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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-06-25 · Heft 26 (25.6.1872) · p. Seite 521

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 26 (25.6.1872)
Date
1872-06-25
Page
Seite 521 (sequence 21)
Language
German
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waltenden Umständen ab, ob sie Eindruck machen oder lächerlich/ werden , während die -Reden, die ich im Auge häbe> ihre Wirkung niemals verfehlen, aber dem Fanatismus weder gefallen, noch Nahrung bringen werden. Laffen Sie mich zwei selbst erlebte Fälle erzählen. In den ersten Tagen des November 1848 hielt in einer Bürgerversammlung, die zu Tausenden zählte, ein leidenschaftlicher Redner eine wüthende Rede, in welcher er die Schrecken-der nahen Reaction mit glänzenden Farben schilderte und das Volk, welches sich ruhig vor ihr beuge,' mit diabolischem Spotte verhöhnte. Die Zuhörer waren erschüttert, die Fäuste ballten sich, die Zähne knirschten. Da rief einer aus der Mitte des Volkes: „Nun, Herr N., sagen Sie, was wir thun sollen? Wir wollen es' thun, was Sie auch sagen, aber sagen Sie es uns!" Auf diese Frage wußte der Redner eben keine Antwort zu geben. Sollte er sie auffordern, keine Steuern zu zahlen? Directe Steuern gaben nur wenige von den Versammelten. Sollte er sie auffordern, Flinte und Axt zu ergreifen? Die Kanonen der Festung hätten sie bald niedergeschmettert. Er wußte nur zögernd einige Worte des Aufschubes, der Vertröstung zu sagen. Theils lachte man, theils tobte man hierüber, und die Versammlung ging sehr friedlich auseinander. Ich bin überzeugt, unter Umständen hätte her Mann eine Revolution zu Stande gebracht, während er hier nur lächerlich wurde und seiner eigenen Sache den Todesstoß gab. — In demselben Jahre, aber im April, stattete vor einer gleich großen Versammlung einer der beiden Männer, die zum Vorparlament nach Frankfurt gereist waren, Bericht darüber ab. Es war ein freisinniger., sehr unterrichteter und wohlwollender Mann, aber ein sehr langweiliger Redner, der monoton ohne Ende sprach. Er erzählte sehr genau von seiner Reise, erwähnte jedes Gespräch, das er geführt, und brachte seine Zuhörer in mehr als anderthalb ständiger Rede fast zum Einschlafen. Da kam er zum Ende, und an diesem'faßte er alle Beschlüsse des Vorparlaments zusammen und führte sie, wie sie gedrängt normirt waren, auf. Welch ein Enthusiasmus, welch eine Begeisterung erhob sich da in allen Zuhörern mit einem Male! Diese Sätze hatten gezündet; sie erschienen den Hörern als das Fundament eines neuen herrlichen deutschen Staatsgebäudes, als die Botschaft der Heilung aller Gebrechen und. Schäden. Die Hochs wollten nicht enden, die dem Vorparlament und dem Redner gebracht würden; man war in einem Rausche: ich habe dergleichen nie'wieder gesehen. Da haben Sie, was außergewöhnliche Umstände sind, und wie es sich mit dem Reden unter solchen verhält. In der That würde ich in der Empfehlung des Maßhaltens das richtige Maß selbst überschreiten, wollte ich nicht zugeben, daß außergewöhnliche Verhältnisse und Zwecke auch außergewöhnliche Mittel verlangen und mit sich führen. Laffen Sie mich nun zu einigen Bemerkungen über die Redeform kommen; sie schließen sich nahe an das oben Gesagte an. Aus Amerika. Ein wohlwollender Correspondent, Herr E—n, drückt in Nummmer 21 die Ueberzeugung aus, daß die in Nummer 18 enthaltene Abwehr gegen die Preßzustände in Amerika und besonders die Worte: „Hier aber gilt es unsere amerikanischen Brüder auf eine Pflicht aufmerksam zu machen" gewiß den besten Erfolg haben würden, und meint, daß unsere Glaubensgenossen in Amerika sich von dem Einflüsse des dort zu Lande heimischen Humbugs und Customs losmachen werden. In diesem Sinne führte er zum Vorbild auch Beispiele an, daß der Büchernachdruck unter den Juden stets gebrandmarkt und verpönt gewesen. Herr E—-n war in jüngeren Jahren lange Zeit in Amerika, und ist der Verfasser jener, „deutsch-amerikanischen Skizzen", welche das Institut z. F. d. isr. Lit. herausgegeben hat und die zur Zeit so großes Aufsehen in Amerika machten. Seine desfallsige Autorität veranlaßt uns, jene Meinung ohne eine Anmerkung aussprechen zu lassen, obgleich wir keine Hoffnung hegten, daß sie sich bewahrheiten werde. Die Zustände in Amerika müssen sich entweder seitdem geändert haben, oder Herr E—n hatte weniger Gelegenheit, unsere amerikanischen Glaubensgenossen von dieser Seite her kennen zu lernen. -Die Redacteure und Herausgeber von Büchern sind in ihren persönlichen Interessen bedroht, wenn sie nicht mehr von Nachdruck leben sollen. Sie müßten ihre Buden zuschließen,.und dies wird.niemand von ihnen erwarten. Das dortige große Publicum fragtaber so wenig nach Literatur, daß es sich gar nicht darum kümmert , wo dieselbe herstammt und mit welchem Rechte sie ihm vorgelegt wird. Da überhaupt dieser Nachdruck der europäischen Schriftsteller zum. täglichen Brode des gesammten Amerika gehört, so sehen die Juden wohl kaum! ein, daß sie ein besonderes Verfahren dagegen auf sich nehmen sollten. Wenn wir daher sagten, es gelte eine Pflicht, sie darauf aufmerksam zu machen, so wollten wir nur, wie dies ja so häufig geschieht, eine Pflicht erfüllen, ohne zu erwarten, daß es . die gewünschte Folge haben werde. In dieser Erwartung haben wir uns auch nicht getäuscht. Ein in Newyork erscheinendes jüdisches Blatt nimmt von unserem ganzen. Artikel nur so weit Notiz, daß es in seinem Feuilleton, welches nebenbei bemerkt, in dieser Nummer ganz allein aus dieser Zeitung nachgedruckten Artikeln besteht, außer einigen Zeilen über die „deutsche Oper" (denn über Opern, Ballete, u. dergl. zu referiren , ist die Pflicht der jüdischtheologischen Blätter in Amerika), daß es, sagen wir, in seinem Feuilleton die Worte giebt: „vr. Philippson protestirt gegen die engl. Uebersetzung seiyes Romans „Jacob Tirado":" Klingt dies nicht wie boshafte Ironie? Jndeß diese Ironie ist doch nur eine schlechte Maske für das Selbstgefühl dessen, der sich zum Lachen zwingt, wenn er sich getroffen fühlt. Der Mann

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