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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-07-23 · Heft 30 (23.7.1872) · p. Seite 601

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 30 (23.7.1872)
Date
1872-07-23
Page
Seite 601 (sequence 19)
Language
German
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arbeitende Ideenverbindung weit über seine Absicht hinausgeführt wird, und sich so schließlich mit Schrecken am Ende seiner Zeit sieht, ohne mehr als einem Theile seiner Disposition genügt zu haben. Sehr häufig hat dann der Redner den Verdruß, seinen Hauptgegenstand nur kurz oder doch nur einseitig behandelt zu haben. Dies ist noch der günstigste Fall, wenn nämlich der Redner soviel Herr über sich ist, wenigstens ungefähr zur rechten Zeit aufhören zu können. Das andere Uebel ist, daß der Extemporirende, um sich im Gedankenfluffe zu erhalten, in einer und derselben Steigerung des Tones fortfährt, monoton wird, eine Abwechselung des Ausdrucks in der Abwechselung der Gedanken und Gefühle nicht zu Stande bringt. Ich habe einen Canzelredner gekannt, der stets extemporirte, immer stotternd und stammelnd anfing, dann aber plötzlich auf die Canzel schlug, im schmetternden Tone zu schreien begann, und nun im kräftigen Flusse blieb, so lange er auf die Canzel trommelte und schrie. Er hat einige Male, namentlich auf dem Lande, große Wirkung hervorgebracht; sonst aber floh das Publicum die Rednerstätte, die er betrat. Die Befürchtung also, die man dem Memorirenden entgegenbringt, daß er, um den Faden nicht zu verlieren, entweder schnell und monoton sprechen oder langsam in Absätzen vorwärts kommen werde, dieselbe Befürchtung ist für den Extemporirenden doppelt zu hegen. Endlich kann ich noch einen Uebelftand nicht aus den Augen lasien, nämlich den, daß der Extemporirende sehr häufig nicht allein einen nicht richtigen, sondern geradezu einen unpaffenden Ausdruck wählen und bei seinen Zuhörern in einer Weife anstoßen wird, die er gar nicht beabsichtigte. Bei Gelegenheitsreden, bei welchen es einiger Vorsicht bedarf, werden daher Tactlosigkeiten nicht ausbleiben. Alle diese Uebelstände werden durch eine sorgfältige Ausarbeitung der Rede vermieden. Da ist der Redner im Stande, alles vorher genau zu erwägen, das Material und den Gedankenstoff zu sammeln und zu ordnen, der Begeisterung Raum zu geben, der Leidenschaft Zügel anzulegen. 9a noch mehr, was der Redner im ersten Anlaufe denkt und ausdrückt, ist nicht unwiderruflich; er kann es verbessern und umändern, bis er gefunden hat, was er sagen will. Man wird mir doch nicht einwenden, daß die Begeisterung, der unmittelbare Fluß durch das Niederschreiben oder durch das Fixiren im Geiste geschwächt werde. Die Mehrzahl aller dichterischen und musikalischen, ja der begeisterndsten Kunstwerke sind mit der Feder in der Hand entstanden. Die ächte Begeisterung ist nicht ein so flüchtiger, verglimmender Funke, den der Odem des Augenblicks entzündet oder auslöscht; sie wohnt tief und bleibend im Grunde der Seele; sie ist eine Flamme, die mit einer solchen Seele wird und vergeht. 9a, im Gegentheil, durch das Lesen des Geschriebenen oder das Wiederholen des Gedachten kann ich die Begeisterung von neuem entzünden, während es dem Extemporirenden schwer ist, sie wieder in sich anzufachen, wenn sie in ihm einmal augenblicklich erloschen ist. Dies sind Vorzüge so entscheidender Art, daß es meine völlige Ueberzeugung ist, selbst das außergewöhnlichste Talent könne aus die Dauer nichts Hervorbringen, was jene aufwiegt. Wenn wir von den größten Meistern der Rede Muster ihrer Beredsamkeit besitzen, so gibt dies das unumwundenste Zeugniß ab , daß sie ihre Reden ausgearbeitet haben. Es versteht sich, daß der Redner, wenn er auch noch so gut memorirt, die Fähigkeit haben muß, sofern es erforderlich ist, von dem Niedergeschriebenen oder genau Durchdachten abzuweichen, wegzulaffen und einzuschieben, wie es der Moment erfordert. Wir sagen also noch einmal, daß der tüchtige Redner zwar improvisiren und extemporiren können müsse, dies aber nur thun darf, wenn die Gelegenheit es fordert, sonst aber sich frühzeitig gewöhnen muß, sich sorgfältig vorzubereiten und seine Reden entweder mit der Feder oder im Geiste-vorher aus- und durchzuarbeiten. Da ich über die Canzelberedsamkeit Sie noch in einem besonder» Briefe zu unterhalten gedenke, so verschiebe ich bis dahin einige Bemerkungen, welche diese allein betreffen. Professor Helvims m Gießen und das „Maase-Buch." Bon Löwenstein. (Schluß.) 8. Elias der Prophet wollte einmal nicht bei einer Beschneidung sein. „Zun Zeiten R. 9oda Chasid ward ein Kind zu Regenspurg geboren, welchs, als man es beschneiden wollte und in die Schul trüge, stund alles Volk auf, das zugegen war, wie bräuchlich ist; denn man spricht „gelobet sey der da kömmet!" Und alsdann kömmet auch Elias der Prophet vom Himmel zur Beschneidung; darumb setzt man ihm auch einen besondern Stuhl, zween Stühl nebeneinander. Da stund aber der Rabbi nicht auf, als das Kind kam und sagt auch nicht „Gelobet sey der da kömpt". Das nahm jedermann sehr wunder. Man fragte ihn darnach, warumb er dem Kind hätte solchen Schimpf angethan? Er sprach: „dieweil ich. nicht gesehen Hab den Propheten Eliam kommen, auch hat er sich nicht auf sein Stuhl gesetzt, der ihm ist zubereitet gewesen. Daraus könnt ich wohl gedenken, daß aus dem Kind nichts Gutes werden wird." Und sprach: „Sehet ihr dorten in jenem Fenster Eliam den Propheten sitzen in Gestalt eines alten Manns mit einem langen Bart, der ist schneeweiß?" Sie baten den Rabbi, er sollte Fragen/, warumb er nicht auf seinem Stuhl geseffen hätte; . da hat er geantwortet: „dieweil noch aus dem Kind ein Christ werden sollt und es würde sich noch

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