Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1872)
- Date
- 1872-07-16
- Page
- Seite 581 (sequence 19)
- Language
- German
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Wer sind die Rumänen? Wir haben in einer früheren Nummer die Frage zu beantworten gesucht, wer und was die Griechen seien? Bon dem Gesichtspuncte, von welchem wir hierbei ausgegangen sind, drängt sich uns fast noch eher die Frage auf: wer sind die Rumänen, das Volk der erst seit wenigen Jahren züsammengekoppelten, bis dahin getrennten Donaufürstenthümer, der Wallachei und Moldau, die sich jetzt Rumänen nennen? Wenn man den Behauptungen, den Träumen oder Täuschungen der Rumänen folgt, so ist die Antwort schnell gegeben. Es ist sicher, der römische Kaiser Trajan verpflanzte nach dem neu gewonnenen Daeien eine große Menschenmenge aus dem ganzen römischen Reiche. Dacien wurde eine römische Provinz und zwar als eine römische Colonie. Da nun die rumänische Sprache ein Abkömmling der lateinischen ist, so ist es gar keine Frage, daß die heutigen Wallachen und Moldauer die rechten Abkömmlinge der Römer sind, unv ein ununterbrochenes Anrecht auf das Land zwischen den Karpathen und ver Donau haben. Denn nach dem, freilich nur bei den Römern und Römlingen vorhandenen Staatsrechte trägt eine römische Eroberung einen unveränderlichen Rechtsanspruch in sich, während eine Eroberung vom Germanen, Slaven u. s. w. nur eine Usurpation ist. welche die Gewalt gründet und verliert. Nur diese Römlinge haben daher das Recht, zwischen den Karpathen und der Donau zu epftiren, und die Deutschen und die Juden, die sich darin angefiedelt, find Eindringlinge, die hinausgefegt werden müffen. Unglücklicherweise für die Herren Rumänen stehen die Dinge nicht so fest, wie sie es auSgeben, und ihr Gebäude kommt gewaltig in die Brüche, sobald ein unparteiischer Geschichtsforscher, wie jüngst Rösler in seinen „Rumänischen Studien (Leipzig 1871)", die vorhandenen geschichtlichen Daten noch einmal prüft. Wir wollen absehen davon, daß die auS dem ganzen römischen Reiche durch Trajans Machtgebot zur Besiedelung Dacrens zusammengetriebene Menschenmenge eine zweideutige Vaterschaft abgibt; denn immerhin wurzelte doch diese Colonie in der römischen Cultur. Allein das Schicksal dieser Colonie war kein glückliches. Es ist nämlich eine ebenso sichere, von den rumänischen Autoren gern übersehene Thalsache, daß unter dem Kaiser Aurelian (270— 275) Pacien nicht mehr gegen die Gothen gehalten werden konnte, und daß deshalb die sammrlichen römischen Colonisten aus Dacien über die Donau nach Mösien verpflanzt wurden , daß die Gothen sich der ganzen Landschaft bemächtigten und von hier aus öftere Einfälle in das römische Gebiet machten. Nach ungefähr 170 Jahren also verschwand diese römische Colonie auS dem Lande zwischen den Karpathen, und der Donau, und trat unter die Bevölkerung der Halbinsel des HämuS ein. Freilich kehrten Nachkömmlinge wieder in das von der Donau nördliche Land zurück. Aber w an n? Die geschichtlich richtige Antwort lautet: erst in d er Mitte des dreizehnten Jahrhunderts. Ueber ein ganzes Jahrtausend gab es von ihnen in dieser nördlichen Landschaft keine Spur. Inmitten der Fluth immer wechselnder barbarischer Völker würde das Fortbestehen eines römischen Stammes und der römischen Sprache den Geschichtschreibern nicht entgangen sein. Erzählt doch der Byzantiner, Priskos im 5. Jahrhundert, daß es unter den Hunnen manche gebe, welche durch den Verkehr mit den Römern römisch gelernt hätten. Und in welchem Zustande kehrten nach einem Jahrtausend diese römischen Schößlinge wieder nach dem Norden zurück? Nicht mit einem Male, sondern allmälig; nicht als Eroberer, sondern als Einwanderer, als Hirten, die den Zigeunern näher standen, als den Römern Trajans. Sie kamen aus Bulgarien, und fanden in dem halb wüsten und dünn bevölkerten Lande ausgezeichnete Weideplätze, die ihnen nicht streitig gemacht wurden. Werden sie doch in allen sieb,nbürgischen Gesetzen und Landtagsverhandlungen des 16. und 17. Jahrhunderts noch vielfach als Wandernde und Eingewanderte angeführt, die sich an Orten niederlaffen, wo sie bis dahin unbekannt gewesen waren. Und doch nehmen vre Rumänen jetzt Siebenbürgen als eine Art Siammland in Anspruch. Man vergesse nicht, daß auch südlich von der Donau das ganze römische Leben, jede Verfeinerung, jever Glanz desselben völlig verschwand, von ver slavisch n Fluch hinweggeschwemmt, so daß ein Civis romanus gleichb,deutend mit Proletarier wurde. Die Slaven unterlagen den finnischen Bulgaren, die bulgarische Sprache nach geraumer Zeit wieder der slaviscven. Kommen nun die Rumänen erst gegen Ende V.s zwölften Jahrhunderts in der Geschichte ver Bulgaren wieder vor, als diese sich von Byzanz losriffen, lernten sie bei diesem Kriege das Lanv links der Donau kennen, und zogen gegen Mitte des dreizehnten Jahrhunderts allmälig als Hirten dahin, so ist der tausendjährige Zwischenraum von der Geschichte selbst völlig dunkel gelassen, und nur die Sprache selbst wirft einige Streiflichter darüber. In Siebenbürgen findet sich keine Spur der rumänischen Sprache, keine einige der jetzigen stebenbürgischen Städte ist rumänischen Ursprungs. Als Herkömmlinge aus dem griechischen Reiche erkennen wir vielmehr die Rumänen an ihrer Religion, welche die griechisch-katholische ist und uni Konstantmopel und dem für die Griechen heiligen Berge Athos in den engsten Beziehungen steht; auch heißt LowLai nickt L Ute römischer Abstammung, sondern Bewohner des römischen Reiches, sowie ‘Pw/taToi von Neugriechen und Bulgaren gilt. Hätten nun die Rumänen ununterbrochen im Norden der Donau gewohnt, so hätte ihre Sprache nothwendig von den Völkern, die hier aufeinander folgten, etwas angenommen. Doch findet sich in ihr keine Spur