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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-07-16 · Heft 29 (16.7.1872) · p. Seite 565

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 29 (16.7.1872)
Date
1872-07-16
Page
Seite 565 (sequence 3)
Language
German
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sich /der i irw Menschern eingeborene Trieb des- Jndividua?' lismus durch:.und!- brachte - die-- Anarchie? zu Wege,- welche, nothwendig iu deu > Cäsarismus verfallen mußte. Andrerseits können wir nicht zugeben, daß das Judenthum vonseinem Beginne-an und in. seiner ideellen. Gestaltung--' nur den- Individualismus enthalten, gesetzt und gelehrt hätte. Es ist dies? durchaus falsch: Ueberall setztder Mosaismusr das ganze ideale Verhältniß des Menschen in den rms, den Bund Israels, mit Gott, in die- Verbindung der einzelnen Israeliten zu einem Volksbunde, dessen Dasein auf dem Verhältniß zu Gott beruht. Die Individuen erscheinen immerfort als bn'iw'' -on, als. „Söhne Israels", die ihr Heil nicht als Einzelmenschen, sondern in dem religiösen Gemeinwesen finden, welches darum auch ein staatliches war. Wer von Außen Israelit werden wollte, mußte in dieses Gemeinwesen durch die Beschneidung eintreten. Das Individuum hatte Segen: und Fluch, also Heil und Unheil nur. durch-die-Beobachtung des Gesetzes zu erhoffen, jedoch auch-dies nur innerhalb des gesammten, dem Gesetze gehorchende oder ihm ungetreuen. Volkeswelches je nach seiner) Treue oder Untreue gegen das göttliche Gesetz beglückt oder bestraft'wird, besteht oder dem- Untergange entgegengeht. Auf' dieser Grundlage sichert der Mosaismus dem Individuen die Gleichheit Aller im Rechte und vovdeG Gesetze und die persönliche Freiheit zu; er kennt weder Kasten noch Stände , er giebt dem Individuum die- Freiheit des Willens, der Thätigkeit, der Bewegung; diesem nur durch die Erfordernisse des sittlichen und religiösen Berhältniffes zu den andern Individuen und zum- Gemeinwesen beschränkend. Diese Beschränkung ist sogar nach manchen Seiten hin stark, wie z. B. durch das Gesetz des Jobeljahres das Eigenthumsrechtder Individuen gesichert, aber auch beschränkt, durch den Sabbath die Freiheit der Thätigkeit abgegränzt ist. Fassen wir dies! Alles principiell, so ergiebt sich, daß der Mvsaismus zum Zielpuncte jenes Ideal eines die möglichst freie Entfaltung der Individualität sichernden, hierfür und! hiernach bestehenden und eingerichteten Gemeinweftns! Hatto, ein Idealdessen Verwirklichung im Speciellen zeitlichen und ethnischen Bedingungen unterworfen war. — Diese Anschauung war eS, die wir stets erkannt und ausgesprochen haben und die uns gerade zu der Bezeichnung! des Gegensatzes von Äudenthum zu Christenthum' führte, daß das letztere eine Religion des Individuums zu sein beabsichtigtewelche daher nur das OMenhew des Individuums zum Zieler nahm, um die Gesellschaft^ sich , nichts kümmerte, und.deshMzwifchey< dem irdischen,, unp himmlischen Reiche, unterschied;, nichtjenes alsirdas peinige anerkannte, sondern lediglich dieses^ Unter diesem Vorbehalte können wir Herrn AsböG nup Leistimmenwenn er; den Monotheismus als-„ersten, die Sonderstellung des.jüdischen Volkes.begründenden großen Zug" ansieht, der Gott als daS; absolute Individuum erkennt , indem er . zugleich durch die Lehre, daß, der Mensch im Ebenbilde Gottes, geschaffen sei, in dem Individuum das Gewicht der, eigenen Individualität weckte. Von unserem Standpuncte aus erblicken wir auch hierin eine Bestätigung unserer oben. dargestellten Anschauung:; denn als Consequenz richtet sich deshalb die Vorschrift zuerst an das gesammte Volk: „Du sollst mir. ein fyet* liges Volk sein," und dann an das Individuum:. „Du sollst. Dich heiligen, wie.-der Ewige heilig ist." — Der. Verfasser findet mit Recht, daß der Monotheismus wenigstens dem Pantheismus gegenüber dje-Jndividualitätsidee sehr fördern mußte. Es heißt weiter: „Diese dem Monotheismus an und für sich, anhaftende Wirkung wurde aber poteneirt durch die Richtung, die speciell der jüdische Monotheismus nahm. Das ist das eigenthümliche Verhältniß, in welches das Judenthum insgesammt, und jeder Jude für sich, zu feinem Gotte trat.. Das erdrückende Gewicht des absoluten Individuums fand sein Gegengewicht in der Lehre von. dergöttlichen. Gerechtigkeit und Langmuth, zu dev alsbald auchdie göttliche Liebe herantrat; Hierdurch und durch die stets fortschreitende Entwicklung der Idee des? Bundes mit Gott verschwindetder Druck der sklavischen! Unterordnung, das' Einzige, was bei der monotheistischen Theokratie der Individualität zum Nachtheile sein konnte;? so. wird das Individuum nunmehrin der Theokratie weder durch die Gefammtheit ahsorbirtnoch verschwindet es.. gegenüber dem Selbstherrscher, wie das eine? oder das' andere in der griechisch-römischen Welt stets der Fall war." Aus diesen Worten erkennt man, Me der Scharfblick des Verfassers ihn unbewußt zu der richtigen Auffassung führte, wie wir sie charakteristrt haben. (Fortsetzung folgt).. Literarischer Wochenbericht. Potsdam, im Juni. „Borbeterschule. Vollständige Sammlung: der alten. Synagogeniutouationen von Moritz-Deutsch, Obercantor der großen Synagoge 29*

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