Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1872)
- Date
- 1872-05-28
- Page
- Seite 438 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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nur naturwüchsig behandelt werden muffe. Eine Zeit lang war es Mode, den sogenannten Naturvölkern, d. h. Völkern auf einer der unteren Stufen der Entwickelung, die größte Beredsamkeit zuzuschreiben. Ich muß gestehen, ich habe keine Gelegenheit gehabt, dies bestätigt zu finden, und Halle es auch nur für eine romantische Grille. Wo der Jdeenkreis noch ein beschränkter, die Vorstellungen in geringer Menge vorhanden, die Sprache noch unbeholfen und unentwickelt ist, da kann auch nur eine unentwickelte Beredsamkeit vorhanden sein, welche zwar einem solchen Völkchen genügt, aber vom allgemein 'menschlichen Standpuucte aus nur für eine Vorstufegelten kann. Das Sprechen „wie einem der Schnabel gewachsen ist" mag unter Umständen bester am Platze sein als jede wirkliche Rede; aber diese Umstände werden nicht lange ausreichen, und die ganze Richtung sehr bald widerwärtig werden. Man hat es oft erlebt, daß Redner, welche in einer Volksversammlung oder in einer Jntereffenversamrnlung, d. h. wo eine Anzahl Menschen versammelt war, welche von einem Interesse, von einem Gedanken beherrscht waren, außergewöhnliche Erfolge erreichten und daher.die stärksten Erwartungen ihrer Mandatare mit sich trugen, in anderen Versammlungen' gemischter Zusammensetzung, höher gebildeter Zuhörer, z. B. in emem Abgeordnetenhause, völlig abfielen, gar nichts wirkten, bald verstummten. Man drang eben hier mit Schlagwörtern und das Ohr der Jnteressirten schmeichelnden Phrasen nicht durch. Ja, das Reden isteine Kunst. Dies besagt nicht, daß es zur Künstlichkeit, zur Verkünstelung werden dürfe, daß ein erkünsteltes Product das rechte sei. Es besagt nicht einmal, daß sie erlernt und nach bestimmten, sorgfältig normirten Regeln geübt werden müsse. Beides ist bei keiner Kunst der Fall; bei jeder ist eine bedeutende Naturanlage erforderlich; ja bei der Redekunst sind eigenthümliche natürliche Mittel vielleicht nothwendiger, als bei einer anderen Kunst, denn sie verlangt eine gewisse angemessene äußere Erscheinung, wohlklingendes und kräftiges Organ, eine entsprechende Begleitung der Geberden und dgl. Wie aber dem ungeachtet die bloße Naturwüchsigkeit keinen großen Künstler macht, wie dieser bedeutender Studien, der Ausbildung an den Werken seiner Vorgänger, der Kenntniß der technischen Mittel bedarf, um die Höhe zu erreichen: so auch der Meister der Rede — und man kann es jeden Tag erleben, wie ein nicht zu unterschätzendes Talent durch die Vernachlässigung alles dessen zu Grunde geht. Allerdings hält dies auch Schritt mit der Entwickelung des Volkes und der Zeitepoche, und wo die letzteren zu einer intensiven Bildung gelangt sind, werden auch die Forderungen an den Redner, die Bedingungen seiner Wirksamkeit wachsen, bis die Cultur und mit ihr die Redekunst die Höhe überschritten hat und abwärts geht. Darum ist auch die Redekunst erfunden worden, wie jede Kunst eine Geburtsstätte hat, wenn auch ihre Anfänge und ihre Uebung überall vorhanden waren. Die religiöse Beredsamkeit ist unstreitig von den Hebräern erfunden worden, wie die politische und juridische vom-den Hellenen , .letztere auch ausnehmend von den Römern entwickelt wurde. Die sogenannte natürliche Beredsamkeit findet ein feines Musterstück in der Rede Juda's vor Joseph im 44. Cap. des ersten Buchs Mose. Aber abgesehen hiervon, bieten das fünfte Buch Mose, die Propheten und das Buch Hiob die unsterblichen Vorbilder der religiösen Beredsamkeit, wie wir für die profane sie in den bewunderten hellenischen und römischen Rednern besitzen. Zu diesen Quellen müssen wir alle Zeit zurückgehen , und es ist sicher, daß die größten Redner der neueren Zeit aus ihnen geschöpft und nur dadurch ihre, wirkungsreiche Kunst erlangt haben. Es ist dies von ihnen eingestanden worden, und wir besitzen daS Bekenntniß eines der berühmtesten englischen Redner, daß er die vorzüglichsten Stellen seiner Reden ganz nach dem Muster von Demosthenes, Aeschines, Cicero gearbeitet habe. Es ist dies auch ganz natürlich. Die Begeisterung entzündet sich an der Begeisterung, und der Formsinn bildet sich an den schönen und edlen Formen. Der begeisterte Hörer wird zum begeisterten Redner, und wem der Sinn für die Form durch die Betrachtung derselben an hohen Vorbildern erschlossen worden ist, der wird sie dann selbstschaffend zu handhaben vermögen.' Hiermit ist allerdings nicht gesagt, daß die Redekunst nur im genauen Bewußtsein der Gesetze, die in ihr walten, und der Regelndie sich daraus ziehen lassen, ausgeübt wird und werden kann. Dem widersprächen zahllose Beispiele, so wie hinwiederum eine sorgfältige Kenntniß und Anwendung rhetorischer Regeln noch lange keine gute Rede verbürgen. Aber sicher ist es, daß diese Gesetze und Regeln auch unbewußt in den mächtigen Rednern walten, aus innerer Intuition zur That werden, und aus ihnen erkannt und gezogen werden können. Dennoch muß man behaupten, daß durch die klare Erkenntniß dieser Gesetze und Regeln dem an sich tüchtigen und gut ausgestatteten Talente eine wichtige Handhabe, eine erfolgreiche Erleichterung, eine gewisse Vollendung dargeboten wird. Die bahnbrechenden Genies sind selten; es kommen Perioden , wo sie gar nicht mehr vorhanden sind;, gerade in diesen pflegt das Bedürfniß ein ausgedehntes zu sein und tüchtige und gebildete Kräfte in Menge gefordert zu werden. Hier ist es, wo die Verbindung der Natur und der Kunst ihre eigentliche fruchtbare Stätte hat, wo die Pflugschaar der Kunst die Mutter Erde durchschneiden, und wo die Sagt der Kunst ausgestreut werden muß. lieber die Redekunst nachzudenken, ihr in ihre innersten Gänge zu folgen, ihren Geheimnissen nachzuspüren, hat daher den . zwiefachen Vortheil-, die Beurtheilüng der Meister zu erleichtern, das Wesen dieser edlen Kunst erkennbar zu machen, und zugleich diejenigen zu belehren, welche das Reden theils, zu ihrem. Lebensberufe, Heils zü; einer häufigen Beschäftigung machen. Daß ich Ihnen