Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1872)
- Date
- 1872-07-23
- Page
- Seite 600 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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lernen einen; hölzernen, steifen, todten Bortrag bedinge, welchem der freie Erguß der Rede schnurstracks gegenüber stehe. Das ist durchaus ein Jrrthum. Der Geist ist vielmehr fähig, vermittelst der ihm * durch das Gedächtniß gegebenen Worte sich in den Gedanken, den sie aussprechen, in das Gefühl, dem sie Ausdruck verleihen, so zu versenken, daß er den Gedanken und das Gefühl völlig reproducirt. Er schafft den Gedanken und das Gefühl noch einmal, nur in der diesen bereits gegebenen Form, und vermag ihnen daher den vollen, lebendigen Ausdruck zu geben. Um Sie hiervon zu überzeugen, erinnere ich Sie nur an irgend welchen großen, ja selbst mittelmäßigen Schauspieler. Demselben sind vom Dichter die Worte gegeben. Er hat sie auswendig gelernt; und doch verlangen Sie von ihm, daß er jene Worte mit allem Feuer, ja was noch mehr sagen will, mit aller Natürlichkeit, mit aller Unmittelbarkeit vortrage, die zu Tage käme, wenn der Mann die Situation selbst erlebte unv die Worte selbst schaffte! Sobald der Künstler dies nicht vermag, so fehlt ihm das Leben, die Wahrheit, die Kunst, von der er so schnell wie möglich den Abschied nehmen mag. Nun hat der Redner aber doch noch den Vortheil, daß er die Gedanken und Gefühle in seiner Seele selbst hervorgebracht hat, daß sie sein eigen Theil sind. Es wird ihm also ungleich leichter werden, sie frisch und lebendig zu reproduciren, als dem Künstler, der sich in Situation, Charakter und Wort erst hineinfinden und hineinleben muß. Jedenfalls aber glaube ich durch den Hinweis auf diese Kunst das Vorurtheil gegen memorirte Reden zerstreut zu haben. In der That irrt sich auch das Publicum in den meisten Fällen, wenn es eine völlig frei und flüssig gehaltene Rede für eine Improvisation, für eine extemporirte Rede hält. Weil jenes Vorurtheil besteht, weil das Publicum dem extemporirenden Redner den Vorzug, die größere Befähigung zuschreibt, geben sich viele Redner, besonders Prediger, den Anschein, als ob sie ihre Reden extemporirten. Aber es ist dies gar nicht der Fall und wir haben von Canzelrednern, die sich ihr Leben lang diesen Anschein bewahrten, ganze Reihen voll Bände gedruckter Predigten erhalten, die doch nicht gedruckt werden konnten, wenn sie nicht vom Verfasser ausgeschrieben worden wären. Noch lächerlicher ist es, jetzt bisweilen gedruckten Reden und Predigten zu begegnen mit der Bemerkung „nach stenographischer Aufzeichnung," während ihnen die sorgfältige Ausarbeitung auf die Stirn geschrieben ist. Ihnen, dem in dieser Beziehung meine Ansichten bekannt sind, kann es keine Ueberraschung sein, wenn ich den ausgearbeiteten Reden den Vorzug vor den extemporirten einräume; und ich habe das Vorausgeschickte vorangehen lasten, um dieser Ansicht bereits den Boden geebnet zu haben. Es gibt nach dieser Seite hin dreierlei Reden: ausgearbeitete, extemporirte und improvisirte. Letztere sind solche, die vom Augenblicke geboten und geboren werdend Wenn eine Situation plötzlich das Reden gebietet, wenn in einer Debatte der Gegner Argumente herbeigebracht, Gedanken und Behauptungen ausgesprochen hat, die bekämpft werden müssen, so gilt es zu improvisiren. Wird jedoch eine Rede gehalten, die zu halten die Absicht oder der Beruf schon längere Zeit vorlag , ünv wird sie nur nach einer Disposition gehalten, ohne daß der Ausdruck in Worten vorher gesucht worden wäre, so heißt dies extemporiren. Ausgearbeitet aber ist eine Rede, wenn sie entweder mit der Feder niedergeschrieben, oder im Geiste wörtlich durchdacht worden ist, und so in beiden Fällen durch das Gedächtniß reproducirt wird. Meine Meinung ist nun, daß ein tüchtiger Redner zu allen drei Arten von Reden befähigt und geschickt sein müffe, daß aber, wo das Reden regelmäßig und voraus bestimmt ist, die Ausarbeitung der Rede bei weitem den Vorzug verdient. Das Jmprovisiren kann unter mannichfaltigen Umständen als das Gebot des Augenblicks auftreten. Äa, man könnte sagen, daß jeder Lehrer, daß jeder, der ein Gespräch führt, improvisiren muß, wenn nicht eben ein so großer Unterschied zwischen Gespräch, Unterricht und öffentlicher Rede wäre. Ebenso muß der Redner von Beruf auf das Extemporiren gefaßt sein, da ihm nicht selten ein sehr kurzer Zeitraum zur Vorbereitung gestattet ist, während dessen er eben nur noch das Thema und die Disposition zu überdenken vermag. Soll aber der Redner zu allen drei Arten geschickt sein, so muß er sie eben alle drei üben; er muß sich dazu herangebildet haben, improvisiren und extemporiren zu können, während er in seiner Hauptthätigkeit der Ausarbeitung und dem Memoriren treu bleibt. Hierbei will ich eben gleich bemerken, daß das Extemporiren, wenn ihm ausschließlich Folge gegeben wird', das Memoriren und also auch das Ausarbeiten der Rede dem Betreffenden ganz unmöglich macht. Dies ist aber nur der eine Nachtheil. Da unmöglich dem Extemporirenden der Geist während seiner ganzen Rede so treu bleibt, daß er stets Gedanken und zugleich deren Ausdruck gegenwärtig hat, so gewöhnt er sich daran, solche Pausen mit Phrasen auszufüllen, die ihm geläufig geworden sind, und die zu nichts anderem als zum sogenannten Salbadern führen. Ich gestehe offen, daß ich hiedurch ausgezeichnete Canzel- und Volksredner, welche Natur und Studium mit großer Begabung ausgestattet halten, als Extemporirende zu Grunde gehen sah. Sie waren freilich im Stande, zu jeder Tages- oder Nachtzeit zu reden, und vom Morgen bis tief in die Nacht viele Reden zu halten. Dafür aber verloren sie mit der Zeit alle eigentliche Redebefähigung und Wirkung. Die Gegenstände ihrer Reden, ihr Gedankengang und ihre Ausdrucksweise wiederholten sich immerfort so sehr, daß die Zuhörer bald stets das Nämliche zu hören glaubten, und bei einigen Kraftstellen war das ganze GefÜllsel der Rede so banal und phrasenhaft, daß die Hörer dessen überdrüssig wurden. Hierzu kommt noch Zwiefaches. Zuerst, daß der Extemporirende selbst über die Disposition , die er sich im Voraus gemacht hat, nicht Herr bleibt, sondern durch den Lauf seiner Gedanken, durch die in ihm