Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-07-30 · Heft 31 (30.7.1872) · p. Seite 608

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 31 (30.7.1872)
Date
1872-07-30
Page
Seite 608 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226852-3226884--30838-3253733
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Literarischer Wochenbericht. Vo m Rh ei n e> 7. Juli. „Philosophie religieuse de L6vi-ben-Gerson par Isid. Weil, rabbin, Paris 1868."*) Die Mische Philosophie des Mittelalters zeichnet sich nicht durch Originalität aus. In der That, wenn man die aristotelische Lehre und zwar in dem Gewände, welches die arabischen Philosophen ihr gaben, kennt, so besitzt man damit zugleich die hauptsächlichsten Grundsätze der jüdischen Scholastik. Trotzdem ist diese letztere nicht ohne großes Interesse; denn einmal zeigt sie uns das stets merkwürdige Schauspiel einer rationalistischen Bewegung innerhalb einer positiven Religion; und dann bildet sie die Verbindung zwischen der arabischen und der christlichen Philosophie des Mittelalters, deren Grundlagen sie ausmacht und deren Entwickelung nur aus ihr zu erklären ist. Endlich ist jener Mangel an Originalität doch nur in dem Sinne zu verstehen, daß innerhalb der arabisch-peripätetischen Schule noch immer ein weiter Spielraum für die individuellen Ansichten der einzelnen Denker übrig blieb. Der unabhängigste und doch am wenigsten bekannte Philosoph dieser Richtung ist Rabbi Levi ben Gerson oder Gersonides, der Verfaffer der 'rr mwnbn. Er zuerst wagte sich dem alles beherrschenden Einflüsse des Maimonides zu entziehen; aber nicht allein diesem, sondern auch dem verehrten Lehrer Averroes und selbst dem Hochmeister Aristoteles tritt er bisweilen unerschrocken entgegen. Der Bibel glaubte er freilich nicht widersprechen zu dürfen; aber dafür trägt er seine Auffassung der peripatetischen Lehre gewaltsam in dieselbe hinein, den Wortsinn der heiligen Schrift schlimm verdrehend. Kurze Zeit früher wäre ihm das von Seiten der orthodoxen Rabbiner nicht so leicht hingegangen; indeß damals waren dieselben schon müde, gegen den wachsenden Strom der Philosophie anzukämpfen, und so kam Rabbi Levi ohne Anfechtung durch. Später freilich erfuhren seine Lehren durch die orthodoxen Schriftsteller die härteste Beurtheilung. Das System dieses merkwürdigen Mannes, eines Provenzalen aus Bagnols (1288 —c. 1345), wird uns zum ersten Male ausführlich von Herrn Rabbiner Weil entwickelt. Derselbe begnügt sich nicht mit einer anschau¬ *) Das Werk ist uns erst vor einigen Monaten zugekommen. Redact. lichen Darstellung der Lehren des Gersonides, sondern ist überall bemüht, dieselben auf ihren Ursprung zurückzuführen, sie aus den Ansichten der peripatetischen Schule überhaupt oder aus dem Systeme unseres Philosophen selbst zu entwickeln. Nichts bleibt-vereinzelt und deshalb unerklärt, sondern jedes wird mit großer Gelehrsamkeit und vielem Scharfsinn in Zusammenhang gebracht und genetisch erläutert, Dabei ist der Verfaffer keineswegs für den Gegenstand seiner Studie voreingenommen; im Gegentheil, er steht mehr auf Seite des Maimonides, ohne aber die Vorzüge jenes zu verkennen. Auch ist bei ihm rühmend die bei jüdischen Schriftstellern so seltene Eigenschaft hervorzuheben, daß er die Verdienste seiner Vorgänger auf diesem Gebiete bereitwilligst anerkennt. Seine Kritik ist in der Negation überall klar, scharf und einschneidend; in der Position allerdings mehr religiös als philosophisch. Das Buch wird einen trefflichen Beitrag zur Geschichte der Philosophie und zumal der jüdischen Geistesbildung ausmachen. Nur hätte der Herr Verfasser ohne Gefahr für die Vollständigkeit und Deutlichkeit seines Bildes an vielen Stellen sich etwas kürzer fassen können; die Verbosität des CanzelrednerS macht sich oft geltend. Ferner wäre größere Correctheit in den griechischen Citaten zu wünschen-. Die 'rt rnwnb», erschienen 1317—1329, sind das erste wahrhaft philosophische Werk, das nach dem „Moreh" an's Licht trat. Im ersten Buche, das von der Seele handelt, wird zunächst die Theorie des Jntellects gegeben. Das neugeborene Kind ist nur mit einfacher Anlage zum Denken begabt. Diese vom Körper untrennbare Anlage wird in Thätigkeit gesetzt durch den allgemeinen „thätigen Jntellect", welcher allen irdischen Dingen Bewegung verleiht, und wird dann zum „Jntellect in der Thätigkeit." Dieser gewinnt die verschiedenen Arten von Vorstellungen und Ideen, die zusammen den „erworbenen Jntellect" ausmachen. So weit stimmt Rabbi Levi mit Averroes überein; dagegen ist er unabhängig in seinen Ansichten über die Unsterblichkeit. Der „erworbene Jntellect", als Vereinigung rein geistiger Formen, kann nicht mit dem Körper untergehen. Der Mensch muß seine Kenntnisse auf Erden so sehr als möglich auszudehnen suchen, denn sie sind es allein, die von ihm übrig bleiben. Nach dem Tode hört die Vervollkommnung des Menschen auf, er zehrt auf ewig von der Frucht seiner irdischen Thätigkeit. In diesem Sinne haben — ein erfreulicher Gegensatz zu den christlichen Philosophen des Mittelalters! — nicht allein die Israeliten —Hon-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.