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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-07-30 · Heft 31 (30.7.1872) · p. Seite 606

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 31 (30.7.1872)
Date
1872-07-30
Page
Seite 606 (sequence 4)
Language
German
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Mittel zu prüfen, welche diesem überaus schwierigen Werke gegenüber vorgeschlagen worden sind, oder vorzuschlagen wären. Jene Thesen, die auf dem zweiten Gemeindetage vorgetragen wurden, enthalten vorzugsweise zwei Momente: die Bildung eines Gränzcordons an der Ostgränze Deutschlands, und die Centralisirung des jüdischen Armenwesens. Was den ersteren Vorschlag betrifft, so dachte man sich ihn so: die Gemeinden längs der Gränze müßten Comitss bilden, die jeden anreijenden Bettler mit einer kleinen Gabe zur Rückreise in seine Heimath versehen, sonst aber zurückweisen sollten. Es versteht sich, daß dabei an einen ziemlich breiten Gürtel solcher Gemeinden und ComitSs gedacht wurde. Die Sache würde von entschiedenem Werthe sein, wenn sie ausführbar wäre. Hieran zweifelten wir aber, und wurden durch nähere Erkundigungen in unseren Zweifeln bestärkt. Gesetzt selbst, es fänden sich solche Comitss an jenen Orten, noch mehr, sie fänden sich an allen diesen Gränzorten, so daß sie eine dichte Linie bildeten, und man unterstützte sie auch, da man ja nicht fordern kann, jene sollten die Last zu Gunsten ganz Deutschlands tragen, ^so würde dies wenig helfen, und die' polnisch-russischen Bettler kämen doch durch. In unserer Zeit, wo man für wenige Groschen in der vierten Clasie der Eisenbahn (denn die östlichen Bahnen haben Wagen vierter Classe) viele Meilen weit fährt, kann es selbst der Gendarmerie nicht gelingen, den Strom dieser Leute zu hemmen, bei weitem weniger viel beschäftigten Männern, denen jede obrigkeitliche Autorität fehlt. Die Bettler würden die Gabe zur Rückreise nehmen und dennoch weiterfahren. Mit einer kleinen Summe sind sie auch schon von der Heimath aus versehen, so daß die große Mehrzahl derselben keine Schwierigkeiten finden wird, durch den gedachten Cordon hindurchzukommen und Landstriche zu erreichen, wo ihnen eine bessere Ernte reifen könnte. In der That besitzen jene Bettlerschwärme die Energie der Miasmen, welche so oft aller Gränzabsperrungen spotten. Wenn daher derartige Gränzcomitss zu Stande zu bringen nicht gelänge, so könnte dies unserer Meinung und unseren Berichten zufolge nicht einem bösen Willen der Gränzanwyhner zugeschrieben werden, sondern dem Umstande, daß sie die Erfolglosigkeit der so gestalteten Bemühungen einsehen. Die Wandervettelei und der Gewohnheitsbettel sind aber nicht blos in den östlichen Ländern heimisch, sondern .auch in unserem guten Deutschland. Wir wollen durchaus nicht behaupten, daß sie hier in der Zunahme begriffen seien; wir glauben eher, daß sie sich in der neuesten Zeit gemindert haben. Hier aber bedarf es der Umsicht noch mehr, um nicht die Ausübung wahrer Wohlthätigkeit, den wirksamen Beistand für wirkliche Hilfsbedürftige zu schädigen. Der Ausschuß des Gemeindebundes schlägt daher eine Centralisirung des Armenwesens vor. Es ist dies eine so großartige und weitgreifende Maßnahme, daß wir ihr eine besondere und ausführliche Besprechung widmen wollen. Hier liegt es uns nur ob auszusprechen, was wir für unmittelbare Vorschläge zur Beseitigung der Wanderbettelei zu machen hätten. Wir wollen dies versuchen. Vor allem muß man sich klar machen, daß das kein Werk einer kurzen Zeit sein könne, sondern einer fortgesetzten ausdauernden Bemühung, die, mit einigen Erfolgen anfangend , sich immer weiter spinnt, sich immer weiter ausdehnt. Unsre Vorschläge bestehen nun darin: 1) daß Vorstände und Rabbiner, Prediger und Lehrer auf's strengste verpflichtet werden, keine Zeugnisse und Empfehlungen auszustellen oder zu unterschreiben. Wer den Schaden, den financiellen und den moralischen, den die Wanderbettelei bewirkt, nur oberflächlich erwägt, muß in Erstaunen gerathen, mit welcher Leichtfertigkeit von Vorständen und Rabbinern daS wirksamste Beförderungsmittel jener, die Ausfertigung und Bekräftigung von Zeugnissen und Empfehlungen, begünstigt wird. Die zahllosen Bettler sind sämmtlich mit den dringlichsten Empfehlungen versehen, und auf jeder dieser letzteren prangt eine ganze Reihe bekannter und unbekannter Namen, gewöhnlich noch mit Stempeln und Siegeln zur Seite. Und nun sind doch diese Zeugnisse in der Regel ein Mittel der Täuschung, wenn nicht des Betruges. In großen und kleinen polnischen Städten sind die Rabbiner durch die Umstände geradezu gezwungen, Atteste auszustellen. Statt nun diesem Zwange entgegen zu treten , geben ihm die deutschen Rabbiner durch ihre Unterschriften erst die rechte Folge und Wirkung. Der nächste deutsche Rabbiner bescheinigt, daß er die Handschrift deS polnischen Collegen kennt und übersetzt ihm den Text in's Deutsche; der folgende kennt wieder die Handschrift des Vorhergehenden und bescheinigt diese seinerseits, und so geht's weiter. Ist an dem Zeugnisse selbst in der Regel der größere Theil entweder Phrase oder unwahr, so befindet es sich in den zahlreichsten Fällen gar nicht in den Händen dessen, für den es ausgestellt ist; es ist abgegeben,

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