Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1872)
- Date
- 1872-05-28
- Page
- Seite 440 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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für welchen nicht unsere Zeugnisse Llos, sondern auch die seiner christlichen Freunde sprechen; abgesehen davon, daß wir durch diese als Muster und Vorbilder der Heranwachsenden Jugend auf diese nützlich zu wirken glauben. Deshalb sind wir in diesem Feuilleton, wiederholt auf den verstorbenen Jakob Kaufmann zurückgekommen , der übrigens für seine Religiönsgenofsen stets das wärmste Jnteresie bethätigt hat; und" deshalb können wir das Hinscheiden Moritz Hartmanns, nicht vorübergehen lasten, ohne aufseinen vortrefflichen Charakter hinzuweisen. Er war geboren am 15. Octöber 1821 zu Dufchnik in Böhmen, und feine bemittelten Aeltern verwendeten das mögliche auf seine Erziehung. Er studirte in Prag, Wien und Leipzig, und ließ in letzterer Stadt einige Bände Gedichte erscheinen. Bald hatte er durch seine freisinnigen Aeußerungen sich die Verfolgung der östreichischen Polizei zügezogen. Im Jahre 1848 würde er zu Leitmeritz in die deutsche Nationalversammlung gewählt, in welcher er auf der äußersten Linken saß. Von jener mit Robert Blum und Fröbel als Commissär nach Wien gesandt, entkam er mit Mühe dem Schicksale Blums. Bald mußte er als Flüchtling in der Schweiz und dann in Paris leben, woselbst er 1852 einige Wochen wegen ganz unverfänglicher Berichte an die „Kölnische Zeitung" in das Gefängniß geworfen wurde. Nach den mannichfaltigsten Wanderungen ließ er sich in Genf nieder, heirathete 1860 ein Hochbegabtes Mädchen christlicher Religion, wurde seines kleiden, durch mühsame Arbeit erworbenen Vermögens verlustig und erhielt vor wenigen Jahren den Ruf als Redacteür des Feuilletons der „Neuen Freien Presse", ein Amt, das seinen Fähigkeiten ganz entsprach und ihm eine sorgenfreie Existenz verbürgte.' Aber gerade da fing er an zu siechen, und unterlag feinen Leiden am 13. Mai. Moritz Hartmann har ein sehr schicksalreiches und bewegtes Leben geführt, aber in allen Lagen und Verhältnissen erwies er einen festen, unbestechlichen, reinen und edlen Charakter. Dies sprechen alle Nekrologe, die ihm in der Presse gewidmet wurden , nachdrücklich aus. Wir geben hier wieder, was in dieser Beziehung die N. Fr. Pr. ihm nachrief: „Noch mehr alslvie dichterische und schriftstellerische Begabung Hartmanns ist sein edles Gemüth, sein hoher •' Geist, die vollkommenste Unbescholtenheit des Charakters zu preisen, dem auch Neid und Mißgunst nahe zu treten nicht wagen konnten. Auf dem reinen Spiegel dieser Ehre konnte kein Auge, "auch nicht das scheelsüchtigste, einen Makel entdecken. Wie viel Züge von Zartheit, von Dienstfertigkeit Und von Großmuth findet» sich in dem Leben des vielgeprüften , von dem Geschicke viel uMhergetriebenen Mannes! Alle seine Freunde wissen/ was für einen Freund sie an ihm hätten; was er seiner Frau und seinem Kinde gewesen ist, vermag nur der zu beürtheiL len, der das Familienleben des Dahingeschredenen mit all seinen Reizen, mit seiner wohlthuenden Stille und Heiterkeit in der Nähe gesehen hat. Die Unabhängigkeit Hartmanns war so groß, daß keine Gewalt auf Erden, weder die des Geldes, noch der'Eitelkeit oder des Ehrgeizes, weder Hang zum Genüsse, noch drohende Gefahr, noch lockende Verhältnisse seine Grundsätze und Ueberzeugungen zum Wanken und Weichen bringen konnten. Bor den Märztagen schon griff er in die Saiten und sang mit den Besten um die Wette für des Menschen unveräußerliche Rechte. In der Paulskirche faß er auf den Bänken der Männer , welche den raschesten und gründlichsten Bruch mit den Ueberlieferungen und Vorurtheiten einer diinklen Vergangenheit forderten. Wie er damals war, so ist er bis an das Ende seiner Tage geblieben, unverrückbar festhaltend an dem Gedanken einer geistigen Neubelebung der Nation durch Wissen und Freiheit. Verbannt, flüchtig, zum Kampfe um's Dasein auf fremder Erde verurtheilt, aß er im Schweiße des Angesichts sein Brot. Ohne alles Bermögen, ohne jede Unterstützung gewann er durch redliche Arbeit seinen Unterhalt. Der deutsche Bücher-, markt weiß von der unermüdlichen Thätigkeit des Schriftstellers viel zu erzählen. Die nächsten Freunde des Dichters wissen, wie bescheiden er sich einzurichten und Haus zu halten verstand, um nie zu einem unwürdigen /Schritt gezwungen zu werden und um niemals seiner Mannheit etwas zu vergeben. Franzosen, Italiener und Engländer empfanden Ehrfurcht vor dem deutschen Flüchtlings der seinen Dichterruhm unausgebeutet ließ und der stets so unverdrossen sein Tagewerk vollbrachte. Ohne Frage hat Moritz Hartmann zur Achtung der Deutschen im Auslande nicht wenig beigetragen." Der Nekrolog schließt: „Mit Hartmann geht eine der schönsten und anziehendster Gestalten unserer Zeit, ein liebenswürdiger Mensch, ein unerschrockener Bürger, ein ehrenhafter Mann zu Grabe. Möge sein Andenken fortwalten und fortwirken, der Jugend zur Nachahmung, dem -Vaterlande zur Ehre der Menschheit zum Gewinne!" Verlag von Banmgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von 3. B. Hirfchfktd. Verantwortlicher Redaeteur Dir. H. Lotze.