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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-07-02 · Heft 27 (2.7.1872) · p. Seite 539

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 27 (2.7.1872)
Date
1872-07-02
Page
Seite 539 (sequence 17)
Language
German
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FeuiUeton-Leilage M Rr. 27. Leipzig, den 2. Juli 1872. Vertrauliche Briefe XHL Ueber die Redekunst. Das richtige Maß zu Hallen ist ganz besonders-in allen den Dingen erforderlich, welche die Form der Rede betreffem Unter Form verstehe ich aber dreierlei: die Form im engern Sinne des Worts, die Sprache und den Vortrag. Die Form der Rede, der Predigt, des Vortrags —- wozu bedürfen diese der Form? Ihre Form muß sich einfach aus der Sache selbst ergeben, und Satz an Satz nach einwohnender Logik, nach dem inneren Zusammenhänge sich aneinander reihen. Hinweg mit aller Künstlichkeit, mit allen selbstgeschmiedeten Feffeln! Lastet den Genius frei walten, und er wird, was richtig, einschlagend, hinreißend ist, von selbst finden. Diese Aussprüche habe ich oft genug gehört, und manchem, der gern ein tüchtiger Redner sein oder werden wollte, wurde dadurch das Herz sehr erleichtert. Schade nur, daß solche Genies unter den Menschen so selten sind, und daß auch diese Genres anfänglich auszuschreiten und in Wirrsale zu gerathett pflegen, so daß sie erst dann ihre Höhe, ihre Vollendung und eine bleibende Wirksamkeit erlangten, wenn sie Regel und Gesetz für ihr eigenes Wesen gefunden hatten. Die edelsten Perlen müsten auf einen festen Faden gereiht werden, sollen sie nicht auseinander fallen und in den Staub rollen; auch ordnet man sie nach ihrer Größe und Farbe, und bringt irgend einen besonderen Schmuck in der Mitte an. Endlich soll die Phrase, die Form sich aus der Sache selbst ergeben — ich nehme sie an, aber in ihr liegt die ganze Schwierigkeit. Es wird Stoffe der Rede oder des Vortrags geben, welche allerdings den Weg , auf welchem sie behandelt werden sollen, einfach von selbst anzeigen. Hat jemand über den dreißigjährigen Krieg zu sprechen, so wird er dessen Ursachen, Verlauf und Charakter und endlich seine Folgen auseinander setzen. Wer etwa Über das Glas sprechen will, wird seine Erfindung, Zubereitung und Verwendung darlegen. So einfach find aber äußer den Gegenständen aus dem Bereiche der epacteN Wissenschaften nur wertige, ürtd bei allen Andren- ‘fcübsich -sofort M Frage einstellen: wie willst du sie behandeln? Dies heißt aber nichts anderes als: welche Form willst du deiner Rede geben? Jedermann hebt nach Anhörung einer guten Rede hervor, wie abgerundet, wie in allen Theilen streng zusammenhängend sie war. Ja, ging dies dem Hörer so recht in's Gefühl, und hatte es in der Natur des Gegenstandes seine Schwierigkeiten gehabt, so sagt man wohl gar, die Rede war künstlerisch abgerundet. Niemand spricht da von Feffeln. Es giebt hier nur zwei Extreme, zwischen Serien das richtige Maß zu halten ist, entweder Verwirrung oder Künstelei. Beide sind gleicherweise zu vermeiden, bei der Rede wie bei dem Gedichte. Nun, Sie wollen weniger Beweisführung als Rath. Mein Rath geht dahin: der Redner muß sich vor allem vollständig klar machen, was sein Gegenstand ist, was er enthält, wie er sich über ihn auslasten und, wenn es eine streitige Frage ist, wohin er sich entscheiden will. Dies ist der Kernpunct, und je klarer und durch sichtiger er sich seinen Gegenstand macht, um so vollständiger ergeben^ sich fast schon die Theile und deren Aufeinanderfolge. Er hat sich hierauf ven Zweck bewußt zu machen, den er mit seiner Rede verfolgt. Je deutlicher er diesen erkennt, desto leichter wird ihm die letzte Anordnung im Gange seiner Rede, in der Aufeinanderfolge der Theile werden. Denn es versteht sich von selbst , daß man Mit den schwächeren Argumenten, mit den weniger einschlagenden Momenten anhebt, und nach dem Gewichte und der Überzeugungskraft die anderen folgen läßt, Um schließlich die vollste Ueberredung zu erwirken. Jndeß läßt es. sich, wenn das Object der Rede dazu Gelegenheit gibt, ebenso gut denken, daß der Redner einen vollständig überzeugenden, siegreichen Beweis voranstellt, um seine Hörer mit einem Male zu überwältigen, und äuf diesen nunmehr tüchtig bearbeiteten Boden die Saat weiterer, wenn auch schwächerer Beweisgründe auszustreuen. Ich könnte derartige Verschiedenheiten in der MordNuüg, also auch in der Form der Rede noch viele anführen. Darauf kommt es mir aber gär nicht an. Ich wollte nur beweisen, daß die Rede einer Wohl durchdachten Form bedürfe , und daß diese desto richtiger und eijidrinMcher fein wird, je mehr der Redner seinen GeMstasid und seinen Zweck klar durchschaut hat. Bekanntlich wird dem

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