Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1872)
- Date
- 1872-07-23
- Page
- Seite 584 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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dem vollen Zauber tiefen individuellen Lebens ange- 1 hauchter Ereignisse, und hält sie für wichtig genug, M den Zeitraum langer Jahrhunderte ausschließlich Wt diesen auszusülley" ' Ohne den Verfasser Hierin eines Jrrthums zu zeihen, scheint uns seine Auffassung doch der Modifikation zu bedürfen. Denn trotzdem ist es dem ersten Buche Mosts nicht darum zu thun, die Geschichte einzelner Menschen zu erzählen, sondern, nachdem es von der Schöpfung, der großen Fluth, der Völkertafel, den ersten Entdeckungen und Entwickelungen gehandelt und die Genealogie bis zu Abraham verfolgt hat, gehen alle feine Erzählungen dahin aus, einerseits die Niederlassung der Erzväter in Kanaan und den Erwerb von Rechtsansprüchen auf dieses Land für das zukünftige Volk Israel auseinanderzusetzen, und andrerseits die Reinheit dieses Volkes in seiner Abstammung und Entwickelung zu Familie, Stamm und Volk, in feiner genealogischen Abgeschlossenheit von allen anderen Völkerschaften zu constatiren. Deshalb die ausführlichen Schilderungen von der Heirath Isaaks und Jakobs und der Geburt ihrer Söhne; deshalb die Erzählungen von der Art der Abstammung der verwandten Völkerstämme, der Moabiter, Ammoniter, Jsmaeliten, Edomiter; selbst der Bericht über den Vorgang mit Sichem; wie endlich die Schlußerzählung über die Schicksale Josephs die zeitweise Verpflanzung der Familie nach Aegypten, damit sie als Volk nach Kanaan zurückkehre, zum Inhalte hat. Charakteristisch demnach ist das Hervortreten der Einzelnen und der Familie mit der ganzen Innigkeit der die Familie zusammenfaffenden Gefühle. Aber der Zweck ist doch ein anderer, nämlich die stete Beziehung zu dem zukünftigen Volke und Volkskunde, wobei überall in stärkstem Maße der religiöse Inhalt dieses Volksbundes und die religiöse Mission dieses Volkes begründet und betont werden. Dahingegen zeigt der Verfasser weiterhin mit allem Rechte, daß das Judenthum zu seiner vollen Entwickelung nicht durch den Staat, sondern im Gegentheil durch den Fall des ersten Reiches gelangt ist, daß es vor diesem Falle auf dem besten Wege zum Verkommen und Untergehen im Götzendienste war, daß der Jude erst wieder auf fremder Erde zum rechten Bewußtsein gelangte, als er lediglich auf das individuelle Leben verwiesen worden war. Es heißt hier: ■ „Und wahrlich bewundernd blicken wir auf ein in der Weltgeschichte beispielloses Erekgniß. Völker stürzen in's Joch und brechen Kettendas ist dev Geschichte Lauf; hier aber sehen wir ein Änderest- Niedergetreten ein Volk, zerstückt und zermalmt; sein Vaterland eine Wüste Md der Raub der Fremden, die Wenigen, die an der bloßen Scholle noch hängen, Bettler, gepeitscht zur gemeinsten Arbeit; keine Hoffnung mehr zur Macht, des Fremden bitteres Brod ißt das ganze Volk, — nicht gefürchtet, nicht geachtet; zu gering scheint es zu neuer Erhebung; verurtheilt nach jeder menschlichen Berechnung, zum Verderben und Vergehen trotz all seines fruchtlosen Anklammerns an alte, ihm geheiligte Vätersitte; und dies Volk, dies Sklaven-, dies Bettlervolk, es erwacht, es bricht aus seinem Grabe heraus, Leben fordert es, und es lebt, neuem Blühen und solch neuer Macht geht es entgegen, daß Israel wieder im alten Glanze seiner größten Tage strahlt, und das Wort von der Größe seines Gottes, von der ewigen Kraft seiner Herrlichkeit an der Spitze des Schwertes in die Herzen von Schrecken erstarrter Nachbarvölker trägt." So wahr dies Alles ist, so scheint uns doch auch hier der Verfasser das jüdische Leben nur einseitig aufzufassen, und, wie es immer geschieht, durch den Schematismus befangen zu sein, der dem vielgestaltigen Leben nur ein einziges Princip zu Grunde legen will. Ja, der jüdische Staat war nicht das Lebenselement des Judenthums, aber das jüdische Volksleben, die jüdische Nationalität, und zwar diese erfüllt von dem Gottesbewußtsein mit den bestimmt gegebenen sittlichen und socialen Consequenzen. Der Verfasser hätte-nicht die der Bildung der israelitischen Monarchie, d. i. des israelitischen Staates vorangegangenen Jahrhunderte, also die sogenannte Richterzeit, außer Acht lassen sollen. Damals existirte Israel als Volk, nicht aber als Staat. Der Stammverband faßte alle Individuen zusammen, und die Stämme waren durch die Volksidee verbunden. Alle feindlichen Einbrüche und alles Eindringen des Heidenthums vermochten nicht die Stämme auseinanderzureißen, bis das Bedürfniß die Bildung einer Centralgewalt im Kömgthume zu Stande brachte. Sehr charakteristisch spiegelt sich dies in dem Bürgerkriege gegen Benjamin und in der nachherigen Art ab, diesen Stamm zu erhalten. Die Staatsidee war nicht so stark, um die Zerreißung in zwei Reiche zu verhindern. Aber verhältnißmäßig waren die Kämpfe dieser beiden gegen einander nur gering, und die einigende Bolksidee-immer stark genug in beiden Theilen, um die engsten Verbindungen innerhalb des Volkes zu erhalten und diedereinstige Wiedervereinigung in sichere Aussicht zu stellen.