Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1872)
- Date
- 1872-06-11
- Page
- Seite 464 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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m collidiren, so hat er nach bestem Wissen und Gewissen die bedeutendere, an sittlichem Werthe und Erfolge wichtigere zu wählen und zu vollführen. Jener Satz ist daher für die Unificarier durchaus nichts beweisend. Der Verfasser setzt sich zunächst auf das Racenroß und versucht es in gewohnter Weise mit der germanischen Race gegenüber der lateinischen. Dies führt aber bekanntlich nicht weit; denn die Engländer und Nordamerikaner wollen in der Bereinigung mit den Deutschen gerade ebenso wenig vorwärts, wie die Dänen, Schweden, Norweger und Holländer, und die Italiener und Franzosen stehen sich gerade so gegenüber, wie die Portugisen und Spanier. Die internationale Politik will so wenig von diesen Raceverbindungen, wie von den Raceunterschieden etwas wissen, und bei dem eben stattsindenden Besuche des italienischen Kronprinzen in Berlin wird schwerlich von Germanenthum oder von Lateinerthum die Rede sein. Die Trennung in große Völkermassen, um zur Verbindung derselben zu gelangen, geht also nicht. Man muß sich daher auf die Nationalität beschränken, und diese soll nun das Gefäß werden, in welches das Volkseinerlei hineingegossen wird. In der Befürchtung, oder in der Voraussetzung, daß es Elemente gebe, welche dem neuen deutschen Reiche als solchem Gefahr bereiten könnten, will man alle vorhandenen Verschiedenheiten beseitigen, und nur eines, und nichts als eines bestehen lassen. Diese Art von Liberalismus ist ihrer Siegeskraft so sicher, daß sie die Mühe, die bestehenden Verschiedenheiten zu beseitigen, für sehr gering erachtet. Man mißverstehe uns nicht: es handelt sich hier nicht blos um Politisches, sondern auch um alles andere, besonders um das Religiöse. Da die ultramontane Partei im Katholicismus dem neuen Reiche Schwierigkeiten bereitet, welche Schwarzsehende sofort zu großen Gefahren erweitern, so müssen, nach unsrem Verfasser, ebenso wie die deutschen Fürsten, so auch alle Consesfionen beseitigt werden. Der Verfasser sieht nämlich als die der Menschheit'nahe bevorstehende Religion „die naturwissenschaftliche Weltanschauung" an. Dies ist ihm so gewiß wie das nächste Jahrhundert. Freilich scheint es ihm doch noch etwas bange um diese „naturwissenschaftliche" Religion zu sein; denn er bezeichnet es doch noch als fraglich, ob wirklich die Sittlichkeit mit der Religion untrennbar verknüpft sei? Vielleicht ahnt er, daß . es in der Natur gar keine Sittlichkeit giebt, sondern nur den absoluten Egoismus des Individuums und die unerbittliche Nothwendigkeit der Gesammtheit, daß. in der Natur weder das Recht, noch die Liebe, keine Selbstüberwindung, keine Hingebung, keine Opfer vorhanden sind. Wie daher die naturwissenschaftliche Weltanschauung zur Sittlichkeit kommen will, weiß er freilich, noch nicht zu sagen. Allein was wollen alle diese Dinge bedeuten , wo es den einheitlichen Staat gilt, für den nun einmal die Menschen nur paffen, wenn sie über den einen Kamm der naturwissenschaftlichen Weltanschauung geschoren sind? Daher nur hinweg mit dem Protestantismus, den in seiner Zersetzung zu beseitigen gar keine Mühe kosten werde; hinweg mit dem Judenthum, wenn es irgend wie existiren" wollte, auch mit ihm wird „nicht viel Federlesens gemacht werden", denn eö ist doch nur „eine antediluvianische Scharteke". (!) Schwieriger scheint es dem Manne um den Katholicismus zu stehen. Jndeß er weiß Rath; solche Gattung von Liberalen weiß für alles Rath: der Katholicismus wird zu einer deutschen Nationalksrche gemacht, in welche alle Deutsche hinein getrieben werden, bis die Zeit da ist, wo die naturwissenschaftliche Weltanschauung, und dies wird ja bald geschehen, alle Deutsche erfaßt hat. Dann zerfällt jene ja von selbst. Es kann leicht sein, daß unsre Leser über das eben vernommene in ein gelindes Lachen gerathen. Allein hierzu ist es doch nicht angethan; denn im Grunde sind diese Ansichten bei vielen Liberalen vorherrschend, nur daß sie dieselben nichts in so grellem Lichte, nicht mit so stark aufgetragenen Farben zu Tage treten lassen. Der Schwerpunkt liegt darin, daß diesen Herren jeder Sinn für Religion, jedes Bewußtsein eines religiösen Bedürfnisses völlig verloren gegangen ist. . Was von religiösem Gefühle und Bewußtsein, von Streben nach religiöser Erkenntniß und Befriedigung in den Menschen noch vorhanden ist, erscheint ihnen als Aberglaube und Vorurtheil aus vergangener Zeit, dem in der nächsten Zukunst schon der völlige Garaus gemacht werden,, von dem in kurzer Zeit nicht mehr die Rede sein wird. Bei aller Selbstüberschätzung halten diese Leute ihre Weisheit doch für eine so leichte Waare, daß sie alsbald von aller Welt entgegen genommen, verzehrt und verdaut werden kann. Religion ist ihnen daher nur Kirche, und Kirche eine politische Machte und im Staate darf kein Staat geduldet, keine politische Macht außer Regierung und Parlament vorhanden sein;, darum hinweg mit jener, und nichts ist leichter als sie hinweg zu blasen, , sobald nur die Liberalen dies wollen. Der Katholicismus ist