Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1872)
- Date
- 1872-06-11
- Page
- Seite 465 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226852-3226877--30688-3253576- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
465 ihnen daher in Men Dingen recht; er kann ja, sobald er national geworden ist, der Nation als solcher einige Kraft verleihen; aber er muß seinen Zusammenhang mit Rom aufgeben. Protestantismus und Judenthum haben keine politische Macht, könnten aber unter Umständen eine solche fich aneignen, darum hinweg mit ihnen. Bei solcher Oberflächlichkeit der Ansichten und, daß wir es offen sagen, bei solcher Gewiffenlosigkeit des Urtheils wird der Liberalismus selbst nur schlimm fahren und als Partei scheitern. Die Anzeichen sind bereits da. Das Greisenthum schaut ihm aus allen Zügen seines Angesichts. Zum großen Theile hat er bereits seiner Stellung entsagt. Er hat sich, seiner Schwäche bewußt, wenn auch nicht geständig, unter den Schutz des deutschen Reichscanzlers geflüchtet, lebt hier beinah schon ein Dasein wie die Feudalen des Herrenhauses, nämlich von den Concefstonen des Reichscanzlers. Wir sind nicht bange, daß hierdurch die liberalen Principien auf die Dauer gefährdet werden. Dieselben sind so sehr bereits zum Fundament des Staates geworden, daß Freund und Feind auf ihnen steht und lebt, und ihre Consequenzen fordern mit der Zeit so unumgänglich ihre Befriedigung, daß diese von den Parteien selbst nicht mehr abhängt. Beweise hierfür brauchen wir nicht zu geben, sie liegen zu offenbar in den Zugeständniffen, welche die sogenannten conservativen Parteien gemacht haben. Es ist uns nicht bange, sagen wir, denn die liberale Partei wird sich wieder gebären und zwar aus gediegeneren Elementen, geläutert von den ausgebrannten Schlacken, unter denen sie jetzt erdrückt wird. Daß jene „Lehrlinge der naturwissenschaftlichen Weltanschauung" noch immer nicht wiffen, daß sie nur eine alte Weisheit in etwas erneuter Gestalt in ihrem Vorrathe besitzen, daß diese neue Gestalt, eben weil sie nur eine veränderte ist, eben so nur eine Stelle in der langen Reihe vorüber gehender Erscheinungen, die zeitlich aus der veränderten Wiffenschast hervor gehen, einnimmt! Daß sie nicht wissen^ wie jedesmal die Jünger einer solchen , auf naturwissenschaftliche Forschungen sich stützenden Skepsis die positive Religion als alten Aberglauben verketzern und vor ihrem eigenen Hauche verschwinden sehen , während gerade das Gegentheil geschieht. Nein, alle diese Politiker pur exeellovos wollen nicht erkennen, daß, so nothwendig und bedeutsam der Staat ist, er doch nur e i n Element der Menschennatur ist, daß diese Menschennaiur drei große allgemeine Elemente umfaßt: die Religion, die Production und Confumtion, und den Staat, das zweite Element nach seinem materiellen und intellectuellen Inhalte. Diese drei Elemente bestehen in ihrer Naturwüchsigkeit und in ihrer Nothwendigkeit neben einander, und alles Streben einer wahrhaft liberalen Partei muß dahin gerichtet sein, daß keines von ihnen die anderen in ihrer Sphäre und Wirksamkeit schädigt, sondern sie vielmehr in ihrer Freiheit und ihrem Bestände, so viel es an ihm ist, unterstützt. Wenn nun die Politiker mit Recht darauf Hinweisen, daß die Religion als Kirche sowohl dem Staate als der intellectuellen Production, zum Theil auch der materiellen, großen Schaden zugefügt hat, so dürfen wir auch nicht verkennen, daß der Staat gegen die Religion und Production nicht weniger viel gesündigt hat. Er schlug die letztere in Banden und beutete sie zu seinem Bortheile aus, und ließ er sich oft von der Kirche über den Kopf kommen, so commandirte er nicht seltener die Fayon, selig zu werden. Die Staatsreligion machte ebenso die Religion zur Magd des Staates, wie den Staat zum Profoß der Kirche. Jedem dieser drei Elemente wohnt die Sucht ein, sich zum Obherrn der beiden anderen zu machen, wie es eben in unserer Zeit die Production in Gestalt des Socialismus versucht. Es ist durchaus ein gefälschter Liberalismus, der den Staat zum Alleinherrscher, zum alles regierenden und regelnden Alleinherrscher machen will.. Er ist so kurzsichtig, daß er nicht einmal einsieht, wie dies doch nichts anderes als der von ihm verabscheute Absolutismus ist, wenn er auch einen constitutionellen Apparat um sich hat. Der wahre Liberalismus erkennt auch den Staat in der Beschränkung seiner Machtsphäre und hält unverrückt auf sein Ziel: die Entwickelung der gegebenen Verhältnisse dahin zu lenken, daß Religion- und Production, letztere als intellectuelle (Wissenschaft und Kunst) wie als materielle, frei seien, ihr eigenes freies Leben leben, dem Staate durch die freie Verwendung ihrer Kräfte zu gute kommen, dagegen auf seinem Boden ihre selbstständige Existenz haben. Dies ist das' Ziel des wahren Liberalismus, ein schwer zu erreichendes, ein mühsam zu erringendes, aber darum dennoch das allein /wahre. Nicht die Herrschaft des einen Elements über die andern, nicht die gewaltthätige Beseitigung dieser, sie zu entwurzeln und auf das Feld hinzuwerfen, nicht die Unificirung 'aller Erscheinungen und Individualitäten — dies alles ist weder ein richtiges Ziel, noch ein angemessenes Mittel; es kann' nicht