Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1872)
- Date
- 1872-07-02
- Page
- Seite 540 (sequence 18)
- Language
- German
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Menschen ein Gedanke erst dann klar, wenn er ihn in Worte zu kleiden versucht. Thut dies der Redner im Voraus in seinem Geiste, so wird er seinen Gegenstand deutlich aüssprechen können und so auf seine Zuhörer Einwirkung machen. Im andern Falle Bleibt er selbst verworren und dem überlassen, wohin ihn sein Geist im Drange des Augenblickes treibt. Er kommt da oft genug ganz wo anders hin, als er beabsichtigt hatte. Bei jeder Rede ergibt sich von selbst das Bedürfniß der Einleitung und des Schluffes. Die erstere soll theils den Gegenstand als Einzelheit aus dem Zusammenhänge mit anderen herauslösen und in seiner Besonderheit hinstellen, theils die Stimmung in den Zuhörern Hervorrufen, welche für die Betrachtung der Sache am zweckmäßigsten ist. Der Schluß hingegen soll alle charakteristischen Züge noch einmal kurz zusammenfaffen, um sie der Vorstellung und dem Gedächtniß nachhaltig zu übergeben, oder aber durch eine besondere Weihe die Hörer gehoben und befriedigt zu entlasten. Gerade darum aber darf weder die Einleitung noch der Schluß zu sehr ausgedehnt sein. Der Hörer will bald möglichst wissen, wovon eigentlich gesprochen werden soll; er will aus dem Weiten in's Enge geführt werden, nicht aber erst lange Zeit im Weiten umher. Ebenso wirkt der Schluß durch bloße Wiederholung oder durch weitläufige Sentimentalität nur abschwächend. In der Regel muß daher das eigentliche Thema bald und klar hingestellt werden, und eine Andeutung, auf welchem Wege der Redner zum Ziele gelangen' wolle, wird angenehm sein. Das strenge Einhalten dieser Andeutungen oder Angaben dient zur Befriedigung. Der Redner hat dann gethan, was er gewollt hat, und der Hörer gehört, was er gesollt hat. Springt dann dem Hörer schließlich in's Auge, daß der Redner sein zu Anfang angegebenes Ziel wirklich-erreicht hat, so sagt er: die Rede war abgerundet und hat allen Anforderungen genügt. Hierzu ist aber noch besonders erforderlich, daß der Redner jede Abschweifung zu vermeiden versteht, jeder Versuchung, irgend einen Gedanken oder eine Schilderung weiter auszuführen als zum Verständniß nothwendig und zur Sache gehörig ist, zu widerstehen vermag. Es ist das nicht so leicht, wie es den Anschein hat. Man verläßt nicht gern einen Lieblingsgedanken, einen Gegenstand, über welchen man vielleicht Eigenes gefunden hat; man kürzt nicht gern eine Schilderung ab, von der man sich besondere Wirkung verspricht, oder in welche man eigenthümliche Züge hineinbringen zu können glaubt. Aber man ginge doch sehr irre, wenn man solche Warnung für das Anlegen überflüssiger Feffeln hielte. Sie entspricht vielmehr der einfachen -psychologischen Wahrheit. Alle mögliche Kraft und Wärme, wo sie hingehört; aber dem Theile nicht mehr gegeben als ihrü im Berhältniß zum Ganzen gebührt, weil sonst der Theil das Ganze überwuchert und in den Schatten stellt. So liegt uns das logische und psychologische Schema der Rede vor: Einleitung, Angabe des Thema's, sorgfältige Aufeinanderfolge der Theile und Momente, Schluß. Hiermit kann nun der einsichtsvolle und begabte Redner machen, was er will; er kann die specielle Ordnung nach seinem Belieben treffen. In der Hauptsache muß er es so halten, wenn er eine zweckentsprechende Rede hervorbringen will. Allerdings gibt hierbei die Form der Canzelredealso der Predigt, noch manches Besondere zu bedenken; weshalb ich ihr noch einen besondern Brief zu widmen gedenke. Hier drängt sich mir eine andere, nicht selten bereits besprochene Frage auf: soll der Redner seine Rede vorher ausarbeiten, oder soll er extemporiren? Ich glaube, gerade an dieser Stelle darauf eingehen zu sollen, noch dazu, da mich nichts nöthigt, einen durchaus systematischen Gang zu verfolgen. Was ich über die Form gesagt habe, macht mir die Beantwortung dieser Frage fast zu einer Pflicht. Zur Geographie des Landes Moab. Herr Palmer, der ausgezeichnete Forscher in Palästina, ein ebenso bedeutender Kenner des Arabischen, als ein Mann von zuverlässigem Charakter und großem Scharfblick, ließ sich jüngst in einer Sitzung der britischen geographischen Gesellschaft folgendermaßen aus: Das Land Moab ist etwa fünfzig englische Meilen lang und zwanzig englische Meilen breit, es umfaßt sowohl das Tafelland auf der Ostküste des tobten Meeres als den Theil des Ghor, welcher auf dem östlichen Ufer des Jordan Jericho gegenüber liegt. Das Hochland beschreibt er als aus einem rollenden Plateau bestehend, etwa 3200 Fuß über dem Meeresspiegel; der westliche Rand ist in tiefe Thäler zerschnitten und zieht sich in einer Reihe abschüssiger Berge in Winkeln von 45 bis 50 Grad nach dem todten Meere hinab. Dieses Hochland ist naturgemäß durch die große Kluft des Wadi Modschib, des Arnon der heiligen Schrift, in zwei Bezirke getheilt. Capitän Palmer gibt einige sehr interessante Beispiele über die vollständige Identität neuerer Orte und Ausdrücke mit den in der Geschichte der heiligen Schrift erwähnten. So z. B. führt er an, daß die neuere Stadt Kerek, obgleich sie fast nur aus Hütten besteht, sich auf der Stelle der alten Hauptstadt von Moab befindet. Im alten Testamente wird sie Kir- Hareseth oder Kir-Heres genannt. Der erste Theil des Namens scheint „eine ummauerte Stadt" zu bedeuten, die Bedeutung des Suffixes (?) aber hat die Commentatoren in beträchtliche Verlegenheit gesetzt. Als sich Capitän Palmer in Dhiban (dem alten Dibon) befand, kam er unerwartet zu einer Erklärung dieses Wortes , die sehr merkwürdig ist als Beispiel der auffallenden Art und Weise, wie triviale örtliche Idiome und Gewohnheiten oftmals die Phraseologie der Bibel erläutern. Als er einen der Araber fragte, wo man den Moabiterstein ge-