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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-06-25 · Heft 26 (25.6.1872) · p. Seite 519

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 26 (25.6.1872)
Date
1872-06-25
Page
Seite 519 (sequence 19)
Language
German
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Zeitung des Zudenthums FeMelon-Geilage zu Nr. 36. Leipzig, den 25. Juni 1872. Vertrauliche Briefe XU. Ueber Redekunst. Also daS Maßhalten in den beiden ersten Erfordernissen der Redekunst, im Selbstvertrauen und in der Gefühlsbewegung, die im Redner vorhanden fein muß. Das Uebermaß des Selbstvertrauens, die ungezügelte Selbstüberschätzung ist die Mutter der Schwatzhaftigkeit; sie bringt dazu, daß der Redner sich jeder Zeit für bereit und vorbereitet hält, sich zum Reden drängt, wo nur Gelegenheit ist, und sich inS Zeug wirft, wo es nur angeht. Ichbrauche Ihnen nicht zu sagen, daß dies der Untergang für daS schönste Rednertalent, das Verderben für die beste Begabung und Geistesfülle ist. Doch auf diesen Punct muß ich ausführlich eingehen, und zwar später. Zu einer Zeit, wo man noch wenig schrieb und noch viel weniger las, war Reden alles, und alles war Rede. Der, Mensch war darauf eingerichtet, daS was er von seinem Nächsten zu erfahren habe, von seinem oder eines anderen Munde entgegenzunehmen. Jetzt liegt die Sache anders. Eine.unermeßliche, und dennoch immer noch wachsende Communication findet zwischen den Menschen statt, und von dieser geschieht der ungleich größere Theil auf schriftlichem Wege. - Man muß es sich zugestehen, daß, wenn eS auch einen anderen Anschein hat, das Reden immer mehr abnimmt und daS Schreiben zunimmt, daß immer mehr gelesen und immer weniger gehört wird. So sehr auch das juridische Reden vurch die Geschwornengerichte und die Oeffentlichkeit, und das politische Reden durch das constitutionelle System vermehrt worden ist, so sehr auch . die populär wissenschaftlichen Vorträge für die Wintersaison zum BedÜrfniß geworden sind, so hält dies doch keinen Vergleich mit dem Wachsthum der Lectüre in allen Kreisen und Schichten des Volkes aus. Müssen wir nicht vielmehr von einem großen Theile der parlamentarischen Reden sagen , daß sie mehr für die stenographischen Berichte und die Zeitungen, als für die Zuhörer gehalten werden. um fo mehr als diese Reden ja so geringen Einfluß auf die Abstimmungen haben? Muß man nicht zugestehen, daß namentlich in der protestantischen Welt, wo die Predigt den Haupttheil deS Gottesdienstes ausmacht, diese an ihrer Anziehungskraft sehr verloren hat? Sehen wir nicht jede Rede, jeden Vortrag, der irgend eine Bedeutung zu haben scheint, alsbald durch den Druck der Lectüre übergeben? Wieviele Vorlesungen, werden auf den Universitäten gehalten, deren Inhalt mit größerem Erfolge aus einem gedruckten Werke des Docenten oder eines anderen studirt werden könnte? Es ist wahr, man wird immerhin mit Recht der viva vox einen besonderen Eindruck zuschreiben, und es wird immer eine große Menge Menschen geben, welche viel eher einem Vortrage zuhören, als denselben in einer Druckschrift lesen; aber ebensowenig ist zu läugnen, daß der Eindruck des Gehörten für Einzelheiten ein viel schwächerer ist, als wenn man sie geschrieben oder gedruckt vor sich hat, wo man jeden Satz sich so oft zu wiederholen vermag, wie man will. Wo hinaus ich hiermit will? Ich wollte darauf aufmerksam machen, daß in unserer Zeit das Reden einen besonderen Zweck habe und diesem gemäß gestaltet werdenmuß. Richtig verstanden hat in unserer Zeit das Reden den Zweck des bloßen MittheilenS verloren und ist auf den der unmittelbaren Ueberredung und Ueberzeugung -beschränkt. Es handelt sich bei den Reden darum, dasjenige. was durch das Lesen bekannt geworden ist, durch die Rede zur Ueberzeugung zu erheben. Gleichwie der Angeklagte und die Zeugen persönlich vor die Geschwornen treten sollen, um durch ihre ganze Erscheinung, ihreGebahrung und ihr Verhalten einen unmittelbaren überzeugenden Eindruck hervorzurufen , der den aus der Untersuchung hervorgegangenen Thalsachen nicht selten widerspricht, in anderen Fällen Beweiskraft giebt; so sollen gewissermaßen die Ansichten, Meinungen, Parteien ü. s. w. durch die Redner persönlich vor dem Publicum erscheinen und durch die ganze Art, wie sie sich in den Rednern und durch sie geben, Ueberzeugung oder Widerspruch Hervorrufen. Alles dies erweist, daß der Redner, um diesen höheren Zweck zu erfüllen, mit einer bloßen Darstellung nicht ausreicht, sondern überall mit der Kraft innersten Gefühles, mit der Wärme der vollen Ueberzeugung feinen Gegenstand in der Rede durchwehen und beseelen muß. Nicht, daß der Redner seine Rede in einen verstandesmäßigen und einen gefühlvollen Theil trennen, daß er

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