Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1872)
- Date
- 1872-07-09
- Page
- Seite 544 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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wurden wieder Juden getauft, nämlich drei, also in sechs Jahren lein einziger. Von da ab gingen in den Jahren der Reaction auch die Geschäfte des Vereins wieder etwas besser, so daß die Einnahmen bis über 5.000 Thlr. jährlich stiegen, während die Zahl der Getauften nur gering blieb. Im Jahre 1871 z. B. nahm die Gesellschaft 4961 Thaler ein, gewann aber nur 4 Proselhten, so daß ein jeder derselben über 1200 Thaler kostete. Noch höher war der Preis eines einzigen im Jahre 1862, welcher 3582 Thaler kostete. Man sollte doch glauben, daß hierdurch den Mitgliedern der Gesellschaft die Augen aufgehen sollten, natürlich die Missionäre ausgenommen, die ja dafür bezahlt werden. Was der Gesellschaft am consequentesten treu blieb — wenigstens nach der Aussage dieses Schriftchens — ist die Huld der königlichen Familie, die noch heute jährlich 500 Thaler zusteuert. Auf Befehl Friedrich Wilhelm des III. wurde den Judenmissionären gestattet, im ganzen Königreiche nach Belieben in den Kirchen zu predigen. Auch wurde in Berlin ein eigner Gottesdienst für die Judenbekehrung eingerichtet und der Magistrat räumte hierzu 'wiederholt verschiedene Kirchen ein. Ferner wurde 1836 ein „Verein zur christlichen Fürsorge für jüdische Proselhten" gebildet, der die letzteren nicht blos bis zur Taufe, sondern auch nach dieser unterstützen und versorgen sollte, eine, wie die Schrift selbst sagt, unerläßliche Bedingung, um Proselhten zu bekommen. Ueberhaupt spielt das Geld bei diesem geistlichen Werke doch eine große Rolle, und voll Freude wird wiederholt angegeben, wenn die Sammlung in den Kirchen so und so viel Thaler eingebracht hat Auch die Legate werden mit Vorliebe aufgeführt; ein Hauptmann hat 8000 Thaler, der bekannte Criminalgerichtsdirector Hitzig, eigentlich Jtzig, der Herausgeber des „Neuen Pitaval", 500 Thaler legirt u. s. w. Diese Legate circa 12,000 Thaler verewigen auch den Verein, da die Zinsen für alle Zeit verbraucht werden müssen. Wie die Erfolge der Gesellschaft, so ist auch dieses Schriftchen selbst ganz harmlos. Es fehlt ihm an jeder Kraft und Energie, an allem Geiste, an allem Schwung. Aus jedem Satze blickt das Bewußtsein heraus, einer unbedeutenden Sache zu dienen. Es ist alles zu einer wahren Waffersuppe zerrührt, und es weht uns nicht einmal der Geruch des Weihrauchs daraus entgegen. Wenn etwas erzählt wird, so ist es „ein Jüngling", „ein Greis", „eine Wittwe" „an einem Orte" — Namen werden nicht genannt — und Thränen fließen dann auf jede Phrase eines Missionärs. Dennoch kann der Verfasser sich nicht enthalten, auch ein. drastisches Bild der Thätigkeit der Missionäre zu geben, und wir wollen dies wörtlich hier Herstellen. „Wie es in Frankfurt an der Oder am ersten Sabbath der Messe, wenn die Synagogenzeit vorüber ist, zugeht, davon kann sich nur der eine Vorstellung machen, welcher selbst so etwas erlebt hat. Man denke sich eine große Stube parterre; rechts der Thür eine Kiste mit Büchern; vor derselben erst stehend, dann wegen Mangel an Raum auf derselben sitzend der Missionär H., bald die Juden wegen ihres Unglaubens angreifend, bald ihnen die Schrift auslegend. Mitten in der Stube Candidat K., bald mit lauter Stimme ein Capitel aus der Bibel vorlefend, bald das Gelesene erklärend. In dem einen Fenster Missionar B., über die Verlegung des Sabbaths auf den Sonntag disputirend; in dem andern ich, eine Weissagung erklärend oder zum Lesen der Schrift ermahnend; zwischen allen diesen Gruppen ab- und zugehend müßige Zuschauer, oft in großer Menge, daß auch die Hausflur davon angefüllt wird; und draußen auf der Straße ein anderer Haufe, über uns schwatzend, lachend und zum Theil neugierig ins Fenster hineinsehend. Dies alles denke man sich im buntesten Gewirr durch einander und neben'einander sich fortbewegenv, so hat man ein Bild unseres heutigen Abends. Und nun nehme man dazu, daß bisweilen mitten im ernstesten Gespräche, welches der Missionär mit den ihn unmittelbar Umgebenden zu Stande gebracht hat, ein Spötter, dem die Zeit zu lang wird, sich durch den Kreis drängt und durch die Aeußerung, für tausend Thaler wolle er sich taufen lassen, oder durch andere Thorheilen ein Gelächter zu erregen sucht, welches ihm wohl nicht gelingt , obgleich die anderen Sprecher sich dann zurückziehen, so daß der Missionar erst wieder einen andern Zuhörerkreis sammeln muß, mit denen er in jeder Minute dasselbe Schicksal haben kann." Am scheelsten sieht die Gesellschaft aus den reformatorischen Geist im Judenthume, dem sie zum größten Theile die Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen zuschreibt; andererseits macht sie den Christen die bürgerliche Gleichstellung der Juden zum bittern Vorwurf. Es heißt Seite 30: „Aber die Erfolge der Missionsarbeit wurden allmälig immer geringer, und die Klagen darüber immer lauter. Die Bemühungen, unter den Christen eine größere Theilnahme für die Bekehrung Israels zu erwecken, fanden noch immer nicht den rechten Anklang.