Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1872)
- Date
- 1872-06-25
- Page
- Seite 502 (sequence 2)
- Language
- German
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normirter Dogmen, die mit der Vernunft und der Wissenschaft in grellstem Widerspruch stehen, > zu schla'genv Dies that und thul daS ^3udenthum nicht, v Es giebt vielmehr auf dem Boden feinet; geschichtlichen Entwicke-, lung dem Geiste die Freiheit der Bewegung und der Entfaltung, reformirt aber nur mit großer Vorsicht an seinen äußerlichen Institutionen und zwar um der Gesammtheit willen, dem Sectenwefen und dem Zelotismus so wenig Nahrung wie möglich zu geben und der in ihm lebenden Idee die Gesammtheit zu erhallen. Was sind dies aber für Institutionen? Daß wir unfern Gottesdienst in den Synagogen vollziehen, unsre Kinder im Judenthume unterrichten, unsre Hülfsbedürftigen versorgen, unsre Todten bestatten — sind dies dem Liberalismus so gefährliche Institutionen? Das ist entweder Erbärmliche Furcht, die aus Unkenntniß fließt, oder ebenso erbärmliche Gleichmacherei, welche nichts dulden kann als ein Abbild der eigenen, doch so schwächlichen und verworrenen Gesichtszüge! Daß wir nicht zu viel sagen, erweisen die folgenden Worte: „Auch der Jude dient zwei Herren, und kann in Lagen kommen, wo seine Pflichten als deutscher Staatsbürger oder als Jude in Collision gerathen." — Dies ist geradezu eine lügenhafte Behauptung. Wir fordern den Verfasser auf, diesen Satz zu erweisen. In welcher Beziehung hat sich die Collision der Pflichten als Staatsbürger und als Jude schon irgend wie herausgestellt? Wo ist der, andere Herr befindlich, dem der Jude noch dienen soll? Haben die Juden nicht auf allen europäischen Schlachtfeldern Juden, gegenüber gestanden? Nach welcher Richtung hin haben die Juden schon einmal, sei es on MA886, sei es einzeln als Juden, den Staatsgesetzen den Gehorsam verweigert? sind sie ihren Pflichten gegen das Vaterland ungetreu geworden? Ihr großen Lichter, ihr weisen Reformatoren der Welt, ihr untrüglichen Verbesserer der menschlichen Gesellschaft, erleuchtet, reformirt und verbessert doch erst euch selbst so weit, daß ihr nur dann urtheilt, wenn ihr eine Sache kennt und gründlich versteht; urtheilt doch nicht immer wie Blinde von der Farbe, wobei die Blinden noch immer vor euch den Vorzug haben zu wissen, daß sie blind sind. Wenn wir die Geschichte aufrichtig und vorurtheilslos durchforschen,, so wird, unS nichts mehr in Erstaunen setzen, als der Mangel an erwiesenen Thatsachen, welche irgend einen Rachedurst, irgend einen aus Rache geflossenen Berrath, irgend einen Drang der Vergeltung und des Hasses bei den Juden zeigen, trotz den schrecklichsten Verfolgungen, denen sie unterworfen waren. Bon der Zeit an, wo sie den Kampf für ihre Freiheit und Selbstständigkeit, aufgeben mußten, find eS kaum zwei -oder drei Fälle, ich; welchen den Juden mn ihren Gegnern ein Uebertritt zum Feinde, eine verrätherische Thätigkeit schuld gegeben wird, und dies nur unter Umständen, welche den Vorgang sehr entschuldigen würden. Aber auch diese Fälle ermangeln der geschichtlichen Beglaubigung. Das ist historische Wahrheit. Mag man sie erklären wie man wolle: sie ist geschichtliche Thatsache, und nun gehen diese, neuesten Staatskünstler hin und beschuldigen die Juden, „zweien Herren zu dienen" und „einen Staat im Staate zu bilden." Aber es kommt uns vor, als ob diese Herren zwar keinen Staat im Staate, wohl aber einen Staat bilden, aus welchem sie alles hinaus werfen wollen, was nicht ' gerade so wie sie aussieht und schwatzt. Wir sagten in unsrem ersten Artikel, daß der deutsche Liberalismus dem englischen sehr fern stehe.. Der Verfasser giebt den Beweis. Der Engländer hat vor jeder Individualität, vor jedem Charakter eine große Hochachtung, und bewahrt sich eben hierdurch das Recht, selbst ein Charakter zu sein, selbst Individualität'zu haben. Sein Blick ist zuerst darauf gerichtet, ob die Individualität etwas dem Staate, der Gesellschaft Nützliches enthalte, und hat er dies gefunden, so achtet er jene im vollsten Maße. Dies kann man gewahren, sobald der Engländer von den Juden zu sprechen beginnt. Bei dem Deutschen ist bis jetzt noch das Gegentheil der Fall. Jeder Charakter, jede Individualität ist ihm zuwider, und er will sie fern halten, mag sie sonst dem Staats und der Gesellschaft noch so viel nützen , kaum daß er sich von dem anerkannten Principe beherrschen läßt-, jene zu dulden. Wie? wird man fragen, ist der Deutsche nicht particularistisch? Kostet es nicht die größte Mühe, ihn nur deutsch zu machen? Ja, aber gerade im Particularismus liegt die absonderliche Schätzung nur seiner eigenen Individualität und der Widerwille gegen jede andere. Der Engländer ist nicht particularistisch, er ist altenglisch vor allem, und eben darum vermag er jede andere Individualität zu schätzen und gelten zu lassen. Um jenen unwahren Behauptungen doch einen Grund unterzuschieben, schreibt der Verfasser den Juden „Eigenthümlichkeiten" zu, „die weder zu den angenehmen noch zu den empfehlenswerthen gehören." Als wenn die Deutschen oder irgend welche Menschenmaffe aus lauter angenehmen und empfehlenswerthen Eigentümlichkeiten