Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1872)
- Date
- 1872-06-11
- Page
- Seite 479 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Correspondenz. Linz an der Donau, 28. Mai. 'Die hiesige Gemeinde ist in schnellem Wachsthum begriffen, macht aber auch die anerkennenswertesten Anstrengun« gen, um würdige Gemeindeanstalten zu errichten. Innerhalb eines Jahres ist es gelungen, ein schöyes Gemeindehaus mit Garten zu erwerben und herzustellen und in jenem eine zweiclassige Religionsschule, nach bestem Muster organisirt, Gemeindesitzungßsäle und Wohnung für die Gemeindebeamten einzurichten. Jetzt ist >alle Thätigkeit auf oen Bau einer Synagoge gerichtet, für welchen wir bereits ein Grundstück von 500 Quadratklaftern besitzen aber der Mithülfe unsrer deutschen Glaubensbrüder bedürfen, die sicherlich unsrem Rufe Gehör geben werden. Erlauben Sie mir, in Ihrem Blatte die Beschreibung der Einweihungsfeier wiederzugeben, wie sie die „Linzer Zeitung" brachte und die in mehr als einer Beziehung charakteristisch ist. Jedenfalls fordert sie zu einem Vergleiche auf, wie wohl in Preußen eine solche Feier von behördlicher Seite mit begangen würde - Am 20. d. M., Vormittags 10 Uhr, wurde die Einweihung des von dieser Gemeinde zu Cultuszwecken eigenihümlich erworbenen Hauses Nr. 26 in der Bethlehemstraße, sowie die Uebertragung der früher in einem Privathause untergebrachten israelitischen Religionsschule eben dahin in festlicher Weise begangen. Der mit den bekränzten Bildniffen Ihrer Majestäten des Kaisers und der Kaiserin geschmückte, mit Festons verzierte Sitzungssaal wies am Westende die weißroth und blauweiß drapirte Rednerbühne, zu deren beiden Seilen die Schüler und Schülerinnen festtäglich gekleidet aufgestellt waren. Der Herr k. k. Statthalter, Freih. v. Conrad- Eyb.esfeld, beehrte die Feier mit seiner Gegenwart, ebenso hatten die beiden Herren k. k. Landesschulinspectoren vr. Racke und Schwammel, das Mitglied des LandesausschusseßHerr Matthäus Edenberger, der Herr Bürgermeister Victor Drouot, Mitglieder des Ortsschulrathes der Stadtgemeinde Linz, dann mehrere Professoren des k. k. Gymnasiums und der k. k. Oberrealfchule der an sie ergangenen Einladung Folge gegeben. Außerdem war der Saal und das daranstoßende Lehrzimmer mit Festgästen dicht angefüllt. Herr Moritz Gans als derzeitiger Vorstand der Cultusgemeinde hieß alle Anwesenden herzlich willkommen, gab der Freude darüber Ausdruck, daß die Spitzen der Behörden durch ihr so ehrendes Erscheinen dem heutigen Feste einen erhöhten Glanz verliehen, betonte, daß die Bekenner des israelitischen Glaubens stets bereit stehen werden, ihre Pflichten als Staatsbürger, wie bisher, mit Treue zu erfüllen, und lud schließlich die Versammlung ein, vom Dankgefühle beseelt, für die von unserem aller-' gnädigsten Monarchen gewährleistete Verfassung Seiner Majestät dem Kaiser Franz Joseph I. ein dreifaches Hoch auszubringen, in welches alle gegenwärtigen mit Begeisterung einstimmten. Die Weihe- und Festrede hielt der.Rabbiner Herr 8r. Ehrentheil. Wir bedauern wegen Mangels an Raum uns nur auf die leitenden Grundgedanken dieses schwungvollen Vortrages beschränken zu müssen, dessen Wirkung sich an der sichtlichen Rührung der Zuhörer deutlich abspiegelte. Redner glaubt in gegenwärtiger Weihestunde allen Festgenoffen einen dreifachen Willkomm bieten zu können,, jenen des allmächtigen allgütigen Gottes überden Sternen, jenen der Cultusgemeinde, und jenen des richtig aufgefaßten Zeitgeistes. In sinnreichen Redewendungen, denen Aussprüche der Offenbarung und der Propheten erhärtend zur Seite standen, versucht Redner den Zusammenhang dieser drei Ideen nachzuweisen, und geht sodann auf den Zweck über, welchem die neu gewonnene heimische Lehrstätte gewidmet sein soll, nämlich der Heranbildung einer tugendhaften, sittlichen und echt patriotischen Jugend. Redner fleht spdann den Segen Gottes auf die neue Lehranstalt herab, welche er dem wirksamsten Schutze der Regierung, der Landes- und Communalvertretung empfiehlt, und schließt mit einem brünstigen Gebete für das Wohl Seiner Majestät des Kaisers, Ihrer Majestät der Kaiserin und des gesammten erlauchten Kaiserhauses, welchem die Anwesenden nach Erheben von den Sitzen in geistiger Andacht folgten. Herr Landesschulinfpector vr. Racke bemerkt, erhübe zwar hiezu kein besonderes Mandat erhalten, glaube jedoch, gestützt auf die seither im Landesschulrathe gemachten Erfahrungen, die Versicherung abgeben zu können, daß die maßgebenden Regierungsorgane die israelitische Cultusgemeinde nach wie vor in der ungestörten Ausübung ihrer confessionellen Rechte, soweit diese das Gebiet der Schule berühren, zu schützen wissen werden , zumal die bei dieser Gemeinde ins Werk gesetzte Trennung des rein confessionellen Unterrichtes von jenem in den profanen Lehrgegenständen die Schüler einerseits vor religiösem Jndifferentismus bewahrt, andrerseits aber die Benutzung der jeder .israelitisch-confessionellen Färbung fremden öffentlichen Schulen und das Zusammengehen mit den übrigen Confessionen auf der Bahn des allgemein menschlichen Wissens bei den israelitischen Glaubensgenossen einen erfreulichen materiellen und geistigen Aufschwung zu Tage gefördert habe. (Lebhafter Beifall.) Der Herr k. k. Statthalter spricht im Namen der Regierung die aufrichtige Freude und warme Sympathie für die. Bedeutung des schönen Festes aus , und versichert die israelitische Cultusgemeinde des ausgiebigen Schutzes.einer Negierung, welche die Gleichberechtigung aller Confessionen auf ihr Banner geschrieben habe, welche die religiös-sittliche Erziehung ohne Rücksicht aus dieConfession als Aufgabe des Volksunterrichtes bezeichnete, und von dem Grundsätze ausgeht, daß eine Staatsreligiou in Oesterreich nicht bestehe. (Stürmischer Beifall.) Herr Landeßausschuß Edenberger beglückwünscht in Verhinderung des Herrn Landeshauptmanns und