Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1872)
- Date
- 1872-06-04
- Page
- Seite 443 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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würdigen organischen und von Zeit zu Zeit reorganisirten Zusammensetzung den allgemeinsten religiösen Lehrinhalt mit den Besonderheiten einer individuellen Existenz vereinigte, verschmolz. Gerade hierdurch besaß es die Lebenskraft, nicht allein durchviertehalb Jahrtausende zu existiren , sondern auch einer auf dasselbe feindselig eindringenden Welt und allen zersetzenden Elementen zu widerstehen. Dies ist es, was das Judenthum war und ist, und was es sein wird, so lange es gegenüber den ihm widersprechenden polytheistischen Ideen und Lehren für seine Bekenner und für die Menschheit existiren muß. Was daher das Judenthum erstrebt, ist nichts als die Freiheit eines nicht eingeschränkten Fortbestandes, einer freien, sich selbst überlassenen Entfaltung. Dies aber, ihr Herren Liberalen, werden wir uns von niemandem verkümmern lassen, und wir, die wir den furchtbaren Angriffen der mittelalterlichen Kirchen widerstehen konnten, werden dies auch gegen die bei weitem weniger zu fürchtenden Angriffe deutscher, sogenannter liberaler Gleichmacher im Stande sein. Weder das deutsche Reich/noch irgend ein Staat hat von den Juden etwas zu fürchten, wird überhaupt in feinen Tendenzen und Bestrebungen irgendwie eine Alteration oder nur den Versuch zu einer solchen erfahren. Es liegt wie gesagt, dies weder im' Charakter und Ziele, noch in den Mitteln des Judentums. Ebenso wenig wird sich bei uns ein Streben, der Kirche nachzuahmen und einen irgend bedeutenden Einfluß auf daS bürgerliche und staatliche Leben zu gewinnen, geltend machen. Selbst die Orthodoxen-, selbst die Hyperorthodoxen, wollen dies nicht und beschränken sich auf einige kleinliche Mittel, ihre Schaar zu zwingen, innerhalb der von ihnen. gezogenen Lebensschranken zu verbleiben, ein Bestreben, welches in der Gesammtheit der Judenheit ein überwiegendes Gegengewicht hat. Fragt man nach Beweisen, so braucht man nur darauf hinzuzeigen, daß die Juden niemals den Staatseinrichtungen, sobald diese auf sie ausgedehnt wurden, einen Widerstand entgegensetzten , sondern sich denselben bald anschmiegten. Sie verloren nach einander ihr Criminalrecht, ihr Civilrecht, ihr Erbrecht, sie wurden dem Schulzwangs der Militärpflicht, der Civilehe u. s. w. unterzogen , und man hat weder von activem noch passivem Widerstande, jemals gehört, und daß die Juden in passivem Widerstande etwas' hätten leisten könnenweiß man doch zur Genüge. Selbst was die Juden auf dem Gebiete der Schule erstreben, geschieht vorzugsweise zur Abwehr der ihnen gegenüber stehenden Confessionalitäten. Wo die Volksschule streng confesstonell ist, muß es eine jüdische Volksschule geben. Dagegen hat man selbst in den von Juden am meisten bevölkerten Städten noch nichts von der Errichtung eines jüdischen Gymnasiums oder vergleichen gehört. Die israelitische Realschule zu Frankfurt am Main ist nicht confesstonell, sondern zählt eine große Anzahl christlicher Schüler. Unter Friedrich Wilhelm IV. wurden den Juden sehr lockende Anerbietungen zu Separationen gemacht: sie wiesen sie aber entschieden zurück. Was will also der deutsche Liberalismus vom Judeuthum? Dies hat jenem gegeben, was es ihm irgend geben konnte und durfte. Wenn aber der deutsche Liberalismus nicht im Stande ist, irgend welche Individualität zu ertragen, die ihm auf politisch, socialem Gebiete gar nicht entgegenwirkt, so beklagen wir ihn deshalb, bedauern seine Beschränktheit und werden ihm nicht' darin folgen. Wir weisen ihn mit seinen desfallsigen ' Forderungen entschieden ab. Das' Judenthum hat von! diesem Liberalismus für seinen Fortbestand nichts zu erwarten; er wird trotz allem seinem Pollern der katholischen und der evangelischen Kirche gewaltige Summen i aus dem allgemeinen Steuersäckel gewähren, den ihm! nach diesem Maße zukommenden Theil aber dem Juden-! thume vorenthalten. Aber dieser Liberalismus soll wenigstens den Bestand und die aus seinem eigenen Schoße gezogenen Mittel dem Judenthume nicht verargen, abschneiden und vernichten wollen. Solche Versuche werden ihm nichts nützen, wohl aber ihm schaden und ihn noch! mehr der Einseitigkeit zudrängen, welche in der Welt--! geschichte gleichbedeutend mit Verfall und Untergang ist. Man wirft und mit großem Rechte dem Ultramontanismus und der Reaction Anmaßung, Grobheit, Unverschämtheit vor. Der radicale Liberalismus hat nie- \ mals Anstand genommen, dieselben Tugenden zu ent-! wickeln. Wir haben hiervon ein Beispiel in einer eben ' erschienenen Schrift vor uns liegen; doch hierauf wollen' wir nächstens eingehen. Die Z«de«verfo1glmgea im Grient. ii. ' Ein Vulcan hat das Eigenthümliche, daß sich seine l Ausbrüche, folglich seine Ruhezeiten nicht berechnen lassen. Selbst die Symptome einer nahenden Eruption fehlen' 23* .