Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-07-02 · Heft 27 (2.7.1872) · p. Seite 541

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 27 (2.7.1872)
Date
1872-07-02
Page
Seite 541 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3226852-3226880--30767-3253658
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

fimden habe, erwiederte derselbe: „zwischen den Harithein", d. h. zwischen den beiden Harith's. Nun bedeutet im Arabischen dieses Wort einen Pflüger oder Landmann, und auf Herrn Palmers Bitte um weitere Erläuterung, deutete der Araber auf die beiden Hügel, auf welchen das in Trümmer zerfallene Dorf Dhiban liegt, und zwischen ihnen fand man die Bruchstücke des Denkmales Mescha's. Beinahe alle Städte in Moab sind aus ähnlichen Erhöhungen erbaut, und Palmer fand, daß sie bei den Arabern stets den Namen „Harith" führen. Das Wort „Harith" ist genau gleichbedeutend mit dem „Heres" oder „Hareseth" der Bibel, und so findet man in einem scheinbar unbedeutenden Idiome eine unerwartete Erläuterung der Topographie der Bibel — ein weiterer Grund dafür, das neuere Kerek mit dem alten „Kir-Hareseth", „der Stadt auf dem Berge", für identisch zu halten — und zugleich ist damit die interessante Entdeckung gemacht, daß ein örtliches moabitisches Wort aus der Zeit Jehorams, des Sohnes Ahabs, sich bis auf unsere Tage erhalten hat. Die Juden m der Stadt Portlaud in Amerika. Mitgetheilt von Löwenstein. Jedem Juden und jedem Judenfreunde ist es ein erhebendes Gefühl zu hören, wie sich unsere Glaubensgenossen drüben, jenseits des Oceans, zu einer in jeder Beziehung hochachtbaren Stellung emporgearbeitet haben, und wir nehmen um so lieber Notiz von Nachrichten, die uns über die Lage der Israeliten in Amerika Aufklärung verschaffen, wenn sie von einem Berichterstatter wie Theodor Kirchhofs herrühren, der in einer der jüngsten Nummern des „Globus" in einem Aufsatze „Streifzüge in Oregon und Californien" sich also vernehmen läßt: „Die Stadt Portland am Wilamette ist im Verhältnis zu ihrer Einwohnerzahl eine der wohlhabendsten Städte in Amerika: Kaufleute, die hunderttausend Dollars „werth sind", giebt es dort eine hübsche Anzahl, Halbmillionenleute gehören in ihr keineswegs zu den Seltenheiten, und der Millionär Ben Holladay vertritt die Noblesse der Geldmenschen auf eine respectable Weise. Das Durchschnittsvermögen der Portländer beträgt nach der Steuerschätzung, die aber in Amerika stets wenigstens 50 Procent zu gering angeschlagen ist, 7-50 Dollars in Gold per Kopf. Unter der Kaufmannschaft Portlauds stehen die i sraelitischen Großhändler (fast alle Deutsche) an Reichthum und Ansehen obenan. Der jetzige Bürgermeister (City mayor) der Stadt ist ein deutscher Jude; sein Vorgänger war ebenfalls ein solcher. Wie zahlreich das jüdische Element unter den Kaufleuten Portlands* vertreten ist, bemerkte ich recht deutlich am zweiten Tage meines diesmaligen Aufenthalts daselbst, der mit dem des israelitischen Neujahrs zusammentraf. Es waren buchstäblich mehr als die Hälfte der Geschäftshäuser und fast sämmtliche große Handelsfirmen in der Stadt geschlossen. Die wohlhabenden Inhaber derselben gingen zur Feier des Tages entweder in Sonntagskleidern spazieren, oder hatten sich in den Synagogen zum Beten versammelt, oder sie vergnügten sich in den geschlossenen Hinterzimmern der „Stores" und in ihren Privatwohnungen bei einem interessanten Kartenspiel von „Poker" oder „Klabberjas". Geschäfte wurden an diesem Tage in Portland fast gar keine gemacht , außer es ließ ein nicht allzu orthodoxer Jude einen guten Kunden durch die Hinterthür in sein Waarenmagazin (also auch!), und die Kaufleute christlichen oder gar keines Glaubens hätten ebenso gut wie ihre mosaischen Brüder ihre Handlungshäuser schließen und spazieren gehen können, als sich in ihren offen gehaltenenen Stores über die schlechten Verkäufe zu ärgern. Mit Ausnahme der jüdischen Kaufmannschaft nimmt die deutsche Bevölkerung Portlands, etwa ein Fünftel der Einwohnerzahl, den Amerikanern gegenüber leider eine sehr untergeordnete Stellung ein. Ein geselliges Leben existirt unter ihnen nur in sehr beschränktem Maßstab, ganz das Gegentheil, wie es sich bei den Deutschen in californischen Städten zeigt. Das Organ der deutschen Bevölkerung Portlands und das einzige im Staate Oregon erscheinende deutsche Blatt, die „Oregon deutsche Zeitung", ist eine kleine Wochenzeitung und.mit den großen englischen Journalen gar nicht zu vergleichen. Ich wollte als bescheidener College im Literaturfache dem Herausgeber einen pflichtmäßigen Besuch abstatten. Mein neuer Freund, der Redacteur, beklagte sich bitter über die Indifferenz der wohlhabenden Deutschen Portlands jedem literarischen Unternehmen gegenüber. Selbst die hier zahlreich ansässigen jüdischen Kaufleute förderten die precäre Existenz seines Blattes fast gar nicht-durch Abonnement oder Anzeigen; gerade das Gegentheil von den jüdischen Kaufleuten San Francisco's, welche dort die deutschen Journale sehr liberal unterstützen, fleißige Besucher von Theatern, Concerten und wissenschaftlichen Vorträgen aller Art sind und prächtige gesellige Vereinslocale unterhalten, und die man im wahren Sinne des Worts „Mäcene der Kunst" nennen kann. Doch wird sich hoffentlich im Laufe der Zeit auch unter den Deutschen Portlands ein mehr geistiges sowohl als geselliges Leben entwickeln, und werden Wissenschaft, Kunst und Literatur daselbst nicht immer die Stellung eines Paria einnehmen. Die Sonne der neuen Cultur hat hier leider noch mit den Wolken zu kämpfen, welche ihr Licht eben erst zu zerstreuen begonnen hat." Mögen auch die Juden Portlands sich rühmlich dabei betheiligen! —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.