Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1872)
- Date
- 1872-06-11
- Page
- Seite 462 (sequence 2)
- Language
- German
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eine'Aufforderung ging von demComits in Berlin aus, um die wichtigsten Börsen Europa's, d. h. die bedeutendsten Banken und Bankhäuser, aufzufordern, sich jeder Theilnahme an den bevorstehenden rumänischen Anleihen zu enhalten, von jedem Geschäfte mit den rumänischen Papieren fern zu bleiben, so lange nicht die unzweideutigsten Garantien gegeben worden sein werden, daß sich die brutalen Gewaltacte des Volkes, der Justiz und der Administration in Rumänien niemals wiederholen werden. Wir brauchen die Motive nicht auszuführen; wo Rechtspflege, Menschen- und Völkerrecht und Humanität so mit Füßen getreten werden, muß. die übrige Welt die Verbindung abbrechen, jede Hilfsquelle versagen, nicht blos als Vergeltung, sondern um eine Besserung zu erzwingen; wo Volk, Beamte und Regierung zu schnöder Verletzung alles Rechts und aller Civilisation so verschworen erscheinen, muß Europa, will es einmal nicht interveniren, wenigstens erweisen, daß es keine Solidarität dafür tragen wolle. Allerdings hat diese Aufforderung das Recht, sich an alle europäischen Börsen und Bankhäuser ohne Unterschied der Confession ihrer Inhaber und Leiter zu wenden. Die europäischen Regierungen sowie die nordamerikanische haben wiederholt durch ihre.Protestacten gesprochen; die Parlamente in London, Rom, Washington und Berlin haben ihr Urtheil gefällt. Soll dies alles nicht leere Phrase sein und eher zur Verstärkung als zur Beseitigung des Uebels beitragen, so muß etwas geschehen, und wo die Worte wirkungslos sind und der Hinweis auf die Waffen nicht geführt werden kann, da muß es das Geld thun, die Entziehung des Geldes, die Entziehung des Credits, ohne welchen ein moderner Staat nicht bestehen kann. Wir sind weit davon entfernt, die Existenz der Börsen, überhaupt des ganzen jetzt bestehenden Finanzwesens schädlich oder gar verwerflich zu finden. Niemals hätte ohne sie die Industrie einen so ungeheuren Aufschwung nehmen, nie das schnell über die ganze Erdoberfläche ausgedehnte Eisenbahnnetz entstehen, ja niemals hätten die modernen Staaten eine solche Entwickelung erlangen können. Aber zu läugnen ist es doch nicht, daß die Börsenmänner für die schnelle und große Aufhäufung von Besitz in ihren Händen, welche die Gesellschaft ihnen gewährt und sichert, dieser auch etwas schuldig sind, und ganz besonders wo es sich um Erhaltung der Sicherheit des Lebens, des Eigenthums und des bürgerlichen Rechtes handelt. Wenn hier die Börsenmänner einen augenblicklichen Nutzen dem Gesammtwohl der Gesellschaft vorziehen, so sprechen sie über sich selbst ein Urtheil aus, so legen sie über sich selbst ein Zeugniß ab, das ihnen seiner Zeit sehr schlimme Folgen bereiten' könnte. Demungeachtet verkennen wir nicht, daß die gedachte Aufforderung doch ganz besonders und unmittelbar sichan die Banken und Bankhäuser richtet, deren Inhaber der jüdischen Religion angehören. Warum? Man wird uns so nicht fragen. Haben nicht die Väter dieser Herren unter denselben Verfolgungen aus denselben Motiven des unberechtigtsten Haffes, des Aberglaubens, des Neides, den die Trägheit stets auf den Fleiß, die Trunksucht auf die Mäßigkeit, die Unfähigkeit auf die Geschicklichkeit hegt, gelitten? Und haben wir nicht vor allem dafür zu sorgen, daß die Herrschaft der Barbarei und des Religionshaffes überall verschwinde,- damit sie nicht da sich wieder eindränge, wo sie bereits beseitigt oder doch abgeschwächt worden ist? Nun, wir gestehen offen, die großen Financiers jüdischer Religion haben dem Iudenthume und der Judenheit bis jetzt keinen Nutzen, wohl aber mannichfachen Schaden gebracht. Mögen sie immerhin dann und wann nicht blos Brosamen, sondern sogar einen Brocken für irgend eine jüdische Wohlthätigkeitsanstalt von ihrem reichen Tische haben fallen laffen, der Rischus, der um ihretwillen sich gegen uns gemehrt hat, der Neid, den sie erregten, die Meinung, daß die Geldmacht in den Händen der Juden sei, auch die Richtung, die sie dem Bolksgeiste innerhalb unsrer eigenen Kreise geben, alles dies ist von mannichfachem Nachtheil für Judenthum und Judenheit. So mögen sie durch eine That erweisen, daß, wo es gilt, sie irgend ein augenblickliches Geschäftsintereffe um des großen Ganzen willen hintenan setzen können! . . . Wir wiffen sehr wohl, daß es der Wahrheit nicht ganz entspricht, wenn man glaubt, daß an den Börsen Juden die entscheidende Stimme hätten. In London z. B. ist dies durchaus nicht der Fall, und überall giebt es der großen und einflußreichen Finanzhäuser genug, deren Inhaber keine Juden sind. Dies vermindert jedoch die Pflicht der jüdischen Banquiers durchaus nicht, und am Ende ist die Börse ein zu empfindliches Institut, daß nicht die Erklärung einer großen Anzahl Häuser, ein gewiffes Papier durchaus nicht zum Gegenstand ihres Geschäftes machen zu wollen , dasselbe für den Markt unmöglich machte. Die Aufforderung ist von Berlin ergangen, hat an der berliner Börse lebhafte Zustimmung gefunden — wie weit an anderen, haben wir noch nicht