Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1872)
- Date
- 1872-06-04
- Page
- Seite 442 (sequence 2)
- Language
- German
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diesen noch jetzt mit sich herum. Dieser französische Liberalismus hatte aber schon seit 1790 die Gleichheit^ nicht aber die Freiheit zu seinem Wesen , wie sich dies bis auf den heutigen Tag in den französischen Institutionen und Sitten bewährt hat. Hierin ist er völlig vom englischen Liberalismus verschieden, der energisch die Freiheit für jedermann verlangt, die Gleichheit aber der Entwickelung der Gesellschaft überläßt. Der Vorurtheilslose, der weder Cäsarist noch Demagog ist, wird diese Freiheit, welche im Grunde oder doch zu ihrem Ziele auch die Gleichheit, soweit sie überhaupt unter den Menschen möglick und wünschenswerth ist, haben wird, bei weitem der französischen Gleichmacherei ohne Freiheit vorziehen. Denn diese artet bald mehr bald weniger zu irgend einer Sklaverei aus; sie will in der That einen politisch-sycialen Brei aus der Menschenmasse machen; sie entspringt aus Einseitigkeit und endet in solcher, in der Unterdrückung jeder freien Bewegung jeder mannichfachen Entfaltung, jeder frischen Begeisterung. —Diesem französischen Liberalismus steht der deutsche noch allzu nahe, hingegen fern von dem englischen und nordamerikanischen, der innerhalb des Staatslebens allen Millionen seiner Bürger die volle Freiheit giebt, mit sich anzufangen und zu treiben,, was sie wollen, sobald sie gegen die Gesetze, den Bestand und das Wohl des Staates nichts unternehmen. Es ist auch nicht zu verkennen, daß der Eifer für Nivellirung seit dem Bestände des neuen deutschen Reiches sehr gewachsen ist, was unschwer zu erklären ist. Alles Particulariftische ist um so verdächtiger, je mehr es wahrend des langen Verfalls des deutschen Reichs existirte, also zu diesem beigetragen zu haben vermachet werden kann. Die Feindseligkeit endlich, welche der Ultranrontanispius gegen das neue Deutschland gezeigt und bethätigt hat, mußte die Furcht vor jeder kräftigen Individualität vermehren und das Mißtrauen gegen alle religiösen Erscheinungen, welcher Art sie auch seien, verstärken. Das Iudenthum, behaupten wir, nimmt im Vergleich mit den bestehenden Kirchen eine völlige Ausnahmestellung' ein. Eigentlich sollte sich hierüber niemand wundern. Man hat ihm diesen Kirchen gegenüber stets eine besondere Stellung gegeben; wie kann man sich daher wundern, daß es eine andere einnimmt? Mit einem Worte, die Synagoge ist keine Kirche, sie ist noch heute, was sie von Anfang an, aus der Zeit des dritten" und zweiten Jahrhunderts v o r der Zerstörung Jerusalems war, ein Betli hakkenessetli „Versammlung^- Haus", Beth JiattephiUah „Bethaus". Sie hatte niemals eine ptAtische Macht; ja nur eine politische Bedeutung , Vorrechte und Privilegien; sie hatte niemals eine concentrische Organisation, einen hierarchischen Klerus, ja nur einen Klerus überhaupt; sie hatte keinen Mittelpünet und kein Oberhaupt. Alles dies hatte sie nicht und hat sie nicht; der Flimmer, den ihr hier und da ein Staat davon gegeben hat, hält nicht einmal an der Oberfläche des Judenthnms fest, und verflattert sofort, wenn die Hand des Staates ihn abreibt. Woher also der Synagoge irgend welche Mittel, eine politische Rolle und zwar eine particularistische zu spielen, kommen sollen, ist gar nicht abzusehen. Aber auch von innen heraus, in ihrem eigensten Wesen, war die Synagoge nie Kirche. Daß, so lange der Tempel bestand, auch eine Priesterschaft existirte, und bald mehr, bald weniger auch eine politische Herrschaft ausübte, ist wahr, obschon die Vorrechte, das Besitzthum und das Ansehen der Priesterschaft schon von ihrem Anfänge an sehr beschränkt worden war, ihr politischer Einfluß daher nur von Umständen und Persönlichkeiten, nicht aber von der Institution selbst abhing. Das Prophetenthum, der diesem folgende Gelehrten stand und endlich die neben dem Tempel schnell aufwachsende Synagoge beschränkten jenen'Einfluß immerfort und lösten ihn endlich gänzlich auf. Die Synagoge war niemals Kirche, denn sie war überall, wo zehn Männer zum gemeinsamen Gebete zusammen traten. Sobald das Gebet aufgehört hat, die Thorarolle wieder entfernt ist, hört der Raum auf Synagoge zu sein. Jeder aus der Gemeinde konnte und kann Vorbeter sein und die Functionen verrichten, die der Gebrauch allenfalls dem Rabbiner übertragen hat. Alles dies ist Sache des Vertrauens, keiner Weihe, keiner Ordination, keines Gelöbniffes, keines Eides. Das Vertrauen wird durch die Erklärung eines oder einiger Gelehrten über das Wißen des Betreffenden und durch den Wandel bestimmt, den er vor der Gemeinde führt. So fehlen also der Synagoge und dem Judenthume überhaupt Wesen und Mittel eine Kirche zu bilden, die Ansprüche einer Kirche zU erheben und die Zwecke der Kirche als solcher mit mehr oder weniger Erfolg zu erstreben und durchzuführen. Was hat also der Liberalismus gegen das Iudenthum? - \ / ' Ist das Iudenthum keine Kirche, so ist es hingegen eine kräftige und lebensvolle Individualität, eine große geschichtlich-religiöse Individualität, welche in einer merk-