Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1872)
- Date
- 1872-06-04
- Page
- Seite 444 (sequence 4)
- Language
- German
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MW nicht selten vor einer solchen, und so -bereitet der Berg Üeberraschungeu, welche um so verderblicher für die ahnungslosen Umwohner sind.' Gerade darum lassen sich die Leute durch eine längere Pause allzu sehr in Sicherheit wiegen. Alles dies Haben die Judenhetzen in den halbcivilisirten Ländern, vom eisernen Thore an, durch welches die Donau nach Rumänien fließt, mit den Bulcanen gemein. Auch hier oft eine-, längere Ruhe, dann ein plötzlicher Ausbruch, welchem in kurzer Zeit abermalige und heftige Eruptionen folgen, bis diese wieder stillstehen. Schnell verbreitet sich dann unter den Mißhandelten und Verfolgten wieder ein Gefühl der Sicherheit , und die civilisirte Welt vergißt gern der Gräuel, die so nahe an ihren Gränzen geschehen waren. Wir dürfen dies jedoch nicht. Die Dinge haben einen Charakter und eine Heftigkeit angenommen, welche uns das Gebot auferlegen, nicht still zu schweigen, solange irgend eine Hoffnung auf Besserung vorhanden ist, und noch darüber hinaus, um von Zeit zu Zeit den Schlummer zu stören, in welchen man diese widerwärtige Angelegenheit so gern versinken läßt. In Rumänien könnte man freilich die Zeit der Hoffnung als vergangen ansehen. Wo die öffentlichen Miffethäter von den Gerichten selbst frei gesprochen, dagegen drei schuldlose Juden trotz aller überzeugenden Beweise auf zwei Jahre im Gefängniß gehalten werden, und man sich nicht entschließen' kann, dem Rechte sein Recht, der Unschuld ihre Straflosigkeit zu gewähren, da scheint allerdings alle Hoffnung aufgegeben werden zu müssen, denn entschieden haben daselbst das Volk und seine Beamten und schließlich auch die zögernde Regierung sich gegen die wehrlosen Juden mit einander verschworen. Der öffentliche Geist ist da so haßerfüllt, so giftschwanger, daß alles Rechtsgefühl und Rechtsbewußtsein aus Haupt und Gliedern geschwunden ist, und da es nun diesem todkranken Staatskörper an jedem Arzte fehlt, da die Schutzmächte ihn vor dieser Selbstvergiftung zu schützen sich nicht entschließen können, sondern statt Retorte und Instrument nur Worte verwenden: woher soll da die Hoffnung auf Genesung kommen? Allerdings sdll ein Antrag in den deutschen Reichstag gebracht., also eine Debatte darüber angeregt werden. Wir kennen den Antrag noch nicht, und noch weniger vermag man den Gang dieser Debatte voraus zu wissen. Paß hierdurch etwas Wesentliches erzielt werde, läßt sich kaum annehmen. Wir erkennen es dankbar an, daß sich der deutsche Reichstag hiermit dem englischen und, dem italienischen Abgeordnetenhause anschließt. CS ist immerhin gut,- daß die Regierungen sehen, ihre Parlamente verlangen ihr Vorgehendas freilich immer noch nichts weiter als ein schriftliches Protestiren ist. Es ist ganz gut, daß die Rumänen abermals sehen, daß sie von den Vertretern eines erleuchteten Volkes verdammt werden. Hier freilich wird sich ihr Deutschenhaß, der ihrem Iudenhaffe beinahe gleichkommt, mit ihrer Feindschaft gegen die Deutschen, trösten, da sie sich in ihrer thörichten Selbstüberschätzung einbilden, daß die Deutschen auch sie Haffen, wovon wirklich keine Spur vorhanden ist. Weiter wird es nichts nützen. — Bon dem viel kräftigern Gegenmittel, über welches uns auS Berlin geschrieben worden ist, daß nämlich die europäischen Börsen sich jedes Handels mit rumänischen Anleihen enthalten sollten, worüber jüngst auch andere Blätter berichteten, haben wir nichts weiter vernommen. Würde dieser in Berlin günstig aufgenommene Antrag auch an andern Plätzen Anklang gefunden haben, so würde dies bereits ausgesprochen worden sein. Der Eigennutz und die Profitsucht überwinden hier alles Gefühl für das Recht, für Humanität und für Glaubensgenyffenschaft. Auch sind die Rumänen all zu gut französisch gesinnt, als daß man für einen aus Deutschland kommenden Antrag gegen sie in Paris eine willige Aufnahme erwarten dürfte. In der damasker Angelegenheit blutigen Andenkens, welche im eigentlichen Oriente den Anfang zu diesen Judenverfolgungen gab, machten sich die Franzosen, den Herrn Thiers an der Spitze, auch kein Gewissen daraus, die schuldlosen Juden verläumden und verfolgen zu lassen, um ihrer politischen Zwecke willen und um ihren schändlichen Vertreter in Damaskus, den Grafen Ratimenton, nicht fallen zu lassen. Wie werden sie jetzt wohl die ihnen freundlich gesinnten Rumänen vor den Kopf stoßen, wo sie so wenige Freunde in Europa haben? Herr Thiers wird also wahrscheinlich seinen bedeutenden Einfluß auf die Börse ausüben, um sie nicht zu diesem Entschlüsse gelangen zu lassen, wenn dies bei ihr noch nothwendig sein sollte. In solchen Dingen aber muß der Beschluß ein allgemeiner sein, wenn er eine Wirkung haben soll. — Man beschuldige uns nicht des Pessimismus; wir sehen in politischen Dingen nur gern ganz klar; geben aber durchaus nicht die Hoffnung auf, daß selbst in Rumänien durch die göttliche Fügung und Dergeltung eine Veränderung eintreten werde, die diesen abscheulichen Zuständen ein Ende mache. Gehen wir zum eigentlichen Oriente über. Eine'