Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1872)
- Date
- 1872-06-04
- Page
- Seite 446 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Es ist wahr, manchmal werden Schutzmaßregeln pomphaft angekündigt, aber nie ausgeführt. Oder wenn etwas geschieht, so geschieht es zu spät, wenn das Aergste vorbei ist, wie es bei den neuesten Judenverfolgungen in Smyrna (Anfang Mai 1872) der Fall war. Wieder einmal wurden Israeliten von fanatischen Griechen beschuldigt, ein christliches Kind geraubt und getödtet zu haben, um die Thürpfosten beim Osterfest mit dessen Blute zu bestreichen. Dieser Wahn ist dort viel verbreitet, und die griechisch-orthodoxe Kirche eine der fanatischsten Unterdrücker der Juden; die Polizei schritt erst ein, nachdem bereits mehrere Juden umgebracht worden waren, und nachdem auch der Blutdurst der Mörder gesättigt war, verkündeten die Zeitungen pomphaft, daß alle Vorsichtsmaßregeln getroffen seien, um weitere Unruhen zu verhüten. Was wird das Ende sein? Viele Griechen werden sich auf consularischen Schutz berufen, denn überall in der Türkei steht eine große Anzahl früherer Unterthanen, die Griechen nur dem Namen nach waren, jetzt unter dem Schutz des Königreichs Griechenland, den sie sich durch Bestechung zu verschaffen wußten. Sie entgehen natürlich aller Strafe. Die anderen werden ihr auch wohl durch irgend eine Hinterthür des Gesetzes, deren es im Orient so viele giebt, entschlüpfen." Allein wer ist hier der Schuldige? Wer hat jenen Wahn hervorgebracht und hält ihn fest? Nicht die Mohammedaner , sondern die Christen. Wer sind die Aufrührer, Plünderer und Mörder? Nicht die Mohammedaner, sondern die Christen. Wer beschützt die Missethäter und läßt sie straflos, ausgehen? Nicht die mohammedanische Regierung, sondern der griechische Consul und mancher andere! Hinter diesen Consuln stehen die betreffenden christlichen Regierungen. Freilich sind es die anderen christlichen Consuln, namentlich der östreichische, die sich schnell zum Schutze der Bedrohten und Angegriffenen erhoben. Doch war es die türkische Regierung, die ihre Macht schnell und erfolgreich verwandte und da, wo die christlichen Consuln nicht störend eintraten, wie in Gallipoli, die Verbrecher sofort in Ketten schlug.- Auf diese Weise erscheint die ganze Sache als eine christliche, ganz wie in Odeffa und in Rumänien. Ueberhaupt haben wir denn doch auf diesem Felde zwischen der. türkischen Regierung und den übrigen orientalischen, wie Marokko, Tunis, Persien, zu unterscheiden. Die türkische Regierung hat jene wohlwollende Tradition bis.aus den heutigen Tag beibehalten ’, welche sie schon zur Zeit der Verjagung der Juden aus Spanien beobachtet hat, wo sie die flüchtigen Juden in gastfreundlichster Weise aufnahm, und nach den gegebenen Verhältnissen stets human behandelte. Ganz anders steht es in den übrigen orientalischen Ländern, und für diese hat der Freiherr von Maltzan unbedingt Recht, wenn er sich folgender Maßen vernehmen läßt: „Einen sehr schlechten Dienst haben den im Orient lebenden Israeliten in den letzten Jahrzehnten unsere europäischen Zeitungen geleistet, indem sie nämlich alle illusorischen Edicte der verschiedenen Despoten, welche den Juden Schutz verhießen, für haare Münze nahmen und über Gebühr lobten und „aufpufften". Solche Edicte wurden von ihnen gerade so aufgefaßt, wie wenn sie in Europa von einer civilisirten Macht erlassen worden wären, wo das, was auf dem Papier der Gesetze steht, doch nicht alles Schwindel und leerer Schein ist. Im Orient ist es aber Schwindel und leerer Schein. Kein Orientale denkt daran, ein Edict zu befolgen, wenn es dem Fanatismus der rohen Menge entgegen ist. „Aus diesem Optimismus der Zeitungen entstehen für; die Juden manchmal die schlimmsten Folgen. Kommen : Unterdrückungen vor, so glaubt man oft dem dadurch Betroffenen nicht, beschuldigt sie der Uebertreibung, und mancher Consul, selbst manche europäische Regierung, bei der geklagt wird, beruft sich auf die „offenkundige" Humanität des orientalischen Despoten, „von der ja seine Edicte den besten Beweis liefern." In der That ist es j auch den meisten europäischen Regierungen, welche, wie die Redensart lautet, „sich der Juden annehmen", mehr 1 um die Verkündigungen solcher officiellen Actenstücke, wie die besagten Toleranzedicte, welche beim großen Publikum Sensation erregen und ihnen Zeitungslob ein- : bringen, als um die richtige Handhabung dieser huma- , nen Gesetze zu thun. „Wer erinnert sich nicht, wie vor einigen Jahren, : gleich einer Sensationsnachricht, durch alle Zeitungen die Kunde von dem Edict des Sultans von Marokko zu Gunsten seiner jüdischen Unterthanen ging? Wie wurde dieser Fürst nicht bei dieser Gelegenheit gepriesen? Die Zeitungsschreiber legten freilich damals Beweise von einem „starken Glauben" ab, denn der Fürst hatte den Schwindel weit getrieben, und von nichts geringerem, als von „Gleichstellung der Juden mit den Moslems" gesprochen.