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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-05-28 · Heft 22 (28.5.1872) · p. Seite 439

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 22 (28.5.1872)
Date
1872-05-28
Page
Seite 439 (sequence 15)
Language
German
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jedoch dies in irgend einem bedeutenden Umfange oder in einer wünschenswerthen Vertiefung zu leisten verspreche, das verlangen Sie nicht -von mir, ja erwarten es gar nicht in den bescheidenen Briefen, die ich an Sie richte. Erfahrungen, Beobachtungen Winke, weiter nichts. — Moritz Hartman». Auch uns war Moritz Hartmann als Dichter und Publicist rühmlich bekannt. Wir zollten ihm die Achtung, welche einem talentirten, emsigen und gesinnungstüchtigen Schriftsteller zukommt, sowie den Dank für manche angenehme und lehrreiche Stunde, welche uns die Lectüre seiner Schriften bereitete. Die Schöpfungen Hartmanns gehören nicht zu den dauernden, zu denen, welche ein und das andere Jahrzehnt überleben. Als Dichter war er zu sehr Publicist und als Publicift zu sehr Dichter. Aber sie haben ihrer Zeit gewirkt und zum Durchbruch freisinniger Ideen im großen Publicum beigetragen. Auch wußten wir wohl, daß Hartmann als Jude gebyren war. Aber war er als solcher gestorben? Die Nekrologe, die wir nach seinem Tode in der „Neuen freien Preffe," „Köln. Zeit." und . in anderen Blättern lasen, belehrten uns hierüber nicht; sie erwähnten nicht einmal, daß er als Jude geboren war. Drei Tage später sagte uns die Beschreibung seines Leichenbegängnisses, daß er auf dem jüdischen Friedhofe zu Wien begraben worden sei, daß der wackere Sulzer mit seinem Synagvgenchore die hebräischen Gebete in der Halle, sowie am Grabe ergreifend vorgetragen habe. Kompert, der Jugendgenosse Hartmanns, hielt ihm eine erschütternde Grabrede. Jetzt wußten wir, daß unsere Notiz aus früherer Zeit richtig gewesen und daß Hartmann auch als Jude gestorben war. Wir gestehen, daß wir hierbei ein Gefühl der Betrübniß empfanden, dasselbe, wie es uns neulichst durch die Seele ging, als der Vertreter einer großen Gemeinde aus einem Staate, der die Verfassung der jüdischen Gemeinde und die Zugehörigkeit zu ihr völlig frei gegeben hat, berichtete, daß an seinem Orte ansässige Juden sich nur darum der Gemeinde wieder zugewandt hätten , um ihre Todten auf dem jüdischen Friedhofe begraben zu lassen. Aehnlich ergeht es ja den Orthodoxen Karlsruhes, welche aus der badischen Landessynagoge ausgetreten sind, und nun an den jüdischen Friedhof keine Ansprüche mehr haben sollen.. Wie? Soll der Verband des Judenthums nur der des Todtenackers sein? Soll und muß er nicht vielmehr ein Verband des Lebens, muß das Judenthum nicht eine fruchtbare Flur sein, ein gemeinsamer Boden, aus welchem die Halme dicht und saftvoll ersprießen? Man mißdeute uns nicht. Wir sind weit davon entfernt, von jedem Juden, besonders von jedem talent- und geistreichen Juden zu verlangen , daß er sein Lebelang, ja daß er nur durch irgend welche besondere Werke und Thaten innerhalb des specifischen Gebietes des Judenthums -arbeite und wirksam sei. Was er für die Menschheit , für die Gesellschaft, für das Vaterland thut und schafft, thut und schafft er zugleich für das Bekenntniß und für. die Genossen seiner Religion. Aber wir fordern doch, daß er ein lebendiges Jntereffe für das Judenthum und seine Stammesgenossen irgend wie Lethätige, daß er sich nicht ganz von diesem Religionsbekenntnisse fern halte, ihm eher freundlich als feindlich gesinnt sich zeige. Von einem Manne, dessen Name so vielfach im Munde des Publicums ist, nicht zu wissen, ob er Jude sei oder nicht, legt immer davon ein Zeugniß ab, wie er sich gegen die Religion seiner Väter verhalten hat. Nun, wir glauben, daß die Zeit jenes Kosmopolitismus, der Nation wie Confession verächtlich bei Seite schob, ziemlich vorüber ist. Nationalität und Confeffionalität haben sich als so wichtige, so fundamentale Factoren. in der neuesten Geschichte erwiesen, daß sie als nicht bestehend, als Schemen einer vergangenen Zeit, nicht mehr betrachtet werden können. In den Kämpfen) welche entbrannt sind, ist es nicht mehr gleichgiltig, ob einer Katholik, Evangelischer oder Jude, so wenig wie ob er Deutscher, Franzose oder Italiener ist; innerhalb dieser Kämpfe und nach der Entwickelung des Judenthums in unserer Zeit wird das Bekenntniß als Jude, wie es uns scheint, als ein Vorzug gelten können, da ihm nicht wenige Streitelemente fern bleiben, mit denen die anderen Consessionen noch zu ringen haben. In diesen Annalen des Judenthums liegt es uns gegenwärtig nicht mehr daran, jeden Mann von Geist und Verdienst, welcher unserem Stamme entsprossen ist, zu verzeichnen, und wenn er Schriftsteller war, feine Werke aufzuführen und auf deren Erfolg hinzuweisen. Wir haben dies darum nicht mehr nöthig, weil der Beweis, daß in dem jüdischen Stamme eine Fülle des Geistes und genugsam Kraft' vorhanden ist, tüchtige und wirksame Männer hervorzubringen, längst geführt ist. Aber noch nach einer Seite haben wir selbst in der Gegenwart das Bedürfniß, ausgezeichnete Menschen unseres Stammes und Glaubens nicht ohne ein eingehendes Gedenken zu lassen, nämlich solche, die durch ihren Charakter, ihren sittlichen Gehalt, den edlen Werth ihrer Persönlichkeit sich die Anhänglichkeit und Verehrung aller erwarben, die sie kannten. Wir wissen ja wohl, welche Fehler und Schwächen man den Juden vorzuwerfen pflegt, die das Vorurtheil auch dann noch festhalt, wenn jene allmälig geschwunden sind. Die Schriftsteller, besonders die Roman- und Lustspieldichter tragen durch die Caricaturen, welche sie, sobald sie Juden auftreten lassen, zu zeichnen belieben, nicht wenig hierzu bei. Diesem gegenüber ist es von Nutzen, die, Gott sei Dank! lange Reihe nobler, sittenreiner und fester Charaktere, welche unter den Juden unserer Zeit sich hervorgethan haben und selbst der Oeffentlichkeit angehörten, durch jeden Namen zu vergrößern, der dessen würdig ist, und

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