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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-06-25 · Heft 26 (25.6.1872) · p. Seite 505

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 26 (25.6.1872)
Date
1872-06-25
Page
Seite 505 (sequence 5)
Language
German
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unter den Protestanten ein unkirchlicher Sinn in ausgedehntem Maße Platz gegriffen, und dies nicht blos Lei den Gebildeten , sondern auch in den unteren Volksschichten und auf dem Lande der Fall ist, wenn zahllose Protestanten von den kirchlichen Dogmen nichts mehr wissen wollen , dies den Juden zuzuschreiben, dies als eine Wirkung hinzustellen, weil man die Juden nicht mehr verfolgt und in Ghetti sperrt, das ist doch Wahnsinn, oder wenigstens Selbsttäuschung, zu groß, als daß wir uns weiter darum kümmern sollten. In den sämmtlichen protestantischen Ländern wohnt keine halbe Million Juden, und diese soll es der ganzen protestantischen Bevölkerung angethan haben, während doch bekanntlich die Juden sich sehr angelegentlich jedes religiösen Gespräches in christlichen Kreisen enthalten. Anstatt in sich zu gehen und die Ursachen in sich selbst zu suchen, anstatt, wenn sie ihre Kirchen leer finden, sich zu sagen, das müssen wir, die pietistischen Prediger, verschulden, ist es freilich leicht, anderen die Schuld aufzuwälzen, namentlich solchen, die schon seit beinahe zwei Jahrtausenden zu Prügelknaben dienen. Des Pudels Kern ist denn auch weiter nichts, als daß man gegenwärtig mit den bisherigen Missionären und Missionsmitteln bei den Juden nichts mehr ausrichte!—■: als ob dies jemals geschehen wäre! Es müsse anders angegriffen werden. Und nun kommt eine große Weisheit, deren Verständniß uns freilich abgeht. Es heißt nämlich zum Schluffe: „Vor allem aber und mehr denn je ist zu beherzigen, daß man, um die Seelen zu gewinnen , sich nicht blos als Kenner des Wortes der Wahrheit, geschweige, denn blos der dem Worte gemäßen richtigen Lehrformel sich darstellen, sondern als Zeuge jenes Lebens und jener Freiheit sich erweisen muß, zu welcher Christus befreit und in ihr die Seinen zu göttlichem Leben lebendig macht. Und je weniger man sich gerade in der Gegenwart auf die Gesammtzustände der kirchlichen Gemeinschaften, geschweige denn auf die des christlich genannten Volkslebens als auf Zeugnisse dieses Lebens und dieser Freihett berufen kann, um so mehr fällt dieser Zeugenberuf den Einzelnen und-den freiwilligen Gemeinschaften anheim, welchen Gott die Gnada geschenkt hat, nicht blos die Wahrheit zu erkennen, sondern auch in wahrer Erkenntnis zur Freiheit und zum Leben in Christo aufzuerstehen. Das also ist.die Gestalt, unter welcher die Aufgabe der Mission auch unter Israel mit verstärkter Macht an die Gegenwart herantritt." Wer aus -diesen Sätzen herausbringt, was eigentlich der arme Missionär thun soll , dem würden wir den Preis des Scharfsinns zuerkennen. Interessant bleibt es immer, wie die Radicalen den Juden vorwerfen, die positive Religion zu erhalten, und die Pietisten, die positive Religion zu untergraben. Darin stimmen sie also überein, die Juden verantwortlich zu machen für alles, was geschieht, für alles was innerhalb der drei hundert Millionen Christen vor sich geht. An solchen Unsinn dachten die Muhammedaner niemals. Bonn,16. Juni. (Privatm.) Wir erhalten, soeben folgende Zuschrift, die wir hier mitzutheilen uns erlauben, um vielleicht die schöne That nachgeahmt zu sehen. Stadtoldendorf, 14. Juni 1872. In dankbarer Anerkennung Ihrer großen Verdienste um Förderung der Interessen des Judenthums halte ich mich verpflichtet, zum Stiftungsfonds für die „Hochschule für jüd. Wissenschaft" zweihundert Thaler beizutragen und solche durch Herrn Gebrüder Meyer in Berlin zum 1. k. M. an das Curatorium daselbst zahlen zu lassen. Indem ich mich beehre, Ihnen solches mitzutheilen, spreche ich zugleich den Wunsch aus, daß in nicht zu langer Zeit sich eine allgemeine Betheiligung unsrer bemittelten Glaubensgenossen zu dieser Stiftung finden möge und Ihrem Streben die schuldige Genugthuung zu Theil werde. Mit wahrer Hochachtung der Ihrige E. Rothschild. Bonn, 17. Juni. Wir geben einen Bericht über die vom Minister Dr. Falk nach Berlin berufene Conferenz über das Volksschul- und Seminarwesen, so weit sie uns hier interessirt. In der dritten Conferenz (am 13.) wurden Artikel 5 und 6 der Vorlage , die wir bereits mitgetheilt haben, besprochen. Natürlich traten hierbei die schärfsten Gegensätze hervor, Einerseits verlangte man, daß jeder konfessionelle Unterricht ausgeschlossen werde, die Glaubenslehre dem Confirmationsunterrichte verbleibe. Von der anderen Seite sah man in der strengen Sonderung der Confessionen allein das Heil; Lehrer, Schüler, ja die Schulbezirke müßten möglichst von derselben Confession sein. Wo aber eine gemischte Bevölkerung sei, da müsse die Schule die der Mehrheit sein, für den Religionsunterricht der evangelischen Minderhett habe die Schule zu sorgen,

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