Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1872)
- Date
- 1872-06-04
- Page
- Seite 447 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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-'„Gleichst ellung! Welcher beißende Hohn aus die wirklichen Verhältnisse! Gleichstellung verlangen die Juden in Marokko gar nicht, weil sie sehr gut wissen, daß dieselbe in einem so barbarischen Lande stets nur illusorisch bleiben wird, daß sie überhaupt nur in civilisirten Staaten möglich ist und daß ihre Beherrscher nicht in einem Tage von der finstersten Barbarei zur höchsten Aufklärung vorschreiren können. Was sie erstreben, ist vorerst nur Schutz des Lebens und Eigenthums. Diesen genießen sie nach wie vor Erlassung jenes hyperbolischen Edicts, das ihnen plötzlich die höchsten Güter der Civilisation (leider nur auf dem Papier) verlieh, nicht. Aber Papier ist geduldig, das wissen die orientalischen Despoten auch, und darum stand der Sultan von Marokko auch keinen Augenblick an, jenes illusorische Edict zu erlassen, als England ihn dazu drängte. Er hätte, wo möglich, noch mehr bewilligt, so lange es nur auf dem Papier geschah. Welch ein Triumph für England'. Es hatte ein Edict erlangt, das in Marokko freisinnigere Zustände einsührte, als sie in manchen europäischen Staaten bestehen! „Wird nun hintennach geklagt, daß die Juden, weit entfernt den Moslems „gleichgestellt" zu sein, vielmehr nach wie vor todtgeschlagen und ausgeplündert werden, so gerathen die Consuln, die solche Klagen zu hören bekommen, in große Verlegenheit. Sie sind instruirt, die „humane" Regierung, welche so „aufgeklärte" Edicte erläßt, mit Sammethandschuhen anzufassen. Zudem wissen die englischen Consuln, daß ihre Regierung es nicht gern sehen kann, wenn das rein Illusorische des von ihr erlangten Toleranzedicts all zu grell beleuchtet wird. „Sie suchen deshalb, wo sie nur irgend können, die Sache zu vertuschen, und so sind die Juden nach der Erlassung des Edicts eigentlich schlimmer daran als vorher. Andere Consuln, als englische, haben überhaupt sich bis jetzt, wenigstens in Marokko, mit der Judenfrage wenig "beschäftigt. Aber offen gestanden, es scheint bei allen ihren diplomatischen Vermittelungen nur der Effect, den sie in Europa machen, nicht, aber die Wirksamkeit derselben in's Auge gefaßt zu sein. Darum legt man übertriebenen Werth auf solche Actenstücke, wie das obige Edict, die man mühelos erlangt und die viel Sensation machen, während man das einzige, was noth thut, nämlich eine strenge Überwachung der einheimischen Administration und Polizei, das Rügen jedes einzelnen Verstoßes, kurz die Praxis der Humanität vernachlässigt. Freilich kostet die Theorie weniger Mühe und bringt außerdem noch Lorbeeren. Wir leben ja im Zeitalter der Phrase!" . * Man kann nicht läugnen, daß sich, namentlich von England aus, die Juden selbst dieses Fehlers theilhaftig gemacht haben. In Marokko wie in Persien hat man sich, und nicht minder in Tunis, mit einem Stück Papier die offenen Wunden bekleistern lassen, und sie für geheilt ausgegeben. Anders ist dies mit der Türkei der Fall, wo es stets nur die griechische Bevölkerung war, welche die Juden verfolgte, und wo europäische Mächte die Regierung an energischer Bestrafung hinderten. Selbst in Damaskus war damals die ägyptische Regierung herrschend und die französische schuld, daß die Freilassung der Juden so spät erfolgte. Dies ist zu berichtigen nothwendig. *) III. Das Kabel meldet soeben aus Washington vom 22. Mai: „Das Repräsentantenhaus nahm den Antrag an, der Präsident möge den amerikanischen Vertreter in Bukarest beauftragen, sich dem italienischen Proteste gegen die Judenexcesse in Rumänien anzuschließen." Weder der Präsident Grant, noch der Generalconsul Peixotto hat diesen Auftrag des Repräsentantenhauses erst abgewartet: aber des letztern Resolution hat immerhin die Bedeutung-einer gesammten Volkskundgebung. Unterdeß ist die rumänische Angelegenheit auch im deutschen Reichstage und zwar in der Sitzung vom 22. Mai zur Debatte gekommen. Dieselbe hier in ihrer ganzen Ausdehnung zu geben, liegt keine Veranlassung vor, und es wird genügen, wenn wir sie an dieser Stelle analysiren. Denn, um es sofort zu sagen, es fehlte dieser Verhandlung an jeder Energie, an jedem Schwünge, an jedem höhern Gesichtspuncte. Sie bot nicht das, was wir von einem Parlamente verlangen: die Stimmung, die Gesinnung, das Urtheil eines Volkes über einen für dasselbe, für die europäische Völkerfamilie, für die ganze Menschheit bedeutenden Gegenstand unumwunden auszusprechen. Die Männer des deutschen Reichstags glauben vielmehr, sie seien Diplomaten, Staats- *) Wir machen hierbei aus einen Leitartikel der „N. fr. Pr." m ihrem Morgenblatte vom 22. dieses aufmerksam, der die entschiedenste und einsichtsvollste Sprache führt.