Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1872)
- Date
- 1872-07-30
- Page
- Seite 605 (sequence 3)
- Language
- German
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des Bnchstäben, theils deß Sachkundigen, der aber.ebenfalls gleich dem Rechtskundigen an das Lradirte^ Gesetz gebunden war / verwies. Bon der anderen Seite aber legte dasselbe Gesetz, welches die Individualität unterdrückte, dem Individuum die vollste Bedeutung bei. Jeder Jude war eine vollständige Verkörperung des Judepthums, und hatte alle Vorschriften, alle Pflichten mit dem vollen Werthe. zu erfüllen; sein Haus war eine vollständige Tempelstätte, in. der die mannichfaltigsten gottesdienstlichen Acte vollzogen werden mußten. Es kam also zwar nicht die Individualität wohl aber das Individuum zur vollsten Geltung. Niemand war befreit, Niemand bevorrechtet, Niemand ausgeschlossen, Niemand konnte vertreten werden; Gelehrsamkeit, Reichthum, Herrschaft oder Dienstbarkeit, Nichts enthob das Individuum seiner gesetzlichen Verpflichtung, seinem Gehorsam gegen das Gesetz. Hierin lag 'der ganze Zauber dieses Gesetzes, hierin seine Eigenthümlichkeit , die zu. gleicher Zeit den Individualismus erdrückte und denselben dennoch zur unbedingten Geltung brachte. Aus ihm entsprang wieder das religiöse Bedürfniß, das in wichtigen Momenten nur durch die Vereinigung befriedigt werden konnte. Hier müssen wir nun hinzufügen, daß bei der alten Jdentificirung des Religiösen und des Nationalen im Jsraelitenthum diese auch in den folgenden Zeiten im jüdischen Stamme bestehen blieb/ und durch die Behandlung desselben seitens der Völker nachhaltig conservirt wurde. So trat das Gefühl gemeinsamer Abstammung und gemeinsamen Schicksals als ein Vereinigungsmittel hinzu, um die jüdischen Individuen an einander zu binden und innerhalb dieses Verbandes zu freier Bethätigung zu führen, die sich namentlich in Werken der Wohlthätigkeit in ungewöhnlichem Maße kund gab. Fragen wir nun aber schließlich nach der Entwickelung der Freiheit, die aus diesen Zuständen hervorging, so können wir sie nur darin finden, daß der bis zu der Vertreibung aus dem heiligen Lande entwickelte Geist der Freiheit durch das talmudisch - rabbinische Gesetz zwar in Stillstand gerieth, aber durch den bezeichneten eigentümlichen Charakter desselben gerade so und durch dieselben Mittel conservirt.wurde, wie die eigentliche Gotteslehre selbst. Die Juden waren hierdurch geeignet^ die Gotteslehre und die Freiheit mitten in dem Formgesetze zu erhalten, bis eine lichtere Zeit für sie, wie für die ganze Menschheit, * e,intreten würde. Von diesem Augenblicke an brach der eigentliche ächte Geist innerhalb.des Judenthums wieder.hervor,, und indem elsich selbst innerlich befreite, wurde er auch wieder ein. Träger der wahren Freiheit innerhalb der Menschenwelt , jener Freiheit, welche dem Individuum die freie Entfaltung innerhalb des geordneten Gemeinwesens sichert^ welche dem Individuum die Bethätigung seiner Freiheit in der Erfüllung seiner Pflicht gegen das Gemeinwesen finden läßt. Es ist daher durchaus nicht zufällig, auch nicht aus ihrer politischen Stellung hervorgegangen, daß die Juden überall die Anhänger des Liberalismus waren, sind und sein werden, auf welche verschiedenartige Geriete auch die freiheitliche Richtung sich begeben wird. Vorläufig diente ja bereits der jüdische Stamm in allen modernen Staaten zum Prüfstein freisinniger Anschauungen und Gesetze. Die Leseittgung der Wanderbettelch eine schwierige Aufgabe der heutigen Judenheit. I. Es ist bekannt, daß der deutsch-israelitische Gemeindebund von Anfang an als eine seiner nächsten und bedeutendsten Aufgaben die Beseitigung der Wanderbetlelei, und zwar mit großem Rechte, betrachtete. Der erste wie der zweite Gemeindetag beschäftigte sich damit; das für den Ausschuß auf dem zweiten Gemeindetage genehmigte Programm enthält desfallsige Thesen an erster Stelle. Grund genug findet der Bund dafür in den ungeheuren Summen, die jährlich durch diesen Krebsschaden nutzlos absorbirt werden, sowie in der Förderung des Müßiggangs, und des demoralisirenden Gewohnheitsbettels, der sich von Geschlecht zu Geschlecht in denselben Familien forterbt und auch immer neue an sich zieht. Das Entstehen dieses großen Nebels aus den Verfolgungen früherer Zeilen und der Fortbestand durch das Elend der Juden in einigen Ländern kann seine Existenz in unserer Zeit nicht entschuldigen. Gerade aber, weil der Gemeindebund die Sache in die Hand genommen hat, haben wir uns darauf beschränkt, die desfallsigen Berichte zu geben. Wenn eine Sache in der Entwickelung begriffen ist, so muß man sie den Männern vorläufig überlassen, welche sie angeregt haben, und nicht von weither eingreifen wollen. Man stört da oft den gesunden Keim, welcher der unbehinderten Entfaltung bedarf. Jetzt ^aber, wo der Ausschuß selbst Jedermann auffordert, der einige Erfahrung darin hat, seine Ansichten auszusprechesi, tritt auch an uns die Verpflichtung heran, die