Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1872)
- Date
- 1872-07-23
- Page
- Seite 585 (sequence 3)
- Language
- German
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Der stärkste md, wie wir glauben, conservirendste Triebzur ErhaltMg dieser^Natiorialität bestand aber in dem einigenden Gottesbewußtsein, das immer noch mit der Idee der israelitischen Volkseinheit identisch war und blieb. Immerhin war auch diese ein Individualismus der höheren Art, aber doch ein solcher, der die atomistische Individualität in dem Einzelmenschen zu einer Gattung zusammenfaßt. Können wir doch auch während des zweiten Tempels eine staatliche Existenz nur in der kurzen Zeit der Hasmonäer erkennen, während der Rest der sechs Jahrhunderte von dem intensivsten Volksleben erfüllt ist. Gesucht scheint uns auch Folgendes: „Im Buche Daniel, in der trostlosen Zeit der Gefangenschaft, begegnen wir zuerst der Lehre von der Unsterblichkeit der Seele. Wie sich das individuelle Leben in der Unterjochung überhaupt entwickelte, so wurde das Individuum, steigend in seinem. Gewichte, auch nach dem Tode gesichert; das ist die organische Entstehung der neuen Idee; ihre Lebenskraft lag darin, daß sich Israel, dem alles Irdische verloren schien, wohl als an einen süßen Trost an sie klammern mußte." Die Unsterblichkeitsivee war am stärksten schon im alten Aegypten entwickelt, wo sie doch mit der Feindschaft gegen alles individuelle Leben zusammentraf, die dort in einem Maße wie sonst nirgends herrschend war, so daß der Einzelne nicht einmal in der Wahl seines Lebensberufes frei war. Gewistermaßen wollte sich der unterdrückte Jndividualitätstrieb durch die starke Betonung der Unsterblichkeit des Individuums einen Ersatz schaffen. Im Buche Daniel ist diese Idee nur schwach angedeutet, und bekanntlich ist das Buch in seinen beiden Theilen erst lange nach dem Exil geschrieben. Zu der Zeit, wo die Unsterblichkeitsidee in dem bekannten Ausspruch des Koheleth den ersten entschiedeneren Ausdruck im Judenthume erhielt, schrieb Plato schon sein berühmtes Buch, um die Unsterblichkeit philosophisch zu beweisen. Der Verfaster findet also für das Judenthum in der Entwickelung dieser Idee zu vielen Beweis für den Individualismus. Auch darin scheint er uns zu irren, wenn er in ihr die alleinige Wurzel des Parteikampfes zwischen den Pharisäern und Sadducäern erblickt. Vortrefflich hingegen zeichnet er den Charakter dieser Parteikämpfe: „Dies Dominiren der Pharisäer, dies Erdrücken der Sadducäer gehört aber erst jener kurzen Periode an, die dem' vollen Untergänge vorünging. Jener Zustand, der uns in diesen Parteikämpfen eigentlich interessirt, der l normale Zustand, in dem sich die Parteien so lange gegenüberstanden: er überschritt trotz aller schärfsten Gegensätze, tiefgehender Meinungsverschiedenheiten, nirgend die Gränzen der bloßengegenseitig respectirten Meinungsverschiedenheit. In verhängnißvollen, i heißen Tagem, unter außerordentlichen Verhältnissen, 'unter dem Drucke äußerer Wirren kamen wohl Verfolgungen vor, zum Ausschluß oder zu Spaltungen aber führten sie nie, und so verschieden die Meinungen waren, jeder war „gerecht", der das Gesetz hielt. »Zusammenstöße wurden durch das Hereinragen politischer. ^Verhältnisse hervorgerufen; was aber die Freiheit Ner dochso sehr verschiedenen Meinungen und jLehren betrifft, war sie eine größere als je jin der christlichen Welt, als selbst in den heutigen Tagen; die gegenseitige Duldung war trotz der Conflicte keine geringere, als die gegenüber der dritten ^Partei, mit der Conflicte nicht einmal vorkamen, eben weil sie der Politik ganz fern stand. Das war eben jbte Achtung, die Berechtigung des Jndividu-e l l e n im Ä ude nt h um e. Alle diese Gegensätze kony? ten sich frei entwickeln^ ohne daß sie zu einer Spaltung im Staate oder in der Religion geführt hätten; deshalb können auch die Sonderentwickelungen nicht Seelen, sondern sie müssen Parteien genannt werden, imfr existirten als Parteien neben einander, wie Parteien sonst' nur in constitutionell fortgeschrittenen Staaten leben." Wir stimmen hier mit dem Berfaffer ganz überein;, er bestätigt seinerseits, was wir wiederholt ausgesprochen.*) Dennoch aber können wir die Erklärung dieser großartigen gegenseitigen Duldung nicht allein mit dem Verfasser in der. Achtung vor der individuellen Freiheit finden, sondern zugleich auch in dem tief eingewurzelten «Gefühle der nationalen und religiösen Einheit, das stark genüg war, um das Zerreißen der Gesammtheit nach . den verschiedenen Lehrmeinungen zu verhüten. Ist dieses selbe Gefühl doch auch in unseren Tagen noch kräftig genug, um die von orthodoxer Seite so überaus heftig angestrebte Spaltung zu verhindern. — Unter der dritten Partei versteht Herr Asbüth natürlich die Effäer, und er behauptet, daß diese die Blüthe des jüdischen Geistes gewesen wären und die Jndividualitätsidee am entsprechendsten/ zum Ausdrucke gebracht hätten: Wir können ihm hierin nicht beistimmen. Wesentliche Consequenzen *) S. unsere Religionslehre' Bd. I; S. 25 ff. (Leipzig- B'aumgärtner, 1861.) 30*