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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-06-25 · Heft 26 (25.6.1872) · p. Seite 520

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 26 (25.6.1872)
Date
1872-06-25
Page
Seite 520 (sequence 20)
Language
German
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seinen Gegenstand zuerst mit vernünftiger Beweisführung und dann mit sentimentalem Aufschmuck behandeln müsse. Hierdurch würde der Zweck kaum erreicht, ja meist verfehlt werden. Vielmehr wird der wahrhafte Redner die Gefühlserregung, mit welcher eH sein Object auffasst und wiedergiebt, durch die ganze Rede strömen oder Hauchen lasten. Er wirv es dem Hörer immer so z<Muthe sein lasten, daß die Sache, die er bespricht, welcher Art sie auch sei, ein eigenster Theil seiner selbst ist und als solcher den Hörern von ihm gegeben wird. Die schärfste logische Auseinandersetzung wird ihm stets auf dem Hintergründe der Gefühlsäuffastung hervortreten, um so nicht blos die Thätigkeij, sondern, auch die Theiüiahme in den Geistern der Hörer lebendig zu erhalten. Hierzu bedarf es nicht immer der Worte, die Vibration der Stimme genügt oft ausreichend hierzu. Wo dies bei einem Vorträge fehlt, wird er kalt lasten, oder eben nur eine flüchtige Wirkung hervprb'ringen. Entschuldigen Sie, theurer Freund, daß ich hierauf noch einmal zurückgekommen bin, während ich eigentlich schon im vorigen Briefe davon gesprochen habe. Aber es.ist eben für die Redekunst von großer Wichtigkeit und führt mich dahin, wohin ich wollte, nämlich : daß dennoch auch in den Gefühlsergüssen des Redners daß Maßhalten durchaus nothwendig ist. Es giebt Gegenstände der Rede, die an und für sich dem Gefühle näher stehen, als dem Verstände. Eine Rede an der Bahre eines befreundeten oder.verehrten Menschen hat an Und für sich das ganze Gemüth zu seinem Inhalte. Da wäre es denn eine sehr irrige Meinung, daß man sich diesen Gefühlen und zwar ganz und gar hinzugeben habe. Der Menschengeist ist anders beschaffen. Wenn er in einem solchen Momente einen Aus- und Zuspruch verlangt, so will er nicht in einen bloßen Gefühlsstrom verschwimmen) er will die Tiefe seiner Gemüthserregung gemessen, und angedeutet Habens sehnt sich aber danach, durch Erregung seiner Verstandesthätigkeit sich aus den Gefühlen zu erheben, ohne sie etwa fortzustoßen. Wer sich also in solchen Momenten den Gefühlen ganz und'gar überläßt, wer aus ihnen nicht Heräuskommen will und kann, der wird seinen Zuhörern eher peinlich als tröstlich sein, er wird sie nicht befriedigen, sondern seine eigentliche Aufgabe ungelöst lassen. Das Herz soll in jeder Rede mitsprechen, aber in keiner allein sprechen, in keiner das Uebermaß ausmachen, sondern in der rechten Vermischung des Gefühls und des Verstandes besteht der wahre Reiz der Rede, und dieses richtige Maß zu treffen, ist die Eigenschaft des wahren Redners. Der Redner darf nicht ' weinen; es darf ihm dies nur höchst selten, wie durch Üeberraschüng, durch Ueberwältigung der Inspiration Vorkommen; und schnell muß er die ganze Kraft seiner Stimme wieder erlangen, so'daß er alsbald wieder über das Niveau seines Gegenstandes erhoben erscheint; Dies ist der Fall, wo der Gegenstand an sichr em senlimaler ist. Aber auch bei allen anderen Gegenständen darf der Ausdruck des Gefühls nicht allzu stark aufgetragen werden. Er muß niemals gesucht, gemacht, erkünstelt erscheinen, weil er sonst das Gegentheil bei den Hörern bewirkt. In der /logischen Deduetion und Beweisführung können und dürfen auch mehr scheinbare als wahre, mehr glänzende als richtige und jede Prüfung apshgltende Gründe angeführt werden. Sind sie mit einleuchtenden und unleugbaren Gründen vermischt, giebt der Redner nicht.ein blos schimmerndes Gewebe von Trugschlüssen, eine rhetorische Spiegelfechterei, so wird der Hörer jene unverdrossen mit in den Kauf nehmen. Anders ist es mit den gemachten, übertriebenen, allzu stark aufgetragenen Gefühlen. Diese stoßen geradezu ab und lasten den Redner als einen Heuchler oder doch Täuscher ansehen, und hiermit wird die Wirkung eine der Absicht und dem Zwecke geradezu entgegen gesetzte, sie überzeugt nicht, sie läßt die Wahrheit in dem Gegentheil voraussetzen. So beruht der wahre Adel des Redners in dem Maßhalten; er führt seine Hörer aus der Eisregion der berechnenden Vernunft in die Frühlingsatmosphäre des Gemüthes; aber auch aus dem feurigen Ofen leidenschaftlicher Gefühle auf die kühlen lichten Höhen des Verstandes. Halt! werden Sie mir vielleicht zurufen. Glauben Sie wohl, daß Peter von Amiens die Tausende seiner Zuhörer zu dem Rufe : „Gott will es!" und zum Heerzug nach dem heiligen Lande durch solche mäßhaltende Reden bewogen hat? Meinen Sie nicht, daß Kleon der Gerber sich ganz anderer Redemittel bedient Habe , als sein Gegner Perikles, welcher der Rede edelstes Maß' zu halten verstand und den er so oft ins Gedränge gebracht hat? Haben Sie schon einmal einer Büßpredigt eines Capüziners, Dominicaners oder Jesuiten von-der Mission beigewohnt und die Mittel beachtet, die er anwendet, üm seine Zuhörer zu erschüttern, ja aus allen Fügen zu bringen? Diese maßlosen Schilderungen dev Höllenfirüfen, der Teufelsquälereien u. s. w., diese maßlosen Anschuldigungen der Hörer, daß sie sich der drastisch -vorgemalten Verbrechen selbst schuldig halten? Wie stimmt dies mit Ihrer Theorie? . . . Dagegen habe ich nur zu erwievern, daß, wo der Fanatismus sprechen will, wo Zwecke des Fanatismus erreicht werden sollen, allerdings jedes Maß aufhört, folglich auch das Maßhalten. Der Fanatiker stößt entweder gründlich ab , oder er reißt hin und überwältigt. Die Mittel sind ihm im Reden wie im Handeln gleichgültig, wenn er nur seinen Zweck erreicht. Sie werden mir einräumen, daß für diejenigen, welche solche Zwecke im Auge haben, ich weder nachdenke noch Briefe schreibe, und daß dergleichen Leute dies auch nicht von mir verlangen. Ueberhaupt, erinnern Sie sich, daß ich' von Anfang an bemerkte, das Reden sei sehr verschiedenartig, und die Wirkung hänge von mehrfachen Umständen ab.' Nebenbei gesagt hät der heilige Bernhard von Clairvauxder sehrmaßvolle; gediegene Reden hielt,' einen viel bedeutenderen Kreuzzug erwirkt,- als Peter von Amiens: Bei leidenschaftlich erregten Reden hängt es ganz und gar von der Beschaffenheit der Zuhörer und von den ob-

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