Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1872)
- Date
- 1872-06-04
- Page
- Seite 445 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Correspondenz der „N. fr. Pr." aus Smyrna vom 11. Mar lautet: „Seit meinen letzten Mittheilungen ist die Ruhe nicht wieder gestört worden. Die energischen militärischen Maßregeln, welche der Generalgouverneur im Einvernehmen mit dem Consularcorps traf, sowie das Erscheinen des k. k. Casemattschiffes „Liffa," * welches am 5. Mai wieder hier vor Anker ging, haben eine vorzügliche Wirkung hervorgebracht, indem sie den fanatisch verhetzten Griechen Furcht einflößten und Achtung geboten, während sie zugleich den geängstigten Gemüthern Beruhigung und Zuversicht wieder Haben. Ein Zug des Metropoliten, welcher mir erst nachträglich bekannt wurde, verdient verzeichnet zu werden. Ein Israelit, Namens Ventura, hatte sich, als Delegirter der allgemeinen israelitischen Allianz, im Interesse seiner bedrohten Glaubensgenoffen zum griechischen Erzbischof begeben, um denselben zu bitten, auf die so gewaltig erregten. griechischen Volksmassen besänftigend wirken zu wollen. Die bornirte und fanatistrte Menge verfolgte Ventura bis in die Wohnung des Erzbischofs und bedrohte sogar die Person ihres geistlichen Oberhauptes, indem es Verrath schrie und Rache forderte. In diesem Momente der höchsten Aufregung stellte sich der Metropolit vor den Eingang des Gemaches, in welchem Ventura sich aufhielt, um diesen vor der Voltswuth zu schützen, und rief mit weithin vernehmbarer Stimme: „Was wollt ihr hier? Wollt ihr jemanden tödten? Nun, so tödtet mich, denn ich werde niemals einen Fremden euch ausliefern, der in meinem Hause Schutz gesucht hat." Dieser Act seltenen Muthes imponirtr der Art der einstürmenden Rotte, daß sie sich sofort zurülkzog. In den ersten Tagen dieser Woche besuchten die Consuln von Oestreich-Ungarn, Deutschland und Großbritannien den Großrabbiner, drückten ihm ihr lebhaftes Bedauern über die letzten Ereignisse aus und sicherten ihm und seinen bedrängten Glaubensgenoffen bereitwilligst ihre Unter- * ftützung zu. Was jetzt am meisten noch thut, das sind Maßregeln, um der Wiederkehr von Excessen, wie sie in jüngster Zeit stattfanden, vorzubeugen und die geänstigten und eingeschüchterten Juden zu veranlassen, ihre Geschäfte wieder aufzunehmen und im Fränkenviertel wieder ihrem Erwerbe nachzugehen. Ein großer Theil der hiesigen, etwa zehntausend Köpfe zählenden Judengemeinde ist arm und lebt von der Hand in den Mund. Mehrere hundert Judenfamilien haben in den letzten vierzehn Tagen keinen Para verdient und sind geradezu dem Hungertode preisgegeben, wenn nicht bald Hilfe kommt. Einige reiche hiesige Glaubensgenoffen, sowie mehrere Consuln und Missionäre haben allerdings Mittel herbeigeschafft, um momentan der drängendsten Noch abzuhelfen und die Hungernden wenigstens mit Brot zu versehen. ' Allein es wird noch Wochen, vielleicht auch Monate dauern, bis die Juden wieder wie früher mit den Griechen verkehren und so ihren Lebensunterhalt finden können. Aus diesem Grunde hat auch, wie ich eben höre, der hiesige östreichisch-ungarische Generalconsul schriftlich an den bekannten Wohlthätigkeitssinn der israelitischen Cultusgemeinde in Wien appellirt, um für die zahlreichen, im tiefsten Elende sich befindenden Judenfamilien einige Unterstützung-zu erlangen. In gleichem Sinne soll sich auch der hiesige großbritannische Consul an Sir Moses Montefiore in London gewendet haben. Es wäre in der That höchlich erwünscht, daß von außen Hilfe käme; denn wenn auch die Exceffe im großen durch die Entfaltung einer imposanten Militärmacht unterdrückt sind, so dauern doch Angriffe und Anfeindungen gegen einzelne Juden fort und verhindern diese, sich auf den Straßen zu zeigen und ihre frühere Beschäftigung des Verkaufes von Lebensmitteln und anderen Dingen wieder aufzunehmen. Der Haß und das Borurtheil gegen das Volk Israels, genährt und verbreitet durch die Geistlichkeit und die Willkür der Regierungen, welche den Juden Jahrhunderte lang die Ausübung der ersten Menschenrechte vorenthielten, treten in ihren empörenden Folgen nirgends sichtbarer zu Tage, als hier im Osten." Es wird also wohl auch hier wieder ein Ruhestand eintreten, was uns jedoch nicht verhindern darf zu versuchen, alle Illusionen auch betreffs dieser Länder zu zerstreuen. Es liegt uns hierzu ein Aussatz des durch seine orientalischen Reisen bekannten Freiherrn Heinrich von Maltzan vor, dessen erster Theil: „die Toleranzedicte der Sultane," in der jüngsten Nummer des „Magazins für die Literatur des Auslandes" vom 18. Mai abgedruckt ist. Dem Verfasser können wir nicht unbedingt beistimmen, wenn er die türkische Regierung in Angelegenheiten der Judenverfolgungen der russischen nachsetzt und auf das Beispiel der letzteren, wie man dergleichen Versuchen entgegentreten müsse, in Kischenew hinweist. Wir brauchen hiergegen nur an die Vorgänge in Odessa im vorigen Jahre zu erinnern , während die türkische Regierung in Smyrna wie in Gallipoli gezeigt hat, daß sie den Aufstand schnell zu unterdrücken und möglichst zu bestrafen gesonnen und befähigt sei. Er schreibt: „Wo geschieht im Orient etwas Ähnliches?