mit seiner Ansicht von der Welteneinrichtung (viertes Buch „Vorsehung Gottes") überhaupt zusammen. Alle Ereignisse auf Erden, gute und schlimme, sind die Wirkungen der himmlischen Körper, intelligenter Substanzen, die Gott über uns schweben läßt, um uns zu leiten und zu erleuchten. Gott hat ihnen bestimmte Gesetze gegeben, und so kennt er auch alle die guten und üblen Einwirkungen, die sie auf das Menschengeschlecht außüben können. Aber durch Willensstärke, aufgrund prophetischer Voraussicht, kann der Mensch den unglücklichen Einwirkungen der Gestirne entgegen arbeiten. Die Vorsehung Gottes besteht nur in der allgemeinen Verleihung jener Voraussicht, die der Einzelne durch entwickelte Kenntnisse und inbrünstiges Streben sich selbst erobern muß. Sonst ertheilen die Gestirne Glück und Unglück gleichmäßig dem Bösen und dem Guten; des letzter» Lohn besteht nur in dem Förtbestehen der vön ihm gesammelten Weisheit nach dem Tode des Körpers. Der Böse dagegen wird mit dem Tode vernichtet; denn' sowie der Mensch sich von dein Laster und den sinnlichem Leidenschaften unterjochen läßt, verringert sich seine In-' telligenz, wäre sie auch noch so rnch än Wissen gewesen/ versiegt und verschwindet allmälig, so daß sie sich bald des geringsten Nachdenkens und damit jedes Zusammenhangs mit der allgemeinen Vernunft unfähig findet. Das fünfte Buch handelt von den „himmlischen Substanzen." Eine höhere Intelligenz — Gott — begreift die Formen aller Dinge und verwirklicht sie in . der Natur. Er theilt die Welt in, Sphären — 48, 58 oder 64 — lebendige und intelligente Wesen, deren bewußte Bewegungen von ebenso vielen bewegenden Kräften geleitet werden. Diese Planetaren Mächte bringen in Folge der verschiedenen gesetzmäßig von ihnen ausgehenden Einflüsse die allgemeine Entwickelung der irdischen Dinge in bewußter Weise hervor. Gott selbst und der allgemeine „thätige Jntellect" sind von den bewegenden Kräften verschieden. Dem erstern werden als Attribute volles ganzes Wissen, Glückseligkeit, das absolute Sein und die absolute Einheit zugesprochen. Im sechsten Buche „Von der Schöpfung und den Wundern" wird uns gelehrt, daß die Welt begonnen hat, daß sie nie endigen wird, und daß vor ihr keine andere da war. Es existirte nur eine allgemeine, ganz unbestimmte Materie — die eigentlich ein Nichts war — und aus dieser schuf Gott die Dinge;! nur die Intelligenzen sind eine Emanation Gottes selbst. Zur Erklärung der Wunder muß wieder der „thätige Jntellect" dienen. Es giebt in der Natur zwei Arten von Gesetzen: diejenigen, welche die himmlische Ordnung lenken und in Folge deren die ätherischen Substanzen die regelmäßigen sublunären Vorkommnisse Hervorbringen; und diejenigen, welche die dem demiurgischen Principe— dem thätigen Jntellect — eigenen Tätigkeiten leiten und in Folge deren dieses jene außerordentlichen Vorkommnisse herbeiführte, die wir Wunder nennen. Das ist in wenigen allgemeinen Zügen die Doctrin des Gersonides. Wie Herr Rabbiner Weil dies anerkennt und näher begründet, vermag das verwickelte und trotz der philosophischen Ansprüche abstruse System der Neoperipatetiker sich ebensowenig wie das ähnliche der Nedplatoniker Philo! — mit den klaren und einfach vernunftgemäßen Lehren der heiligen Schrift in Einklang zu versetzen. Dr. M. P.