Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1872)
- Date
- 1872-07-23
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
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1" FeMeton-Leilage zu Nr. 30. Leipzig, den 23. Juli 1872. Vertrauliche Briese XIV. Ueber die Redekunst. Das Gedächtniß ist ein sehr eigenthümliches Vermögen unseres Geistes, deffen Natur noch lange nicht genug aufgeklärt ist, und deffen Erziehung und Bildung deshalb nicht genügend nach richtigen Grundsätzen vor sich geht. Und doch scheint mir das Gedächtniß das Vermögen unseres Geistes zu fein, welches am meisten der Entwicklung fähig ist und ihr am meisten schuldet. Ich glaube, daß in der Regel ein schlechtes Gedächtniß durch Vernachlässigung, ein guteS durch Fleiß und Anstrengung erworben wird. Nichts ist dankbarer, als ein mit Sorgfalt und Emsigkeit gepflegtes Gedächtniß; nichts aber verweigert hartnäckiger den Dienst, als ein Gedächtniß, das in der Kindheit und Jugend nicht geübt worden ist. Denn allerdings' bei keinem Geistesvermögen ist es so schwierig, vielleicht unmöglich, das Versäumte nachzuholen^ wie bei dem Gedächtniß. Irrig wäre es aber anzunehmen, daß das Auswendiglernen allein zur Uebung des Gedächtniffes hinreiche. Vielmehr kommt es darauf an, den Geist zu concentriren und während der Uebung des Gedächtniffes oder der Erinnerungsthätigkeit sich nicht zu zerstreuen. Selbst das beste Gedächtniß lernt schwer und erinnert sich schlecht, wenn nicht die Aufmerksamkeit der Seele dabei ist. So wirkt die Uebung des Gedächtniffes auch vorteilhaft für die Selbstbeherrschung, für die Fähigkeit der Seele sich abzuziehen und zu concentriren. Doch ich darf mich der Versuchung nicht überlaffen, Ihnen eine Vorlesung über das Gedächtniß zu halten, so überaus interessant dieser Gegenstand auch ist. Erstaunlich ist, was das Gedächtniß nach rechtzeitiger Uebung zu leisten vermag, und wie leicht ihm, dem geübten, seine Arbeit wird. Allerdings ist hierbei das von Gewicht, worauf besonders bei der Entwickelung des Gedächtniffes die Aufmerksamkeit gerichtet war, und wofür sich der Betreffende am meisten interefsirte. Daher die verschiedenen Arten des Gedächtnisses nach den Gegenständen. Der Eine behält Zahlen mit der größten Leichtigkeit und in außerordentlichem Umfange; dem Anderen wohnt ein bewunderungswürdiges' Ortsgedächtniß ein, und jede Localität, die sein Auge getroffen, ist ihm für alle Zeit bis in's genaueste Detail gegenwärtig; deS Dritten Aufmerksamkeit hatten die sachlichen Dinge, die Notiz der Gegenstände auf sich gezogen , während dem Vierten die wörtliche Einkleidung besonderes Interesse abgewonnen hatte. Wie gesagt, es ist erstaunlich, was ein solches Gedächtniß zu leisten vermag. Es ist daher durchaus nicht schwierig, selbst eine längere Rede auswendig zu lernen oder, wie man zu sagen pflegt, zu memoriren; und wer sich frühzeitig hierin geübt hat, der vermag in einigen, ja in ganz wenige» Stunden, ausgedehnte Reden zu memoriren. Das Eigene ist, daß das Gedächtniß hierbei einem Schwammegleicht; sobald die Rede gehalten ist, dauert es oft nur kurze Zeit, und sie ist aus dem Gedächtniß völlig geschwunden Es ist darum den angehenden Rednern, seien es Prediger oder Advocaten, zu rachen, das Memoriren ihrer Reden emsig zu betreiben, und selbst wenn es ihnen anfangs noch so viele Mühe macht und Tage lange Anstrengung erfordert, nicht davon abzulaffen. Es belohnt sich ihnen; denn nach einiger Zeit wird die Mühe geringer und die Zeit kürzer, die sie darauf zu verwenden nöthig haben. Später aber wird das Memoriren geradezu unmöglich. Einer unserer besten Canzelreduer, dem es durch seine kleine Gestalt und sein starkes Augeso wie durch eigenthümliche Einrichtung seines Manuscripts leicht war; es abzulesen, sagte zu mir : „Wenn-ich meine Predigten memoriren sollte, wollte ich lieber Holzhauer item!" — Dagegen kannte ich einen anderen, der eine treffliche Predigt auSarbeitete, da er aber nicht me-, moriren konnte und deshalb ablesen mußte, regelmäßig seine Predigt verdarb und ihren Eindruck durch lang-? sames Ablesen, durch den- Einblick in das Manusoript und durch das Suchen darin die besten Stellen wirkungslos machte. Ich brauche es nicht hervorzuhebendaß das Ablesen die ungeeignetste Art des Vortrages ist; die nur dann gewährt werden darf, wo es eine. Vorlesung im eigentlichen Sinne des Wortes gilt. Aber selbst bei dieser wird ein freier Vortrag-eine größere Wirkung! machen, selbst wenn er dann in weniger gewählten Ausdrücken sich bewegt. . . •. 'Hierbei muß ich aber vonvornherein! einem« Vorurteile entgegentreten, nämlich dem, daß das Auswendige